Dieses Buch ist anders als viele Link-Romane: straffer, schnörkelloser erzählt, klarer im Stil, nach vorne strebend, so dass die Geschichte ordentlich an Tempo aufnimmt.
Erzählt wird sie hauptsächlich in drei Perspektiven: der von Ryan Lee, der Vanessa Willard entführte und aus lauter Angst und Feigheit schwieg, als er kurz darauf verhaftet wurde. Er und der Leser fragen sich immer wieder: was ist mit Vanessa geschehen? Lebt sie noch, hat sie ihre Entführung irgendwie überstanden, rächt sie sich nun auf indirekte, aber furchtbare Weise?
Die zweite Perspektive ist die von Nora, die sich in Ryan verliebt und ihn nach seinem Gefängnisaufenthalt bei sich aufnimmt.
Als drittes erzählt Jenna, die durch ihre Freundin Alexia den immer noch traumatisierten Witwer Matthew Willard kennenlernt und sich eine Zukunft mit ihm durchaus vorstellen kann. Zumindest am Anfang. Doch dann merkt sie, dass der Schatten Vanessas möglicherweise für immer zwischen ihnen stehen wird.
Beeindruckend ist, wie unglaublich einfühlsam Charlotte Link diese drei und alle weiteren Personen beschreibt und charakterisiert (Debbie, Harry, Vivian, Garret, Ken, Alexia). Sie versucht dabei sehr - und meistens gelingt es ihr auch - gängige Klischees zu vermeiden und psychologisch glaubwürdig zu sein. So verurteilt man Ryan nicht ausschließlich, sondern kann seine verfahrene Situation sehr gut nachvollziehen, was wiederum Verständnis und sogar Mitgefühl für ihn weckt ... wodurch man sich wiederum recht gut mit Nora identifizieren kann, die an Ryan glaubt und ihm hilft, so gut sie kann, sich für ihn einsetzt, obwohl sie, als sie die ganze Wahrheit erfährt, ihr Verhalten durchaus an ihren moralischen und ethischen Grundsätzen ausrichtet.
Der Roman ist ungeheuer spannend und in sich logisch. Meiner Meinung nach liegt das aber nicht in erster Linie an der Geschichte selbst, sondern an den Personen, mit denen man mitfühlt und mitfiebert. Man möchte wissen, ob sie ihre Ziele, ihre Wünsche erreichen, ob Ryans sich aus der total verfahrenen, bedrohlichen Situation hinauskatapultieren kann, in die er durch eigene Schuld geraten ist, ob Matthew aus seinem Trauma erlöst wird, welche Entscheidungen Jenna trifft.
Das klingt jetzt fast so, als ginge es hier um einen Liebesroman, aber dem ist nicht so - obwohl Liebe und auch Hass eine große Rolle spielen.
Nein, es ist ein Krimi, der getragen wird von seinen Persönlichkeiten, dessen Spannung in den Charakteren begründet liegt und die daher - wie in vielen anderen Krimis - nicht (nur) auf äußerer Action basiert, sondern in der Möglichkeit des Mitfühlens. Dafür ein großes Kompliment, das gelingt nicht so sehr vielen Autoren!
Das Ende/die Auflösung war für mich ziemlich überraschend, weil ich auf was ganz anderes fokussiert war. Ob mir da einiges entgangen ist, was zwischen den Zeilen stand, oder ob dieser Ausgang noch besser hätte vorbereitet werden können, kann ich im Moment nicht sagen, dazu müsste ich das Buch noch einmal lesen. Was ich definitiv etwas zu lang fand, war die Szene in und um die Strandhöhle - wenn man in äußerster Lebensgefahr schwebt, denkt man da noch so viel nach ... an Menschen oder Dinge, die im Moment gar nicht relevant sind?
Egal, der Roman ist spannend, liebenswert und lesenswert - dafür fünf Punkte!