Eske Bockelmanns Buch ist eine Sensation.
Das Buch ist scheinbar ‚nur' eine weitere, aber originelle Erklärung des Ursprungs der neuzeitlichen Versrhythmik, der modernen Naturwissenschaft und der neuzeitlichen Philosophie. Das ist wahrlich nicht wenig - und dennoch: dieses Buch bietet tatsächlich viel mehr. Es zeigt, dass unsere gegenwärtige Welt als die Kultur der Neuzeit bis in ihre feinsten Verästelungen, auf den scheinbar entlegensten Ebenen vom Prinzip des Geldes abhängt - und: dass diese Zivilisation des Geldes einen präzise benennbaren Anfang hat, dass sie nicht natürlich gegeben, sondern historisch geworden ist. Mit dem Geld am Beginn der Neuzeit kommt etwas in dieser Form und dieser Weise noch nie Dagewesenes in die Welt - etwas, das eine neue Welt aus sich hervorbringt. Die Strukturen, die durch das Geld in die Welt gesetzt werden, sind - so die These Bockelmanns - auch die Strukturen, die unserer Empfindung des Takt-Rhythmus bestimmen, die moderne Naturwissenschaft sowie die Philosophie der Neuzeit bis in die Gegenwart.
Dem einen oder anderen mag dies so vorkommen, als handele es sich damit letztlich nur um eine ausführlichere Formulierung von Ansätzen, die sich in der Kritischen Theorie bei Theodor W. Adorno oder - dem weniger bekannten - Alfred Sohn-Rethel finden. Doch der Schein trügt auch hier. Bockelmann begnügt sich nicht mit Analogien oder der Herausarbeitung von Parallelen, etwa nach der Art: wie das Geld eine abstrakte Einheit in der Gesellschaft herstellt, so tun dies auch Wissenschaft und Philosophie auf je eigene Weise im Denken. Dies ist eine Weise des Denkens, die das Buch weit, weit hinter sich gelassen hat. Bockelmann versucht vielmehr den tatsächlichen Ursprung, den Beginn sowie die Formstruktur des neuzeitlichen Denkens an der Epochenschwelle zum Beginn des 17. Jahrhunderts präzise anzugeben: an Bacon und Galilei in der Naturwissenschaft, an Jakob Böhme, Descartes, Leibniz und Spinoza in der Philosophie.
Das Buch ist, wie Bockelmann einleitend bemerkt, die Geschichte einer Entdeckung. Und nicht nur das: es berichtet zugleich auch vom massiven Widerstand gegen diese Entdeckung. Nirgends wird dies deutlicher als in der Erforschung unseres heutigen Rhythmusempfindens, der Untersuchung des Taktrhythmus, der das erste Kapitel gewidmet ist. Wie Bockelmann vielfach belegt, hat die Fachwissenschaft zwar längst erkannt, dass erst mit dem Beginn der Neuzeit in der Versrhythmik die Betonung nach Takten aufkommt und dass z.B. in der Antike nach allen möglichen Formen von Rhythmus gedichtet wurde, niemals jedoch nach dem neuzeitlichen Taktrhythmus. Dennoch wird wider dieses bessere Wissen immer wieder behauptet, der spezifisch neuzeitliche Taktrhythmus hätte seit Urzeiten bestanden, ja es handele sich beim Taktrhythmus nicht um etwas, das erst mit der Neuzeit entstehe, sondern etwas genuin Menschliches. Dies verweise darauf, so Bockelmann, dass hier, mit dem Beharren auf dem historischen Ursprung unseres heutigen Rhythmusempfindens, an etwas tief Verdrängtes gerührt werde, an etwas, das nicht zum Bewusstsein kommen soll, eben weil es so überwältigend unangenehm sei.
Warum tut sich Bockelmann dann das überhaupt an, warum dieses Buch? Weil sich ihm eine bestimmte Entdeckung aufdrängte und er den sich daraus ergebenden Weg konsequent, gegen allen Widerstand, verfolgt, bis zum Ende. Man kann sich die Situation ähnlich vorstellen wie bei Frodo im „Herrn der Ringe": nie hat sich dieser gewünscht den einen Ring zu bekommen - als er ihn jedoch bekam und erfuhr, was es damit auf sich hatte, entschloss er sich, die Aufgabe anzunehmen und bis zum letzten Ende durchzuhalten.
Man muss sich aber klar machen: der Autor trägt den norwegischen Vornamen Eske und nicht Frodo, und das Buch ist auch kein Fantasyroman, sondern ein gestochen scharfer Beweisgang, der eine Lektüre von Anfang bis Ende verlangt. Dass es dazu eine 500 Seiten dicke Schwarte braucht, mag einen irgendwie lustlos machen. Wenn man aber liest staunt man, mit welchem Mut zur Entscheidung und welcher Präzision es Bockelmann verstanden hat, dass daraus nicht 5.000 Seiten geworden sind. Und das Schönste dabei: Bockelmann denkt dabei immer auch an die Situation des Lesers und an das, was er ihm zumutet. Bei aller Abstraktheit des Themas, bei aller Schwierigkeit der Gedankenführung, bei aller Macht, mit der die analysierte Sache sich zu verbergen sucht - man merkt dass hier ein Mensch ein Buch für andere Menschen geschrieben hat
Eske Bockelmanns „Takt des Geldes" zu erschließen, braucht Geduld, doch wer sie aufbringt, wird reich belohnt - durch eine tiefgehende Einsicht in unsere Gegenwart.