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Kundenrezensionen

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Puh, endlich durch mit diesem doch recht strapaziösen Werk. Zunächst was mir gefällt: die sprachliche Kraft, die Vielstimmigkeit, die wirklich eine ist, d.h. Meyer schreibt sich gekonnt in diverse Tonlagen hinein. Beeindruckend auch, wie er Motive von Hubert Fichte, Wolfgang Hilbig und anderen aufnimmt.

Problematisch aber, dass sich auf 570 sehr dicht bedruckten Seiten keine überzeugende Handlung entwickelt. Die paar Fäden, die man recht mühsam herausdröseln muss und die eine Art Geschichte des „Leipziger“ Prostitutionswesens nach der Wende von 1989 ergeben, fand ich in dieser Form nicht so spannend. Da wäre ein Artikel von 5 Seiten informativer gewesen.

Leider muss ich Ähnliches auch über die Figuren sagen: Sie haben mich größtenteils nicht wirklich interessiert. Arnold Kraushaar mit seinen Mietwohnungen voller Frauen, der alte Kommissar mit seiner Vorliebe für voluminöse Weiber, der Bielefelder, der philosophierende Rocker von den „Engeln“ oder der abgewrackte Ex-Jockey, der verzweifelt seine Tochter auf dem Strich sucht – es sind Männerseelen, die mich in ihren ausufernden, oft monothematischen, zudem mit vielen Banalitäten durchsetzten Monologen nicht ergriffen haben. Die Herren stilisieren sich gern zu „ganz normalen Geschäftsleuten“, nun ja.

Eindringlicher und gelungener finde ich die meist kürzeren Porträts der Huren, ihre abschweifenden Gedanken bei der Körper-Arbeit. Da ergeben sich oft komische Kontraste. Bei diesen Kapiteln, so scheint mir, handelt es sich um bearbeitete Interviews, was den Eindruck eines Sozialreports verstärkt.

Meyer will mit diesem ausufernden Roman seinem Ruf als „bad boy“ der deutschen Gegenwartsliteratur gerecht werden. Im Literaturbetrieb sind großflächig tätowierte Menschen ja noch die Ausnahme. So sind vor allem Kritikerinnen offenbar stark beeindruckt von diesem Schriftsteller mit Grünbeinbrille und Tattoos unterm Anzug (dezent das Ärmelchen hoch, dass mans auch gut sieht…) sowie seinen „authentischen“ Erfahrungen aus halbkriminellem Milieu (ja, die alte Autoknackergeschichte). Sie halten Meyer für eine Art Genet aus Sachsen, finden in seinen Werken schwarze Romantik. Aber diese Romantik, die die Prostitution einst tatsächlich hatte in der Literaturgeschichte, diese Feier des Verruchten funktioniert heute nicht mehr.

Es ist ja nicht so, dass Meyer in nie gesehene, spektakuläre Dunkelzonen hinabgestiegen wäre. Das Internet und die Boulevard-Blätter sind voll mit Prostitution, Hurengeschichten, Sexanzeigenseiten und all den netten Abkürzungen für die mehr oder weniger ausgefallenen Dienstleistungen am Mann, die Meyer wieder und wieder aufführt, als wärs nun ganz was Anrüchiges. Themen wie Prostitution, Frauenhandel, Flatrate-Bordelle etc. kommen z.B. bei Spiegel TV schon fast so oft vor wie Sendungen übers Dritte Reich. Deshalb finde ich die feldforscherhafte Breite, mit der Meyer seine Milieustudie entwickelt, unangemessen. Mit anderen Worten: Als Material für einen Roman wäre das größtenteils gut zu verwenden, aber wo ist der Roman?

Die Form der Bewusstseinsströme fand ich auf Dauer etwas gewollt und gekünstelt. Es wiederholt sich einfach zu vieles, dreht auf der Stelle, am Ende kann mans nicht mehr hören, dieses ganze verzettelte Zuhälter-Innenleben. Ich sehe die große Ambition, sehe den Aufwand, sehe das sprachliche Können, aber das Ergebnis überzeugt mich nicht. Etwas weniger Wahrnehmungskaskaden und etwas mehr Gedanken hätten dem Buch gut getan.

Vielleicht zündet „Im Stein“ bei mir irgendwann bei einer zweiten Lektüre, ich will es nicht völlig ausschließen.
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am 29. Dezember 2013
Schwerer Tobak wartet da auf die Leser mit Clemens Meyers Roman «Im Stein», von der anrüchigen Thematik her sicherlich Neuland für die meisten, so auch für mich. Vor dem Hintergrund einer ungenannten, aber leicht als Leipzig identifizierbaren Stadt und ihrer Geschichte von der Wende bis in die jüngste Vergangenheit hinein begegnen uns sämtliche archetypischen Subjekte des Rotlichtmilieus und deren Helfershelfer aus Politik und Verwaltung. Ein Roman aus dem sächsischen Sumpf der Prostitution mithin, in dem der Autor kein Blatt vor den Mund nimmt bei der vermutlich authentischen, in jedem Fall aber kenntnisreichen und drastischen Beschreibung der Sexbranche und ihrer Usancen. Wir erleben die zugehörigen Nachtgestalten aus größter Nähe: Nutten, Zuhälter, Betreiber von Eroscentern, Immobilienhaie, Dealer, korrupte Kommissare und willfährige Beamte, allesamt bemüht, auf der Jagd nach dem Geld der Freier möglichst viel für sich abzukassieren.

Ein Tross von Schmarotzern also profitiert da von der Arbeit der Prostituierten, einer sexuellen Dienstleistung, die als ein Wirtschaftszweig wie jeder andere angesehen wird, der dem Staat einiges an Steuern in die Kassen spült, immer nach dem Motto: Geld stinkt nicht! Der Leser wird mit kriminellen Machenschaften bis hin zu Mord und Totschlag, aber auch mit vielen unappetitlichen Details der Sexarbeit und allen ihren perversen Auswüchsen knallhart konfrontiert von einem Autor, der als Enfant terrible gilt unter den deutschen Autoren. Alles das wird collageartig erzählt, die oft krassen Geschichten bleiben fragmentarisch, ein stringenter Plot fehlt. Immer wieder wird man an Kriminalfilme erinnert, an Typen und Szenen, die einem dort schon mal begegnet sind, wo dann aber schamhaft abgeblendet wird, wenn es richtig zur Sache geht bei der «Arbeit», während hier die Kamera weiterläuft gewissermaßen. Voyeure kommen allerdings nicht auf ihre Kosten dabei, statt pornografisch wird hier nämlich geradezu technokratisch erzählt, und die Finanzen stehen immer im Mittelpunkt, BWL-Kenntnisse helfen also ungemein.

Ein gefälliger, leicht verdaulicher Roman ist «Im Stein» jedenfalls nicht, aber ein wohltuend anderer, die üblichen Leseerwartungen brutal konterkarierender aus einer Welt, die es halt auch gibt und die hier eine offene Bühne gefunden hat für ein milieufremdes Publikum. Man verliert als Leser leicht die Orientierung bei der rasanten Erzählweise des Autors, der auch noch ständig die Erzählperspektive wechselt. Die ist sehr häufig der innere Monolog, der dann auch in der Variante des Bewusstseinsstroms vorkommt, sogar als Selbstgespräch in der Du-Form. Teilweise hektisch und mit vielen Zeitsprüngen erzählt, erfordert die Lektüre also ständig die volle Aufmerksamkeit des Lesers. Das gilt auch für die häufigen Abkürzungen von Namen und auch «Fachbegriffen» aus der Branche, die zu dechiffrieren ohne reichlich «schmutzige Phantasie» kaum gelingt. Die Figuren werden stimmig und detailreich vorgestellt, wobei die Huren meist liebevoll beschrieben werden in ihren Hoffnungen, Wünschen und Plänen, aber auch in ihren manchmal rührend naiven Ansichten über die anrüchige Welt, in der sie ihr Geld verdienen.

Ist die Lektüre also zu empfehlen? Im Prinzip ja, könnte man wie bei Radio Eriwan antworten, aber man muss schon ein robustes Durchhaltevermögen mitbringen, denn der dickleibige Roman weist einiges an Längen auf. Ganz abgesehen davon wird man häufig Probleme haben, nicht die Orientierung zu verlieren in diesem Labyrinth von Innensichten seiner oftmals nur mühsam zu identifizierenden Protagonisten. Aber es ist ja auch kein Blümchensex, der da praktiziert wird im Puff, und so hat wohl der Autor seine Erzählweise dem unkonventionellen Milieu angepasst, über das er so kundig schreibt. Polarisierend ist das allemal, wie die außergewöhnlich konträre Rezeption dieses Romans recht deutlich zeigt.
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TOP 500 REZENSENTam 24. Februar 2015
Clemens Stein spaltet. Als Person und als Schriftsteller. Und erst recht mit seinem Roman "Im Stein", der es immerhin auf die Short List des Deutschen Buchpreises 2013 geschafft hat, um dort Terézia Moras "Das Ungeheuer" zu unterliegen. Meyer ist ein, wenn nicht das enfant terrible der aktuellen deutschen Literaturszene. Sein Debütroman "Als wir träumten" wurde gerade verfilmt, lief auf der Berlinale und kommt justement zum Zeitpunkt dieser Rezension in die Kinos.

In "Im Stein" dreht sich alles um das Rotlichtmilieu. Zentral ist Leipzig, die Heimatstadt Meyers, aber auch in Berlin, in Hannover und im Ruhrgebiet spielen Passagen. Erzählt wird aus der Sicht von mehreren Personen, vor allem Prostituierten und Zuhältern. Sehr nüchtern ist die Sprache, sehr direkt, verstörend, teilweise abstoßend. Meyer schildert aus der Sicht beider Geschlechter, es geht um Verharmlosung, Allmachtsfantasien, Ernüchterung, Zynismus. Streckenweise ist der Text schwer lesbar, häufig wechselnde Perspektiven, Orte, Zeitebenen tun ihr Übriges.

Lesefluss stellte sich bei mir nur phasenweise ein, von vorne bis hinten in einem interessierten Rutsch konnte ich das Buch nicht lesen. Mein Urteil ist daher so kontrovers wie die verschiedenen, hier zu lesenden Rezensionen.
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am 17. Oktober 2013
Wer "Als wir träumten" gelesen hat, der weiss, zu welchen Leistungen Clemens Meyer in der Lage ist. Ein Buch wie eine Faust, präzise, klar, bewegend, sowohl inhaltlich als auch sprachlich einer der Romane, die einem positiv in Erinnerungen bleiben. Ein Buch von einem Mann, der das Schreiben studiert hat! Entsprechend positiv fielen damals die Bewertungen aus.

"Im Stein" dagegen ist das genaue Gegenteil: Unpräzise, unklar, ohne erkennbare Struktur, eine Änhäufung von Gedanken. Sie können von diesem Buch 250 Seiten lesen, ohne dass sie sich über einen der handelnden Protagonisten klar werden. Wenn der Klappentext nicht erste Hinweise geben würde, wäre beim Lesen nicht ansatzweise erkenntlich, was diese Kapitel über die "Szene im Milieu" eigentlich sagen sollen. Beispielhaft sei hier das Kapitel "Am Grenzfluss" genannt. Ich habe mich seitenlang gefragt, meint der Meyer Görlitz, meint er vielleicht Frankfurt/Oder. Oder meint er vielleicht etwas ganz anderes und will es mir nicht sagen (schreiben).

Es gibt Werke, wie z.B. David Foster Wallace' "Unendlicher Spaß", da quälen sie sich durch jede Seite, aber diese Qual lohnt sich. Sie werden etwas lernen, auch wenn es teilweise weh tut. Bei "Im Stein" schmerzt das Lesen sehr, ohne dass dort in irgendeiner Form interessantes zu lesen wäre, weder über die Szene noch über die Menschen darin. Die sprachlichen Darbietungen, die unreflektierten Gedanken der Protagonisten, das Wirrwarr an Empfindungen verstellen der Recherche, die Meyer sicherlich geleistet hat, und der damit verbundenen ERkenntnisvergrößerung beim Lesen vollkommen den Weg.

Fazit: Meyer hat mit "Als wir träumten" die Meßlatte derart hoch gelegt, dass er mit "Im Stein" scheinbar neue Wege beschreiten wollte. Diese/seine Literatur jedoch soll vielleicht Kunst sein, vielleicht reicht das auch für die Literaturseiten der FAZ; für einen wie mich, der "Als wir träumten" extrem mochte, ist das Werk alles in allem eine große Enttäuschung, beim Lesen teilweise eine Zumutung.
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Der Roman stand in diesem Jahr auf der short list für den Deutschen Buchpreis, ohne Frage ist er literarisch ein großer Wurf. Für mich war es eigentlich der Favorit für den Deutschen Buchpreis, aber vielleicht sollte man den Preis nicht überwerten. "Stein" ist ein sehr vielschichtiges Werk. Es spielt in einer Phantasiestadt, in der es nicht nur verschiedene Arten von Steinen gibt, sondern es thematisiert eine Randzone unserer Gesellschaft, die es in der Literatur so nicht gab, es ist nämlich ein zwingendes Panorama des Rotlichtmilieus.

Der Roman zieht dieses Panorama wie eine Materialsammlung auf. Es ist kein durcherzählter Roman mit Anfang und Ende, kein Roman in denen Frauen die Opfer sind. Die Menschen die sich darin bewegen haben zum Teil interessante Geschichten. Und es ist auch ein Roman über Ost und West, der in der Nachwende Zeit beginnt. Die Figuren sind in den Mauern der Stadt gefangen, diesen Mauern die aus Stein sind, so wie die Immobilien die aus Stein sind.

Wir verfolgen den steilen Aufstieg und den jähen Fall der Hauptperson, die im Rotlichtmilieu Immobilien erwirbt, Zimmer vermietet. Allen Widerständen zum Trotz sieht sich diese Figur als honoriger Geschäftsmann und glaubt kritiklos in der Gesellschaft an einen makellosen Aufstieg. Die Immobilien mit denn er zum Millionär wird sind aus Stein, und über das Zerrbild Rotlicht gelangt der Leser mit dem Blick des Archäologen in die Schichten der Erde hinein, verfolgt versteinerte Figuren in versteinerten Städten

Das Buch ist keine leichte Lesekost, weil es doch auch über weite Strecken sehr bedrückend ist. Dem Autor gelingt es in seinen Erzählsträngen genial die Wirklichkeit mit den surrealistischen Momenten zu verschmelzen. Das ist ein unglaublicher Anspruch der zeigt, wie man auch an gesellschaftskritische Gegenwartsliteratur herangehen kann. Mit ungeheurer Könnerschaft erfüllt der Autor diesen Anspruch. Nicht nur literarisch ein bedeutendes Werk, dem jedoch die eine oder andere Reduzierung nicht geschadet hätte.
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TOP 500 REZENSENTam 30. August 2013
Bücher die vom Feuilleton gross angekündigt werden, sind in der Regel mit Vorsicht zu geniessen. Und ob gar Clemens Meyer zu einem der bekanntesten Gegenwartsschriftsteller gehört, wage ich dann doch zu bezweifeln. Solche Bücher zu beurteilen und zu rezensieren, wie wir es hier haben, dürfte nicht ganz einfach fallen. Denn wir finden glänzend geschriebene Passagen genauso, wie der etwas zäh zu lesende Stoff der hinhält, ermüdet und vom Leser Durchhaltekraft verlangt. Also kein Buch dass man dann mal so schnell so zwischendurch runterliest. Ich habe nichts dagegen, wenn Bücher vom Leser etwas fordern, wenn sie wie dieses an Grenzen geht, dem Leser einiges zumutet: nur muss am Ende so etwas wie eine Quintessenz, eine Botschaft für mich wahrnehmbar sein. Was ich dann doch bei Clemens Meyer vermisse. Mir kommt dieses Buch ein wenig vor, wie eine Rotlicht-Milieu-Studie die die Leere und auch die Trostlosigkeit hinter der Lust-Industrie darstellen will. Die grosse Leere hinter der attraktiven Lust. Die Frage ist nur, wie setzt der Autor das um? Und: gibt es etwas, das den Leser überzeugt? Leider nicht. Wenn mich überhaupt etwas an diesem Buch stört, dann ist es die Atmosphäre des sich Auflösenden. Denn Vieles was hier beschrieben wird, scheint sich in einer Art Auflösungsprozess zu befinden...die natürlicherweise ein ideales Pendant zur grossen Leere darstellt...so far so good.

Die meisten Fragen die ich mir notiert habe, sind: Wer erzählt hier? Um wen geht es? Wer spricht hier? Man wird also hingehalten, bis einmal Meyer seine Katze aus dem Sack lässt. Denn er lässt ganz viele verschiedene Personen im Monolog berichten. Doch nicht selten erfährt das, der Leser oft gegen Ende eines Kapitels wenn überhaupt. Das kann irritieren und Orientierungslosigkeit erzeugen, die ja vielleicht so gewollt ist. Meyer öffnet den Erzählschirm ganz weit, denn er lässt junge Frauen, und ältere Frauen zu Wort kommen. Erzählt von Zuhälterringen, die sich konkurrieren, von Geschäftemachern die mit Immobilien den Rotlicht-Markt bedienen, erzählt von Polizisten, die zu Huren gehen, erzählt von 14-jährigen Töchtern deren Mutter anschafft oder 80-jährigen Freiern, schildert anonyme Männer, die hinter Spiegeln sitzen usw., stellt Einzelschicksale in die Mitte. Etwa Hans Pieszeck und Arnold Kraushaar um die sich die ganzen anderen Berichte und Erzählungen wie drum herum ranken. Meyer hat sich also die Prostitution, mit 'all ihren Facetten und Verästelungen vorgenommen. Um so etwas wie einen Grundton zu erzeugen. Denn letztendlich taucht Meyer bis in Innere dieser Menschen ein, die mit der Sexindustrie zu tun haben. Das um wohl zu zeigen, wie es innerlich in diesen Menschen aussieht. Vieles lässt eben genau jene erschreckende Leere ahnen, von der hier die Rede ist. Eine kurzfristige Illusion seitens der Freier der eine ernüchternde Realität seitens der Huren und ihrer ganzen dahinterstehenden Welt entgegen steht. Meyer hat sich Insider-Material besorgt, was dem ganzen noch eine Note mehr an Drive verleiht. Denn hier wird wirklich auf den Zahn gefühlt, Meyer arbeitet mit schonungsloser Realität.

Die Menschen hier zeugen von einem gewissen Scheitern, denn sie werden in den Polaritäten wie Vertrauen und Verrat zerrissen. Sie sehen sich Hoffnungen und Illussionen ausgesetzt, denen sich nicht entrinnen können. Kommen doch alle auf ihre ganz eigene Art und Weise an ihre Grenzen, wo sich Abgründe auftun, die unheimlich sein können. Als ob gekünsteltes Glück einem stillen Leid gegenüberständen, die Frage ist nur, wer sind die Gewinner und wer sind die Verlierer? Die Frage die sich wirklich stellt, ist doch, was macht diese Käuflichkeit von Sex mit den hier beschriebenen Menschen? Genauso kann man sich fragen, ob Bordellbesuche, vulgäre Ausdrucksweisen und Ausdrücke, und der moralische Verfall der hier spürbar wird, sich für Literarische Darstellungen eignet. Denn zum Einen gibt es hier tabuisierte Bereiche, und zum Anderen kann ein gewisser Zerfall in dieser Branche wohl nicht weggeleugnet werden - auch wenn damit Millionen gemacht werden. Natürlich nehmen heute Pornographie und käuflicher Sex einen grossen Raum unserer heutigen Gesellschaft ein, alleine schon wenn man die Internet-Entwicklung ansieht. Dieses Thema hat sicher seine Berechtigung, schade ist nur, dass es so zäh zu lesen ist, und man sich immer wieder motivieren muss, um überhaupt weiter zu lesen. Ein komplexes Konstrukt dass in seiner Krassheit und auch Abartigkeit zwar dem Leser den Spiegel vor Augen hält, der auch einen Verlust von Menschlichkeit zu ertragen hat. Vielleicht ist es diese Heimatlosigkeit, an der diese Menschen frieren. Zumindest ich hatte, während der ganzen Lektüre Momente wo es mich durch und durch fröstelte. Und obwohl ich dieses Buch für beachtlich halte, fehlt mir das gewisse Etwas, wo man spürt, dass etwas einen überzeugt und man froh ist, dass man es lesen durfte. Leider kann ich das von "Im Stein" von Clemens Meyer nicht sagen, leider.

Zitat:

"Wir vernichten uns selbst, um weiter unser Geschäft zu betreiben." 370
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am 20. Mai 2014
durch die ich mich nicht immer leicht gelesen habe. Aber im Gegensatz zu vielen "Bewertern" hier, finde ich das Buch ungeheuer kraftvoll, mutig und intensiv. Es erzählt vielleicht keine Geschichte im traditionellen Sinn, aber es schafft (zumindest für mich) ein beinahe physisch spürbares Bild eines bestimmten "Milieus", während einer definierten Zeit, an einem bestimmten Platz in diesem Land. Große Kunst!
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am 13. November 2013
Neben dem Waffen- und Drogenhandel ist das Geschäft mit dem käuflichen Sex der lukrativste Wirtschaftszweig der Welt, und nach der Liberalisierung des deutschen Prostitutionsgesetzes wurde Deutschland zur Drehscheibe des europäischen Menschenhandels. Seitdem werden in unserem Land massiv Menschenrechte verletzt - keinen interessiert's. Auch Clemens Meyer nicht.

Für ihn ist das Milieu ein etwas anderer Wirtschaftszweig, der auf seine Art auf die Zwänge der Globalisierung reagiert. Die Zuhälter, pardon, Wohnungsvermieter sind einfach nur eine andere Art von Geschäftsleuten, die nach der Wende auszogen, Deutschlands wilden Osten zu erobern.

Meyer unternimmt es, das (ost-)deutsche Rotlichtmilieu zu kartographieren und verleiht Huren, Freiern, aufrechten und korrupten Bullen und verzweifelten Angehörigen eine Stimme. Er konzentriert sich dabei auf die mehr oder minder selbstbestimmte Prostitution und blendet alles andere als Randerscheinung aus. Am überzeugendsten gelingen ihm dabei die Momentaufnahmen der Huren, womit er eine verblüffend sensible Einfühlungsgabe beweist. Aber: Was bewegt Frauen, sich "freiwillig" in die Prostitution zu begeben? Hier gibt es nicht nur wirtschaftliche, sondern auch gesellschaftliche und psychologische Tiefen zu ergründen. Die aber interessieren Meyer nicht; dem Chor der Unterwelt fehlen die Untertöne. Seine Figuren bleiben flach, ihre Motivation reduziert sich auf das leichtverdiente Geld. Leicht für wen?

Zwar werden viele weitere Themen oberflächlich angerissen - versklavte Ausreißerinnen, Prostituiertenmord, Kinder- und Drogenstrich, die Freierkultur, Zwangsprostitution - aber dann so belassen. In erster Linie gibt er den "anständigen" Zuhälterfiguren ein Forum; Meyer lässt sie über BWL, Karl Marx, Fairness, Ehre und den freien Willen philosophieren. Zwar führt er seine Luden auch vor; ihre Ignoranz, ihre Gier, ihre prollige Schlauheit, ihren Geltungsdrang, ihren moralischen Selbstbetrug. Aber in seiner liberalen Toleranz und dem Bemühen, sich spießiger Vorurteile zu enthalten, geht er zu weit - oder nicht weit genug. Seine Darstellung verharmlost das Geschehen. Ein ganzes Kapitel dient gar der Ehrenrettung der Hell's Angels, eins der brutalsten Menschenhandelssyndikate der Welt schon vor der Globalisierung, aber, wie er jemand anlässlich einer Razzia im Haus eines Hell's Angel bemerken lässt: "Es scheint mir, dass man als Mitglied der Engel GmbH elementare Rechte verliert in diesem Land."

Zu den inhaltlichen Schwächen kommen formale und eine Sprache, die ärgerlich mühsam zu lesen ist: Es gibt immer wieder zerfasernde rote Fäden, aber keine Handlung. Manche Fäden lösen sich irgendwann ganz auf. Immer wieder Bewusstseinsströme, die fast unstrukturiert dahinfließen. Dann wird der Text extrem erratisch; Zeitebenen, Orte und Personen wechseln stellenweise von Satz zu Satz und mehrfach auf einer Seite. Nicht immer ist klar, wer gerade spricht. Diese Zusammenhanglosigkeit hat keine Funktion, sie ist Prinzip, denn Meyer hält lineares Erzählen für unzeitgemäß. Drei Leichen werden gefunden, nur zwei Tode werden zugeordnet. Vielleicht aber auch drei, nur verließ mich ab etwa der Hälfte die Lust, zurückzublättern. Nach dem zweiten Drittel hatte ich den Eindruck, dass der Autor seinem Schattenpanorama nichts Neues hinzuzufügen hatte; ich war die vielen unverbundenen Versatzstücke, die angerissenen Themen, die sprunghaften Gedanken, Wiederholungen und verschwurbelten Dialoge leid. Was habe ich mich durch die letzten 200 Seiten gequält: Der Text wurde einschläfernd langweilig, ein echtes Kunststück bei dieser Thematik.

Dem von der Kritik hochgelobten, für den deutschen Buchpreis nominierten Roman fehlt es aus meiner Sicht formal, stilistisch, psychologisch und moralisch an Tiefenschärfe. Es fehlt ihm an Handlung, an Lesbarkeit, vor allem aber an gesellschaftlicher Relevanz. Er kommt mir vor wie die manierierte Selbstverwirklichung eines Autors, der offenbar dem obskuren Reiz der Halbwelt erlegen ist.

Fazit: Verwenden Sie ihre Lebenszeit auf ein anderes Buch. Dieses muss man nicht gelesen haben.
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am 10. August 2015
Ein großartiges Buch, ein Roman voller Kraft, voller unglaublicher Figuren, Hans, AK, der hinkende Bielefelder mit seinem Stock, der rasende, fast schon abstoßende Ecki, die Frauen, die ich so schnell nicht wieder los werde.
Stilistisch ist das unglaublich dicht, der Roman hat einen einzigartigen Sound, "ein vielstimmiger Gesang" steht auf dem Cover, und dem kann ich nur zustimmen. Meyer macht dort weiter, wo DosPassos, Döblin u.a. angefangen haben, ein Montageroman. Bewusstseinsströme, Radiostimmen, Träume, Reales und Surreales' alles fließ in- und auseinander.
Ein Rotlichtroman? Für mich viel mehr als das. AKs Aufstieg und Fall spiegelt die Geschichte unseres Landes, die Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung des so genannten Ostens, die Veränderung der Sexualität' und noch viel mehr. Ja, und natürlich auch das Rotlicht. AK ist fast eine shakespearsche Gestalt. Hans wiederum scheint aus einem (dunklen) Märchen zu kommen. Er zieht aus um das Glück zu suchen, aber eigentlich finden sie alle nur den Tod, dem sie begegnen, zu nahe kommen, auch selbst bringen und dann untergehen.
Oberwelt und Unterwelt, Schattenreich und Lichterreigen, Liebesgeschichte und Totentanz, all das komponiert Meyer zu einem außergewöhnlichen, großartigen Roman. Die Literaturkritik hat das ja durchaus erkannt, der so genannte Amazonrezensent ja leider noch nicht.
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am 9. November 2013
Für alle, die das Buch noch nicht gelesen haben die Warnung - es ist harte Kost und als Nachttischlektüre nur bedingt geeignet ! Nicht unbedingt des Inhalts wegen - was soll hier schockierend sein ? wussten wir das nicht eigentlich schon alles ? -
sondern wegen der Intensität und Wucht der Sprache. Hierzu wurde aber schon genug geschrieben.
Ich teile alle Rezensionen - die guten wie die schlechten. Phasenweise hätte ich das Buch verärgert an die Wand werfen mögen - warum sollte man sich dieses verworrene Gedankenpürree antun ? Und doch habe ich es immer wieder in die Hand genommen um streckenweise darin zu versinken ohne aufhören zu können. Fazit: Ein lohnenswertes Stück Arbeit für alle, die sich darauf einlassen
können.
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