Jäger, Sammler, Quantenmensch
«Alice zwischen den Welten» und «Im Spiegelreich»
«Ich möchte erst einmal herumschauen, wenn ich darf», sagt die Titelheldin im fünften Kapitel von «Alice hinter den Spiegeln», und das Schaf erwidert: «Du kannst nach vorn schauen und nach beiden Seiten, wenn du magst, aber du kannst nicht um dich herumschauen ausser du hast Augen im Hinterkopf.» Das Schaf ist nicht dumm, und mit seiner etwas rechthaberischen Sophistik hat es Wesentliches von dem erfasst, was moderne Wissenschafter beunruhigt. 90 bis 99 Prozent der Welt sind unsichtbar, das ganze Universum ist aus einer unsichtbaren Substanz entstanden; und doch hängt vom Hinschauen alles ab: Während die klassische physikalische Welt Isaac Newtons sich nicht verändert, ob man sie ansieht oder nicht, besteht die Welt der modernen Quantenphysik aus Teilchen, «wenn du hinschaust», und aus Wellen, «wenn du nicht hinschaust». Die Quantenwelt wird also erst durch Hinschauen Wirklichkeit und dennoch können die Physiker keineswegs genau beschreiben, was «Hinschauen» eigentlich heisst, wie sich Wellen in Teilchen verwandeln (eine Lichtwelle in ein Photon) . . .
Achterbahn durch Chaosland
Der Diakon und Mathematiklehrer Charles Lutwidge Dodgson, der sich als Schriftsteller Lewis Carroll nannte, hat mit seiner Alice im Wunder- und im Spiegelland (1865/72) den literarischen Prototyp des neugierigen Menschen geschaffen, der sich einer absurden und doch irgendwie vertrackt-logischen Welt konfrontiert sieht: in ihr wird mit Worten gefochten, man «wird nicht ermordet, sondern mundtot gemacht» (Christian Enzensberger), zum Beispiel durch Haarspalterei. Es ist die zutiefst autoritäre viktorianische Gesellschaft Strenge ist ein Schlüsselwort , die Lewis Carroll täglich erlebte und durch Witz und Absurdität verfremdete. Trotz den gewandelten politischen Konstellationen haben die Alice-Bücher viel von ihrer Anziehungskraft bewahrt; heutige Autoren plündern ihren Zitaten- und Metaphernschatz, teilen den staunenden Blick auf eine komplexe, kaum noch verständliche Wirklichkeit. Ob es die der Quantenwelt ist oder die der digitalisierten Medien: Alice war immer schon hier. Ihre wichtigste Eigenschaft: Sie lässt sich nicht einschüchtern.
Ein amerikanisches Autorenkollektiv um William B. Shanley begibt sich mit unserer Alice auf eine spannende, aber auch anstrengende Reise «zwischen den Welten», nämlich «Newtonville», der klassischen physikalischen Welt, in der (fast) alles determiniert und vorhersagbar ist, und der «Quantenwelt», in der die Dinge ständig in Bewegung sind und ihre Erscheinungsform verändern. Der Leser kann mit Alice und dem «Quantenflittchen» im «Meer der Möglichkeiten» herumschwimmen und sich als die Summe seiner Möglichkeiten erleben (die Nähe zur Psychologie ist durchaus beabsichtigt); er kann sich aber auch mit dem «Seltsamen Attraktor» auf eine Achterbahnfahrt durch Chaosland begeben, über Verzweigungspunkte hinwegrasen («Entscheidungen! Entscheidungen! Entscheidungen!») und dabei in aller Ruhe dem Gedanken nachhängen, warum im Universum und im Leben so vieles zyklisch abläuft.
Unmöglich, auch nur einen Bruchteil der Informationen aus «Alice zwischen den Welten» zu referieren das Schönste daran ist aber, dass der aufklärerische Gestus des Buches nicht dogmatisch daherkommt, dass theoretische Widersprüche und Auffassungsunterschiede stehenbleiben. Man kann heutzutage vieles sehr präzise messen und berechnen, aber nur relativ weniges schlüssig erklären. Mit dieser Paradoxie wird auch die Alice des kommenden Millenniums noch eine gute Weile leben müssen.
Anders als in der deterministischen Physik, in der alles Materie ist, kommen in der modernen Quantentheorie Geist und Bewusstsein wieder zu Ehren. Der mechanische «Objektivismus» ist passé, das Subjekt, das die Welt betrachtet und «Möglichkeiten» in Wirklichkeiten verwandelt, regiert die Welt. Alberto Manguels Subjekt ist ein lesendes, und auch dieses nimmt Lewis Carrolls Alice ans Händchen, freilich nicht, um ein ganzes Universum zu erkunden. Manguels Ansatz ist wie schon in der höchst erfolgreichen «Geschichte des Lesens», die im Vorjahr erschien synkretistisch und unsystematisch; sein neues Buch, «Im Spiegelreich», unternimmt Streifzüge durch die Literaturgeschichte von Augustinus bis hin zu Borges und Vargas Llosa, Lateinamerikanern wie Alberto Manguel selbst, der 1948 in Buenos Aires geboren wurde und überall und nirgends zu Hause ist namentlich aber wohl in allen Bibliotheken der Welt, eingeschlossen die virtuellen. Seinen Kosmopolitismus zelebriert der Argentinier nicht immer ganz uneitel, Autobiographie und Gelehrsamkeit gehen eine eigene, eigenwillige Verbindung ein, und gerne lässt der Autor Alices Händchen einmal los, um sich dem bewunderten Borges auf den Schoss zu setzen oder Vargas Llosa (mit politischen Verdächtigungen) kräftig vors Schienbein zu treten.
Es ist das Selbstbewusstsein des Lesers im Zeitalter der Rezeptionsästhetik, mit dem Manguel auch hier wieder zu Werke geht, selbst dann, wenn er wiederholt mit den semantischen Implikationen seines aus dem Österreichischen stammenden Namens kokettiert. Mit Yeats «im fauligen Knochenkeller des Herzens» wühlend, fördert der Autor bei der recht moralinsauer ausgefallenen Analyse von Bret Easton Ellis' Roman «American Psycho» kaum mehr als Doubletten zutage: «Das eigentliche Thema der Pornographie ist nicht der Sex, sondern der Tod» (Susan Sontag).
Der Leser als Zitator
Doch die reichlich eingestreuten Zitate sind das Salz, der Pfeffer und der saftige Speck auch dieses (vergleichsweise marginalen) Buchs. Der Leser als Zitator, blätternd, findend, präsentierend, so stellt der Lesepapst Alberto Manguel urbi et orbi sich selber dar. Und er hat ja nicht unrecht: Wenn der Mensch ein Jäger und Sammler ist, dann versteht sich der heutige Leser als intelligenter Zitatensammler, der, selbst zum Autor geworden, sein Publikum reichlich beschenken kann. Einer der schönsten Aufsätze des Bandes ist dem vielleicht unterschätzten Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton gewidmet, dem Erfinder des «Pater Brown»: ein Mann der Widersprüche, witzig, weltoffen, bisweilen aber auch reaktionär. Und er war sich dieser Widersprüchlichkeit des eigenen Denkens bewusst. Einmal bestritt er eine Podiumsdiskussion ganz allein, «indem er beide Standpunkte einnahm und mit brillanten Argumenten sowohl für als auch gegen den Streitpunkt Partei ergriff». Das hat nichts mit Opportunismus zu tun, mehr mit der Einsicht in die Willkürlichkeit der Wahl einer Perspektive, die letztlich von vielen Zufällen abhängt. William Shanley und seine Co-Autoren könnten Chesterton als einen modernen «Quantenmenschen» bezeichnen, da er uns vor Augen stellt, dass der menschliche Geist «voller Möglichkeiten» steckt. Aber in diesem Augenblick fängt Alice, an den Händen ihrer vielen Mentoren, ungeduldig zu zappeln an.
Martin Krumbholz
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Geschichten, Anekdoten und Gedanken aller Jahrhunderte klingen an in diesen fast spielerisch erzählten Betrachtungen über die Notwendigkeit von Kultur, die Rolle der Medien, das Judentum, die Klassiker, über Kunst und Grausamkeit. Alberto Manguel, ein begeisterter und begeisternder Erzähler, gibt in diesem Band auf höchst unterhaltsame Weise seine Leseerfahrungen und Erlebnisse in der Welt weiter. Er glaubt übrigens fest daran, dass Bücher besser und klüger machen.
Alberto Manguel, geboren 1948 in Buenos Aires, wirkte unter anderem in Buenos Aires, Paris, London, Mailand und Toronto als Verlagslektor und Literaturdozent. Er übersetzte zahlreiche Bücher und ist Herausgeber von Anthologien und Kurzgeschichten. Er lebt vorwiegend in Toronto und Paris und ist seit 1988 kanadischer Staatsbürger. Für sein Buch "Eine Geschichte des Lesens" wurde er mit dem Prix Médicis ausgezeichnet.