Das von einer Jugendjury mit dem deutschen Jugendliteraturpreis 2005 ausgezeichnete Buch „Im Schatten der Wächter“ beschreibt in düsteren Farben die Situation des Jungen Elliot, der praktisch ohne Vater aufwächst. Dieser ist durch einen Unfall berufsunfähig und sitzt nun, depressiv geworden, zu Hause nur noch vor dem Fernseher, während die Mutter die Erziehung des Jungen und den Lebensunterhalt übernehmen muss. Heutzutage keine untypische Situation: während die Väter kaum noch präsent sind, übernimmt die Mutter praktisch alle erzieherischen Belange. Für die Söhne hat diese Tragik Folgen, wie sich anhand Gardners Buch deutlich nacherleben lässt. Elliot gerät an seiner Schule zunächst in die verfängliche Rolle des Opfers subtil ausgeübter Gewalt und wechselt deshalb an eine andere Schule, um hier von vorne anzufangen, was ihm auch gelingt. Aber hier gerät er in die Fänge einer von älteren Schülern organisierten Verbindung, die sich „die Wächter“ nennt. Elliot soll nun selbst Gewalt ausüben, und zwar auf hinterhältigste Weise, nach dem Vorbild von George Orwells „1984“. Willkürlich werden einzelne Schüler als Opfer von Bestrafungsaktionen ausgewählt, die dann gnadenlos vollstreckt werden, aber so subtil, dass Lehrer und Eltern nichts davon bemerken oder nicht bemerken wollen.
Elliot ist einerseits froh, dass er nun nicht mehr auf der Seite der Opfer, sondern der Täter steht, andererseits bedrückt es ihn furchtbar, als er bemerkt, wie er sich „im Schatten der Wächter“ in einen anonymen Machthaber verwandelt, den nichts mehr zu berühren scheint. Die Freundschaft zu Ben, der ebenfalls ohne Vater aufwächst und ebenso Gewaltopfer wie früher Elliot geworden ist, lässt ihn an seiner neuen Rolle zweifeln. Ben leidet wie Elliot darunter, dass das männliche Vorbild des Vaters nicht mehr da ist. Er kann sich aber durch seine künstlerischen Fähigkeiten im Bereich der Schwarzweiß-Fotografie vor den Verstrickungen, in die Elliot geraten ist, bewahren.
Jedoch auch die Institution der Wächter scheint etwas mit diesem fehlenden männlichen Element in der Erziehung zu tun zu haben. So stellt Richard, der Anführer der „Wächter“ seinem „Zögling“ Elliot dar, wie sehr er seinen Vater dafür verachtet, dass dieser sich zum Knecht seiner Vorgesetzten machen lässt. Auch Richard erlebt seinen Vater als negatives Vorbild. Alle männlichen Protagonisten in Gardners Roman haben letztlich ein problematisches Verhältnis zu ihren Vätern. Es scheint sich in ihnen dadurch wie ein Vakuum zu bilden, das aber durchaus eine stark wirksame Realität darstellt. Und damit berührt Gardner ein in unserer Gesellschaft sich immer weiter ausbreitendes Phänomen: die „vaterlose Gesellschaft“. Zahlreiche Autoren sind sich darin einig, dass wir in der westlichen Welt mit der „Vaterlosigkeit“ heute ein massives Problem haben, das sich eben dahingehend äußert, dass drei Viertel der Kinder mit Verhaltensstörungen und zwei Drittel der Kinder mit Lernschwierigkeiten Jungen sind und dass nicht ausreichend „bevaterte“ Jungen in der Schule durch Aggression im Umgang mit anderen, übertrieben männliche Verhaltensweisen und Interessen, ein extrem eingeschränktes Verhaltensrepertoire sowie abschätziges Auftreten gegenüber Frauen auffällig werden.
So ist nicht nur der australische Familientherapeut Steve Biddulph, sondern vor ihm auch Robert Bly zu der Einsicht gelangt, dass es für die Reifung des männlichen Jugendlichen vom Kinde zum Manne naturgemäß richtig war, wenn hierfür bestimmte Initiationsrituale, die sogenannten „Rites de Passage“ vollzogen wurden. Dabei übernahmen es ältere, weise Männer, die Jungen aus dem mütterlich geborgenen Zustand der Kindheit wie schockartig herauszureißen, um sie dann durch Mutproben, die mit Schmerz und der Überwindung von Angst zu tun hatten, zu prüfen. Trennungsschmerz, Überwindung von Furcht und das Erreichen einer neuen, selbstständigen Existenz waren die drei Stadien solcher Initiationsrituale. Weil sich für solche Rituale keine adäquaten Nachfolgeriten entwickelt haben, gibt es in unserer zivilisierten Welt nur degenerierte Überreste solcher Rituale, und ein Beispiel dafür wird in Gardners Roman als „die Wächter“ beschrieben: „Die Gewalt, die Bestrafungen, die Opfer – all das war schon vor uns da. Egal wie man es nennen will, es existierte bereits, bevor die Wächter auf der Bildfläche erschienen. Alles was die Wächter tun, ist, sich dieses Etwas zunutze zu machen.“ Dekadent gewordene Initiationsrituale könnte man diese Praxis willkürlich ausgeübter Gewalt, wie sie heutzutage an praktisch jeder Schule existiert, auch nennen.
Graham Gardners großartige Leistung ist es, auf das Vakuum, das durch die „vaterlose Gesellschaft“ und die nicht mehr bewusst gehandhabte Begleitung der Reifung des Jungen zum Mann entstanden ist, in einer für Jugendliche und Erwachsene gleichzeitig ansprechenden Art aufmerksam gemacht zu haben.
Gardner deutet aber in seiner genauen Art zu beobachten und zu beschreiben auch auf die feinen Unterschiede in der Entwicklung der Geschlechter. Elliot ist jedes Mal tief beeindruckt von der emotionalen Souveränität, mit der die von ihm geliebte Louise ihre Gefühle beherrscht, wie sie sich intellektuell mit dem von den „Wächtern“ zum Vorbild erkorenen Roman „1984“ auseinandersetzt, ohne dabei in den Bann der Gewalt zu geraten. Gardner beschreibt präzise, wie die Herrschaft im Gefühlsbereich vom Ich, über das ja erst der Erwachsene voll verfügen kann, beim Mädchen bereits ausgeübt wird. Eine biologische Begründung könnte darin gesehen werden, dass in der Entwicklung des weiblichen Jugendlichen jene „Rites de passage“ bereits von der Natur veranlagt sind, wenn sich die Geschlechtsreife schmerzhaft und unter Blutverlust vollzieht. Damit werden entsprechende seelische Kräfte frei, die zur Stärkung und Reifung der weiblichen Persönlichkeit beitragen und eben nicht jenes beim Jungen entstehende Vakuum gerade im Gefühlsbereich entstehen lassen.
Am Ende entstehen beim Leser zwei Fragen: Wie müsste eine Pädagogik aussehen, die vor allem zur Reifung der männlichen Jugend jene Elemente wieder einfügt, die in alten Gesellschaften initiationsartig in die Erziehung eingebaut waren. Und: Trägt nicht die „vaterlose Gesellschaft“ mit ihren fehlenden Möglichkeiten zu einer gesunden „männlichen“ Entwicklung auch die Verantwortung für das viel beklagte, aber dennoch stetig zunehmende starke Bedürfnis der männlichen Jugend nach gewalthaltigem Medienkonsum? Sei es im Fernsehen, im Kino und vor allem in der rasant zunehmenden Fülle gewalthaltiger Computerspiele, überall füllt sich das von Gardner beschriebene Vakuum mit künstlichen Surrogaten, die offensichtlich für viele männliche Jugendliche ein notwendiges Kompensationsmittel für das fehlende väterliche Element in der Erziehung darstellen. Verbote werden hier nichts ausrichten, sondern nur ein dringend erforderliches Umdenken in der Erziehung, und das betrifft in unserer Gesellschaft vor allem die Väter und Lehrer.