"Leben ist ein dauernder Wandel. Alles ist ständig im Fluss......."
(Sanilu, der Freund des Romanprotagonisten Palumbu)
Mit dem Vorwort hat die promovierte Frühgeschichtlerin Astrid Beate Koberstein-Pes ihrem Roman einen "Kleinen Exkurs zur Bronzezeit auf Sardinien" vorangestellt in dem sie den Leser zunächst in die, nach den gewaltigen Steinburgen (Nuraghen) genannte, vor- und frühgeschichtliche Nuragher-Kultur einführt.
Im 9. vorchristliches Jahrhundert, während der Zeit des Übergangs der Spätbronzezeit zur Eisenzeit liegt der legendäre Nuragherfürst Sid, der als "Gleicher unter Gleicher" über sein Stammesgebiet (in der heutigen Maramillaebene, Provinz Cagliari) herrscht,auf seinem Sterbebett. Er erinnert sich an die Zeit, als er aufgrund einer Hungersnot seine Heimat auf den westlichen Inseln (Balearen) verlassen musste und in der neuen Heimat zu Wohlstand und Würde gelangte. Für die Zeit nach seinem Tod trifft er zwei folgenschwere Entscheidungen. Sein ältester Sohn Adnu soll nicht sein Nachfolger werden, sondern ein Dreiergremium soll künftig das Gemeinwesen verwalten. Sein jüngster Sohn, der noch im Knabenalter befindliche Palumbus, soll hingegen in die Priesterschaft des regionalen Brunnenheiligtums eintreten. Nachdem der verstorbene Babbu (Fürst/Vater) im Gigantengrab Sa Domu Sòrcu (bei der heutigen Ortschaft Siddi) bestattet wurde, wird Palumbus vom Oberpriester in die Geheimnisse des Heiligtums eingeweiht, als ihm in dem älteren Eddu ein eifersüchtiger Rivale erwächst. Während der von der Erbfolge ausgeschlossene Adnu auf Rache aus ist, wird die Gemeinschaft außerdem durch den benachbarten Fürsten Pau bedroht, den es nach Land und Beute gelüstet....
Der Autorin Astrid Beate Koberstein-Pes ist mit "Im Schatten des Nuraghen" ein Roman gelungen, der die archäologischen Vorgaben, einer singulären europäischen Kultur, über die es keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt, mit Leben füllt. Neben dem damaligen Brunnen- und Stierkult erfährt der Leser einiges über die sozialen Strukturen von regional organisierten Familien und Clanverbänden, sowie ihren (Handels)Beziehungen zu Phöniziern und Etruskern und geleistete Söldnerdienste. Jedes der fünfzehn Romankapitel ist zudem einer bestimmten Facette des spätbronzezeitlichen Sardiniens gewidmet und wird der entsprechendem Kapitelüberschrift gerecht. Beispielweise der Antagonismus zwischen Bauern und Hirten, Nuraghern und Phönziern usw. Dazu gibt es zum jeweiligen Kapitelende noch die Zeichnung einer typischen, zum Inhalt passenden Bronzetta (Plural: Bronzetti; bronzene Votivfiguren eines Fürsten, Dämon, Kriegers, Mutter usw.). Die Handlung weist außerdem zahlreiche kulturelle Details auf. So schnitzt sich beispielweise der Protagonist eine Launedda, eine Rohrflöte die noch heute von den sardischen Hirten gespielt wird.
Den Abschluss des 190seitigen, in dieser Form einzigartigen und lebendigen "Archäologischen Lehrromans" bilden neben einem Glossar, einem Personenverzeichnis und einem Ortsregister auch eine "Karte mit den heutigen Ausgrabungsstätten" (auf die der Roman Bezug nimmt) und ein "kurzer chronologischer Überblick". Das Buch zwingt den interessierten Leser geradezu, es in "einem Rutsch" durchzulesen und gibt viele Anregungen, tiefer in die Thematik einzusteigen. Zur Einstimmung für Besuche der archäologischen Stätten Sardiniens (Nuraghen, Brunnenheiligtümer bzw. Museen) ist es als Reiselektüre vor Ort besonders zu empfehlen und mit 5 Amazonsternen zu bewerten.