"Wien, wie man es nicht kennt" -- in dem Genre gibt's ja vieles, und einiges davon gehört zum Allerbesten. Auch H.C. Artmanns "Im Schatten der Burenwurst" gebührt dort ein Ehrenplatz: 36 Momentaufnahmen, jede davon beleuchtet das mysteriöse Wien in diesem Wiener Alltagslicht, das etwas anders leuchtet als das Alltagslicht anderer Städte. In Wien hat nämlich alles seinen eigenwilligen Charakter, will mir scheinen -- keinen hochedlen Charakter freilich. Dieser Charakter hat Charme, aber er ist hinterfotzig, und seine Gemütlichkeit ist heimtückisch. Und wenn ein Herr Artmann, habe die Ehre, diesen Charakter in vielen kleinen Szenen festhält, dann wirken auch die skurrilsten Pointen und die Wienerischsten Details nicht wie an den Haaren herbeigezogen, im Gegenteil: Während man mit wachsender Begeisterung eine Erzählung nach der anderen liest und sich vorkommt wie weiland Hamilkar Schaß, dann denkt man sich: Doch, das könnte so passiert sein, das klingt echt -- gerade w e i l es so skurril ist. Egal, ob die "letzte Wahrsagemaschine der Welt" ironisch zu seinen Ehren kommt, oder das legendäre Café Hawelka zu seiner ehrwürdigen Ehre: Stimmungsbilder sind das ohne Zuckerguss, aber immer mit Schmäh. Dafür sorgt schon Artmanns virtuoser Umgang mit dem ungeschmirgelten Weanerisch, und das in verschiedenen Variationen: Von dem nüchternen Fazit "A so a Moped is do schlißlich kaa Elkawee. I habs no gwoand" bis zum polyglotten "Blies, du ju nau e student, his nem is Mohammed?" liest man hier alles Vorstellbare und Unvorstellbare; eine Art symphonische Verwendung des Weanerischen. Ein klein wenig G'spür sollten Sie freilich schon mitbringen, um die grandiosen Szenen richtig genießen zu können, und wenn Sie wissen, was das Gänsehäufel und die Marie waren und was z.B. Kren, Quargel, a Dreier oder das Gfrieß sind, dann sind Sie im Vorteil. Erstrecht, wenn Sie eine vage Vorstellung davon haben, was in gewissen Situationen von einem Krawutischen Urfavoritner zu erwarten ist. Und wenn Sie noch ein wenig Tschechisch können, dann ist Ihnen das Gekicher garantiert bei der Mitteilung, der Vogerlfanger heiße Ptacek. Keine Ahnung, welche Kronjuwelen nur echte Urfavoritner hier entdecken können, sofern sie lesen...
Aber die Sprachspielereien sind nur der Schmand obendrauf auf den Erzählungen, allerdings allerfeinster Schmand. Artmann beobachtet Wean und die Weaner quer durch die Viertel -- vor allem durch die Außenviertel, die man als Tourist eher selten zu sehen bekommt und in denen man all das, was Artmann zum Glück festgehalten hat, auch dann nicht sehen würde, wenn's einem vor den Augen vorgeführt würde: Einzigartige Gestalten, Momentaufnahmen. Artmann lässt sie ausführlich zu Wort kommen, und nicht nur die x verschiedenen Versionen des Lamento in der Weaner-Variante sind einfach genial: "Waun aner amoe zum Sauffn aufangt, daun is da Karakta tschäuli. Gem S ma no a Sechzentl, Frau Marosch!".
Wie die Momentaufnahmen, so auch die vielen verschiedenen Wiener. Oft sind das nicht die allersympathischsten, in ihrer Rede liefern sie mitunter gnadenlose Selbstporträts ab und schwadronieren ganz unbedarft von "dem Krowodn seim Voeksempfenga" -- aber die Szenen! Hat man die gelesen und sich das alles möglichst detailliert illustriert vorgestellt, dann verzeiht man's ihnen halt doch. Der Herr Schaffranek, der "ruchlose Bigamist im Geiste", der jede Woche maßgeschneiderte Liebes... pardon: Geschäftsbriefe an 895 (in Worten: achthundertfünfundneunzig) "Mädchen, Frauen und Witwen" schreibt, ist noch vergleichsweise harmlos. Und dazwischen kommen immer wieder tragische Gestalten zum Vorschein, ergreifend fürwahr -- aber auf Wiener Art ergreifend, so z.B. der ehemalige Erste Geiger in Bad Tatzmannsdorf.
Wie gesagt: All diese kurzen Erzählungen sind nicht vordergründig witzig, fordern niemals diesen Schenkelklopferhumor heraus. Ihr Witz hat doppelten, wenn nicht sogar dreifachen Boden, und der scharfe Blick verhindert keineswegs eine ständig auf der Lauer liegende Melancholie, der andere ständige Begleiter dieser Erzählungen. Wenn Artmann diese allgegenwärtige Melancholie in Worte fasst, dann will ich den Leser sehen, den Sätze wie diese nicht mitnimmt: "Der Abend kriecht langsam aus den Haberfeldern. Über dem Mödlinger Horizont schwimmt wie ein unendlich ferner, milchiger Mopedscheinwerfer der Abendstern dieses Tages."
Lauter Prachtstücke aus dem Kronschatz des Weaner Alltag hat sich der Herr Artmann da vorgeknöpft, und vor allem: Ihm ist kein Detail entgangen beim Beobachten, und er hat haargenau die richtigen Worte für all diese feinen und feinsten Details parat gehabt, ohne dass das je gekünstelt wirkt.