Das Buch ist eine rein autobiographische Schilderung des Ende letzten Jahres verstorbenen Boxers und Zuhälters Stefan Hentschel, eine berühmt/berüchtigt gewordene Kiez-Größe. Aufgrund seines Ablebens war auch vor kurzem (Juni 2007) eine äußerst sehenswerte Spiegel-Reportage über ihn im Fernsehen zu sehen, fast zwei Stunden lang. Das Buch ist eine Autobiographie und die Co-Autorin bemüht nicht um Korrektur oder sonstige Einflußnahme. Es wäre daher auch völlig verfehlt, literarische Maßstäbe zu erwarten, das Buch ist eher aus dem Bauch - aber auch aus der Seele - heraus runtergeschrieben.
Es bietet eine doch recht schonungslose Schilderung eines Lebens, das schon seit frühester Kindheit von Gewalt geprägt war. Was Stefan Hentschel letztlich dann seine Popularität einbrachte, ist hierbei sicherlich seine ausgesprochen gute körperliche Veranlagung, die ihn den Kampf seines Lebens im Allgemeinen, sowie den Kampf- und Kraftsport im Speziellen, als einer der Stärksten hat absolvieren lassen. Vor allem gilt dies im Straßenkampf ohne Regeln - und ohne Waffen. Dies, verbunden mit seinem Durchsetzungsvermögen und sein gutes Aussehen bringen ihn auf die Reeperbahn, wo er einen der wesentlichen Sätze dieses Buchs prägt: Zuhälter werden nicht geboren, sondern gemacht". Denn vielen der Damen aus dem Gewerbe imponiert er mit genau dieser lauten Art und seinem Äußeren, zudem bietet er Ihnen Schutz und avanciert nach und nach zu einer Kiez-Größe, bis zuletzt einer der ganz Bekannten in ganz Deutschland in dieser Szene. Er ist körperlich stärker als die meisten, dies macht ihn zur Szene-Ikone. Im entsprechenden Spiegel-Bericht wird er von einem Insider allerdings auch klar als ganz brutaler Schläger" tituliert. Diejenigen, denen er mit seiner Gewalt geschadet hat, kommen leider nicht zu Wort. Sein Leben endet mit Selbstmord, was zwar im Buch nicht mehr geschrieben (beschrieben) werden konnte, sich aber dennoch andeutet, denn man merkt beim Lesen ohne Zweifel, daß er auf den Spielfeldern, bei denen seine Körperlichkeit ihn nicht weiter bringt, große Unsicherheiten, ja sogar Schwächen zeigt. Am Ende des Buchs zeigen sich diesbezüglich auch viele Einsichten seinerseits, ja teilweise sogar Reue. Leider fehlen ihm dann die Mittel zu einem alternativen Lebensstil.
Gewalt spielte sicher eine zentrale Rolle in seinem Leben. Zuerst hat er sie durch seinen Vater erfahren, später hat er selbst viel ausgeteilt, aber auch eingesteckt und letztlich beendet er auch sein eigenes Leben mit einer Gewalttat - dem Selbstmord. Mich hat das Buch und die Person fasziniert. Ich bin kein Boxer, aber ich habe Stefan Hentschel durch das Buch und die Reportage als gleichzeitig starken, manchmal auch schwachen Mann gesehen. Besonders beeindruckt hat mich die Schilderung seiner Kindheit, in der er durch einen brutal prügelnden Vater möglicherweise bereits auf den Pfad gelangt ist, der ihn ein ganzes Leben prägen sollte. Am Totenbett des Vaters kommt es noch zu einem kurzem psychologischen Showdown, der leider nur recht kurz gehalten ist. Ganz klar wird aber: Stefan Hentschel wurde schon als Kind mit sinnlosem Hass zugeprügelt, den er später immer wieder weitergab.
Das Buch bietet die Möglichkeit, ein äußerst schillerndes Leben durch die Augen des Protagonisten zu sehen und daher halte ich es aufgrund seiner Authenzität für ein wirklich gutes Buch. Man erkennt auch den durchaus sensiblen, reflektierten Stefan Hentschel. Für mich entfaltete sich der Blick auf eine mit Testosteron und Aggression geladene Maschine, die sich ihren Weg durch das unwegsame Gelände einer Szene bahnt, in der diese Eigenschaften als echte Werte anerkannt sind, eine Art gelebter Action-Film. Als erst die Drogen und dann die Waffen Einzug halten auf dem Kiez, haben Hentschel und andere ihren Meister gefunden. Jetzt ist nicht mehr der Stärkere der Sieger, sondern der, der weniger Skrupel hat. Ich denke, es steckt viel Elend und Leid hinter der glamourösen Fassade der Nachtwelt, auch das kann man lesen, im Buch und zwischen den Zeilen. Wenn Hentschel am Ende des Buchs resümiert Auge um Auge hinterläßt nur Blinde" hat das Qualität, zeigt aber auch, daß er erkannt hat, daß sein Weg zu Überleben für niemanden eine langfristige Strategie sein kann. Irgendwann kommt immer einer, der ist stärker. Im Falle von Hentschel waren es erst ein abgebrochenes Bierglas, dass ihm das Augenlicht auslöscht, dann die Waffen und schließlich und endlich: Hentschel selbst. R.I.P.