Wer sich für die Familie Mann interessiert, der sollte dieses Buch lesen - allerdings mit gebotener Vorsicht. Die Autorin liefert eine Fülle neues Material und wirft interessante Gedanken auf, wie es auf die verschiedenen Mitglieder der Familie gewirkt haben muß, sich von den schriftstellernden Söhnen, Brüdern, Vätern und Onkeln mehr oder weniger unverhüllt und interpretiert in deren Werken wiederzufinden. Aber Marianne Knüll schießt dabei über ihr Ziel hinaus - und zwar manchmal ganz gewaltig. Es fällt auf, dass die Autorin, die für sich in Anspruch nimmt, gerade die Frauen der Familie aus dem Schatten zu holen, diese besonders in ihr Interpretationsschemen presst. So stellt sie Carla, die Schwester von Heinrich und Thomas, die sich mit 29 Jahren vergiftete, als eine in hohem Maße fremd beeinflußte Frau dar, die sich vor allem von ihrem Bruder Heinrich in den Zwiespalt zwischen Heiliger und Hure hat drängen lassen und daran gescheitet ist. Carlas Briefe, in denen sie freimütig und teilweise auch humorvoll über ihr wechselndes Liebesleben berichtet, lassen jedoch keinen solchen Schluß zu. Auch der jüngere Bruder Viktor berichtet, wie souverän seine schöne Schwester schon als junges Mädchen mit ihren zahlreichen Bewunderen umging. Marianne Knüll wirft der Familie Mann vor, sie sei mitschuldig am Selbstmord von Klaus, weil sie diesem von Jugend an einen Todestrieb eingeredet habe. Genau solch einen immanenten Trieb hängt sie aber in ihrem Buch Carla Mann an. Überhaupt werden die Frauen von der Autorin in ein noch engeres Korsett gepresst, als es die damalige Zeit tat. Marianne Knüll schreibt, den Schwestern Julia und Carla sei im Gegensatz zu den Brüdern nicht der Ausweg offen gestanden, die problematischen Unterströmungen in der Familie schreibend zu verarbeiten. Warum? Es gab Schrifstellerinnen (wenn auch nicht viele) wie die mit der Familie befreundete Riccarda Huch. Beide Mädchen haben zaghafte literarische Ansätze unternommen, die Mutter schrieb auch(wenn sie auch nicht veröffentlichte). Der Mutter, die nach dem Tod ihres Mannes nach München zog und gerne Gesellschaften gab, wird unterstellt durch ein Leben, das haltlos zwischen Konvention und Zügellosigkeit schwankte, den Kindern seelische Probleme mit auf den Lebensweg gegeben zu haben. Auch das bleibt unverständlich. Es gibt keinen Hinweis auf einen Skandal in Julia Manns Leben, wenn sie für manchen Moralapostel auch zu freimütig mit ihren Gästen geflirtet haben mag. In den Boheme-Kreisen, in denen sich die Familie bewegte, war es ein Verdienst als charmante Gastgeberin zu gelten. Im Grunde tut Marianne Knüll mit ihren Protagonisten genau das, was sie Heinrich und Thomas Mann unterstellt. Sie interpretiert ihre Leben, wie es ihr für die Linie ihres Buches passt. Doch trotz dieser gravierenden Problemen ist die Lektüre spannend und vieles von dem Gesagten hochinteressant.