Herr Fussek und Herr Schober verfügen zweifellos über profunde Kenntnis der Szene und der Wirklichkeit im deutschen Pflegesektor. Die dargelegten Missstände sind wohl kaum ernsthaft zu bestreiten oder zu widerlegen.
Für Leute mit wenigen Vorkenntnissen in diesem Bereich bietet das Buch gute Einblicke in das System der Altenpflege in Deutschland und seine Funktionsweise.
Positiv ist meines Erachtens, wie die Mechanismen und Wirkungsweisen des Systems aufgezeigt werden; das Zusammenspiel der beteiligten Akteure und insbesondere die kommerziellen Interessen und Motive dahinter.
Dennoch - oder gerade deswegen - halte ich den Begriff "Pflegemafia" im Titel für äußerst irreführend und grundfalsch: der Begriff unterstellt den beteiligten Parteien eine aktive kriminelle Absicht und suggeriert das Bild einer verschworenen Gemeinschaft, die zum Zwecke der eigenen Bereicherung alte und hilflose Menschen quält und ausbeutet.
Bei der Lektüre wird jedoch deutlich - und das ist die Stärke des Buchs - dass die Akteure aus ihrer Sicht, nämlich im rein wirtschaftlichen Sinn, überaus "rational" handeln: wo Geld verdient wird, bleibt die Moral auf der Strecke, das mag zwar traurig sein aber eben leider auch logisch, wie man in jedem Wirtschaftssektor beobachten kann. Von einer Mafia" kann hier also keine Rede sein. Ein Romantiker, wer den "moralischen Kapitalismus" fordert.
Die Erkenntnisse aus dem Buch sind wohl weitgehend zutreffend und tief bestürzend, doch sind sie leider weder neu noch lassen sich daraus wirklich Schlüsse für eine bessere Gestaltung der Pflege ziehen. Die Lösung kann nicht in der Verteufelung der Akteure als Mafiosi liegen; sie muss aufzeigen, wie ein System rational handelnder Menschen organisiert werden muss, damit am Ende eine gute Pflege herauskommen kann. So müsste beispielsweise die grundlegende Frage gestellt werden, ob sich Menschlichkeit in der Pflege mit Gewinnstreben überhaupt vereinbaren lassen.
Die Lösungsvorschläge der Autoren beschränken sich jedoch auf den Verweis auf "gute Heime", die es trotz der schwierigen Umstände ja schließlich auch gebe. Damit bleiben sie im System verhaftet und zeigen keine Alternative auf.
Die Herren Fussek und Schober verfügen sicherlich über reichhaltige und zuverlässige Quellen für ihre Schlüsse. Es ist schade, dass viele Themen eher anhand von allzu plakativen Beispielen, Einzelmeinungen und stellenweise suggestiven Interviews bearbeitet werden. Die fehlende wissenschaftliche Aufarbeitung macht die Aussagen hinterfragbar.
Eine etwas nüchternere Darstellung der Ergebnisse würde es dem Leser erleichtern, seine eigenen Bewertungen vorzunehmen, so dass sich die Autoren ihre lehrerhaften und betroffenheitsheischenden Kommentare (die großzügig eingestreut werden) sparen könnten. Der Stil erinnert teilweise eher an Skandalreportagen in einschlägigen populären Blättern denn an seriöse Berichterstattung.
Fazit:
Das Buch ist informativ; es stellt die Zustände in der deutschen Altenpflege leicht verdaulich dar und illustriert sie anhand vieler Beispiele. Unzweifelhaft ist es geeignet, Betroffenheit und Bestürzung auszulösen.
Um breitere Leserschichten zu erreichen, mag es vielleicht auch gerechtfertigt sein, provozierende Vergleiche mit Tierpflegeheimen und andere plakative Beispiele einzubringen. Es ist sicherlich kein Schaden, wenn das Thema dadurch bis zu den Stammtischen transportiert werden kann.
Für diejenigen aber, die selbst in der Altenpflege oder in angrenzenden Bereichen tätig sind und unter den Zuständen leiden, ist das Buch ernüchternd, da es keinerlei konstruktiven Vorschläge für eine Verbesserung der Situation anbietet; weder auf der Ebene des Gesamtsystems der Pflege, noch auf der praktischen Ebene.