Ein amerikanischer Superheldencomic, der sich mit französischem Poststrukturalismus auseinandersetzt? Ja, das hört sich fantastisch hoch vier an, gibt's aber tatsächlich. Sasha Homers und John-Frederic Bandels »The Museum: Stairway to Heaven« (L'Auteur Est Mort Press: Fontainebleau/FL, 2008) bewerkstelligt dieses Kunststück mit links.
Homer, der bereits durch seine gelungenen Pencils und Inks bei »The Insect: Last Arthropod Crawling« (ab 2001 beim DC-Imprint Giddy Prod.) oder den Horror-Science-Fiction-Schockern »Four Eyes« und »Field Trip to Extinction« (beide bei Ataxia) positiv aufgefallen ist, und sein Texter J. F. Bandel, eine bisher unbeschriebene Sprechblase im Comic-Book-Bereich, schicken ihre Helden The Bro und The Sis auf eine Psychoreise in eine finstere Schattenzone, genannt The Museum. Dort treffen die beiden auf Mutanten, Zombies, Serienkiller, Monstergetier und allerhand andere unerfreuliche Erscheinungen, etwa den üblen Watchman (hat nichts mit dem Comicbuch der Comicbücher von Moore und Gibbons zu tun).
The Bro erinnert ein wenig an den unbeschreiblichen Rusty the Boy Robot von Miller und Darrow aus ihrem Comic von 1996. The Sis hingegen gemahnt eher an Charaktere aus dem Sword-and-Sorcery-Bereich: Die Rote Sonja, »der Weibsteufel mit einem Schwert«, ist mir gleich eingefallen. Obwohl Bro und Sis immer wieder in schier ausweglose Situationen geraten, schaffen sie es doch mithilfe ihrer überragenden Fähigkeiten, unbeschadet davonzukommen. Selbst in der brutalen Auseinandersetzung mit dem abgebrühten First Secretary bleiben sie siegreich (dessen kubanische, so viel sei verraten, Geheimidentität sie schlussendlich enthüllen können).
All das würde »The Museum« ja noch nicht aus der Masse der US-Superhero-Comics herausheben. Den Unterschied machen die Dialoge von Bandel: Stan »The Man« Lee hatte in den 1960er-Jahren noch die Strategie verfolgt, seinen Helden inmitten des wildesten Kampfgetümmels philosophische Bonmots und Betrachtungen allgemein gültiger Natur in den Mund zu legen; man denke nur an den epochalen Fight zwischen dem Silver Surfer und seinem Widersacher The Overlord, im Zuge dessen der Surfer ein aphoristisches Feuerwerk abbrennt, das seinesgleichen wahrlich sucht: »That which I plan to do cannot fail!« oder: »When all's said and done -- who is the dreamer -- and which is the dream?« Bandel hingegen plündert nun die Kunstgeschichte, ja, die Menschheitsgeschichte allgemein, bringt Referenzen zu Pop, Literatur, Schimmelpilzen und Politik, alles im Geiste semiotischer und diskursanalytischer Dekonstruktion. So findet Bro, obwohl er und Sis vom glühenden Schurken The Heat heimtückisch attackiert werden, mitten im Gemetzel Zeit für historische Belehrungen: »Of course, Veronica is the code name Che Guevara used during the battle of Golgotha. Sis, you're like totally clueless!« Dieser Referenztornado hebt bereits im Titel des Buchs an, mit seinem Verweis auf das klassische Lied »Die Treppe zum Himmel« der legendären Krautrockband Blaiblimp.
»The Museum« entwickelte sich in den USA sofort nach Erscheinen zu einem ungeheuren Campus-Erfolg, und Hollywood hat sich die Filmrechte bereits gesichert (Zack Snyder ist im Gespräch). Homer und Bandel planen indes ein groß angelegtes Crossover zu den entfernt ähnlich gelagerten Serien »The Wunderkammer« und »The Private Collection«. Man darf gespannt sein.
Sorgfältig editiert, erscheint die deutsche Übersetzung nun beim renommierten Berliner Philosophie- und Zeitgeschichteverlag Reprodukt; ein Zeichen dafür, dass Comics mittlerweile auch von der so genannten Hochkultur in Deutschland ernst genommen werden und nicht mehr nur abgetan als Schund für Kleinkinder und solche, die diesem Alter intellektuell niemals entwachsen sind. Als Übersetzerin für »The Museum« konnte übrigens eine ausgewiesene Kapazität gewonnen werden: Hiroshi Kawamata-Feichtlhuber, die für Suhrkamp vor einigen Jahren die glänzende deutsche Neuübertragung des schwierigen »Arcades Project« von W. Bendix Benjamin besorgte.