Ein toter Jüngling, schön wie ein Heiliger, wird in einer Lagune vor Venedig geborgen. Die Erwartungen, die man seines herrlichen Äußeren wegen an ihn stellt, werden zunächst nicht enttäuscht: Er erwacht zum Leben und erstaunt durch unbegreifliche Fertigkeiten.
Seine Herkunft ist ungewiß. Allein an seinen Namen, Andrea, kann er sich erinnern. Er ist ein venezianischer Kaspar Hauser, der den Dialekt der Stadt spricht und sich dennoch in ihren Gassen verirrt.
Gefunden wird Andrea vom Conte Paolo de Barbaro, dem alternden Vertreter eines Geschlechts, das in seiner Generation noch keinen neuen Sproß hervorgebracht hat. Der Findling wird Hauszeichner des Conte, der seine Werke - verblüffend in Präzision und Sujet - bis nach England absetzt. Schließlich wird ihm das althergebrachte Amt des Cicisbeo, des Begleiters für die schöne Schwägerin des Conte, Caterina, anvertraut.
Andrea und Paolo sind als Gegensatzpaar angelegt. Sie sind scheinbar verbunden durch die Kunst, durch die Liebe zu Caterina. Doch während der Junge sich beidem rückhaltlos hingibt, handelt der Conte berechnend: In der Liebe ist er mißgünstig und voyeuristisch, in der Kunst spielt er den harmlosen Sammler, um sein Gewinnstreben zu verschleiern.
Die Figur des Conte illustriert die Starrheit des damaligen Venedigs. Eine Enklave in Europa, die inmitten aufklärerischer Ideen die glorreiche Vergangenheit beschwört: "Nichts war vergangen, in Venedig gab es nur eine einzige Gegenwart, die des Alters, die begonnen hatte, als man den Leichnam San Marcos aus dem Orient hierher geschafft hatte. Von da an hatte die Stadt sich vollgesogen mit seinen Aromen, bitteren, weichen Altersaromen, die alle Jugend und alles Neue vertrieben."
Doch da der Entwurf für die Zukunft ausbleibt, lockert sich das Verhältnis des Einzelnen zum Staat. Erste Freiräume werden sichtbar. Napoleon erzwingt schließlich das Ende der 500 Jahre alten aristokratischen Republik. Die manierierten Traditionen werden zerschlagen: Kunst und Sitten erfahren eine Hinwendung zur Natur. Der Künstler und der Liebende Andrea ist seiner Zeit voraus und wird doch ihr Gefangener. --Annette Eichinger
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Mit den Augen des Malers
Hanns-Josef Ortheils kunstvoller Venedig-Roman
Weder als romantischer Traum noch als zum Sterben verurteiltes Reich des Untergangs taucht Venedig in der Literatur unserer Tage auf. Die noch immer rätselhafteste Stadt der Welt scheint poetischer Beschreibung nicht mehr wert. Oder fehlt es vielleicht ganz einfach an Augen, die sich nicht vorschnell satt sehen, soweit sie überhaupt richtig und mit fragender Neugierde sehen wollen? Wo noch zu Beginn dieses Jahrhunderts Maurice Barrès in Anlehnung an Musset und Gautier ein royaume de nostalgie aufspürte, wo noch vor wenigen Jahren Josef Brodsky seine Ortlosigkeit durch unendliche Lichtspiegel aufgehoben sah, da knattern nun Polizeikommissare auf Schnellbooten durch die Kanäle in Romanen, welche Venedig zur farb- und gesichtslosen Tatort-Kulisse verkommen lassen. Genügt doch offensichtlich schon allein die Nennung des Namens der Stadt, um eine Atmosphäre des Unheimlichen vorzutäuschen. Aber diese will, wenn wir wirklich noch von Literatur reden, mit allen Sinnen im Sprachfluss beschworen werden. Als verlängerte Agonie gotisch-byzantinischer Paläste ebenso wie als nebelverhangene Verwunschenheit der Lagunengewässer.
Denn noch immer ist Venedig reich an geheimnisbeladenen Bildern, lässt dieses magische Floss aus Stein sein filigranes Masswerk im sfumato Tizians flirren, schimmern die glanzvollen Reflexe einer unvergleichlichen Vergangenheit wie geisterhafte Zaubereien auf. Hanns-Josef Ortheil, einer der wenigen deutschen Erzähler, die das Schatzhaus europäischer Tradition nicht mit Opas Rumpelkammer gleichsetzen, hat glücklicherweise den ganz unmodischen Mut besessen, sich dem eigentlichen Venedig wieder zu nähern. Dem Venedig Montaignes, Byrons, Chateaubriands, Morands, D'Annunzios und Thomas Manns, deren Phantasie nie weiter und tiefer schwang als in der morbiden Luft feierlicher Schwermut.
Zerfall hinter der Maske
«Im Licht der Lagune», so der Titel seines neuen Romans, lässt Ortheil noch einmal das Venedig des ausgehenden 18. Jahrhunderts aufscheinen. Kenntnisreich, nie flach belehrend und mit der schon am früheren Werk des Autors bewunderten Sensibilität der Wahrnehmung führt dieses vielschichtige, märchenhaft verspielte Buch zurück in die Epoche des Rokoko, in der die ehemals so mächtige Seerepublik ihren wirtschaftlichen und politischen Niedergang hinter den alten, prächtigen Masken zu verbergen suchte, welche nicht nur die des berühmten Karnevals waren.
Der Conte Paolo di Barbaro, der tückische Promotor des psychologisch, erotisch, aber auch kunstästhetisch eindrucksvollen Romans, gehört zur Elite der venezianischen Aristokratie. Trotz allen Anzeichen der Décadence möchte er die Normen feudaler Würde bewahrt wissen. Auch wenn er als melancholisch vergrübelter Einzelgänger lieber auf Entenjagd geht, als dass er sich in den Salons oder in den ridotti, den berüchtigten Spielkasinos des Stadtstaates, zeigt. Wieder einmal im schilfigen Brackwasser zwischen den Inseln der Lagune unterwegs, findet er in einem treibenden Fischerboot einen scheinbar toten, höchst anmutigen jungen Mann. Der geheimnisvolle Unbekannte erwacht zwar wieder zum Leben, hat aber die Erinnerung an seine Herkunft verloren. Wie ein vom Himmel Gefallener streift der Andrea Genannte durch Venedig: «Er sah die dunkle Feuchtigkeit in den Gassen, wo der Schimmel die Fundamente der Häuser grün oder graugelb zeichnete. Und er erschrak vor den weiten, hellen Zonen der Campi, auf denen die Sonne ruhte wie auf einer geöffneten, den Himmel einfangenden Muschel . . .»
Aufgenommen im Palazzo di Barbaros, beginnt der den gleitenden, fliessenden Elementen entstammende Findling Bilder von Venedig zu malen, deren mimetische Feinheit und Freiheit die damals geschätzten Veduten Canalettos oder Guardis geradezu steifleinenstarr und künstlich anmuten lassen. Mit der ungebrochenen Selbstsicherheit des Naturtalents kritisiert Andrea sogar den einen wie den anderen:
Der alte Meister hat die Häuser und die Kanäle nicht wirklich studiert. Im Grunde hat er sie überhaupt nicht gesehen. Er hat sie höchstens andeutungsweise gemalt . . . Jede Woge, jede kleine Welle hat der Meister wie die andere gemalt als verwechselte er die Spiegelungen mit Schatten. Und dann die Wolken! Der alte Meister malt die Wolken wie runde, weisse Kleckse. Er meint, es genügt, etwas Weiss, hier und da, auf das Himmelsblau zu setzen. Weiss er, dass das Himmelsblau niemals ein solch einfaches Blau ist, sondern aus Lichtbänken und ziehenden, schwachen Schatten besteht?
Diese der klassischen Vedutenmalerei noch völlig fremden Überlegungen sowie Andreas evokativer Umgang mit den Möglichkeiten der Farbe lassen den Conte begreifen, dass er in dem jungen Heisssporn einen vielversprechenden, neue Wege gehenden Maler vor sich hat. Und so beschliesst di Barbaro, aus der Kunst Andreas Profit zu ziehen. Pflegt doch sein Bruder als venezianischer Gesandter im fortschrittlichen England regen Umgang mit Galeristen. Ausserdem könnte sich der junge Künstler auch noch als cicisbeo in der Aristokratenfamilie nützlich machen worunter man in Venedig den zu platonischer Distanz verurteilten ständigen Begleiter einer vornehmen verheirateten Frau verstand. Caterina, der Frau des ständig abwesenden Botschafters und Schwägerin des heimlich in sie verliebten Grafen Paolo, wird Andrea nun als Anstandsmarionette an die Seite gegeben. Das sichert dem historisch elegant eingerahmten Geschehen neue Spannung.
Gegenwelt der Kunst
Denn die beiden ungleichen jungen Leute sind sich bald darüber einig, wie entleert die Welt gesellschaftlicher Hierarchie geworden ist, wie wenig die snobistische Abgehobenheit der Adelszirkel ihrem unverstellten Lebenshunger entgegenkommt. In Andreas Malerei erkennt Caterina die Gegenwelt einer Freiheit, die ganz ihrem Wesen entspricht. Ortheils poetisches Vermögen, die Handlung in sinnliche Eindrücke zu überführen, erreicht mit der Schilderung der aufbrechenden Liebe zwischen den beiden einen weiteren Höhepunkt. Doch da diese Beziehung alle Standesregeln verletzt, kann sie nur zu einem ebenso traurigen wie mysteriösen Ende führen.
Allerdings belässt es der melancholische Märchenerzähler Ortheil nicht beim schmerzlichen Ende einer feinsinnig rhythmisierten Rokoko-Romanze. Nicht nur einen tiefgründigen Liebes- und Gesellschaftsroman legt er hier vor, sondern zudem eine poetische Studie des Sehens. Tatsächlich besitzt er wie kaum ein anderer zeitgenössischer Autor die Gabe, Licht zu erzählen, Farb- und Schattenwirkungen durch melodisch lyrische Wortfelder heraufzubeschwören. So werden dank seiner visuellen Prosa die venezianischen Stadt- und Wasserlandschaften zu geheimnisreich durchwirkten Stimmungsträgern. Hinter dem Schleier mystischer Farben lässt er eine Welt von verhalten irrationaler Dichte ahnen, so wie sie auch die Aquarelle William Turners suggerierten. Jenes Malers, der Venedig in einen entgrenzten Schein des Unbekannten tauchte und damit das Gehege des Architektonischen und Stofflichen verliess, um die Malerei in die Offenheit der Moderne zu führen.
So wird der aus den natürlichen Elementen aufgetauchte Findling Andrea bei Ortheil zum spirituellen Porträt des englischen Malers, wenn nicht gar zur symbolischen Inkarnation des modernen Künstlers überhaupt, in dessen Werk Licht und Farbe alles zu verschlingen scheinen. Die Tiefenwirkung, die der Roman durch diese kunsthistorischen und -ästhetischen Aspekte erhält, steigert sich am Schluss, wenn Andrea in den kranken, karminroten Verfärbungen des späten Turner schwelgt und dabei bis zu den Abstraktionen des 20. Jahrhunderts vorstösst. In einem ganz wörtlich kunstvollen Roman, wie er in solcher Eindringlichkeit lange nicht mehr geschrieben worden ist.
Ute Stempel