Hisham Matar hat einen äußerst berührenden Roman über (s)eine Kindheit in Libyen verfasst, zu einer Zeit, als der "Revolutionsführeer" Gaddafi mit aller Härte gegen sogenannte Oppositionelle vorging. Brutale Verhöre, öffentliche Vorführungen und Hinrichtungen waren die Tagesordnung. Die Authenzität der Erzählstärke schockierte mich mehr als ich erwartet hatte.
Nicht selten hätte ich das Buch gerne zugeklappt und damit auch die Augen vor der Gewalt verschlossen. Doch Matars erzählerische Kunst lies mich nicht zur Ruhe kommen. Reich bebildert, detailliert und unter völliger Orientierungslosigkeit schildert der neunjährige Junge, wie er die Ereignisse aufnimmt. Es fällt ihm sehr schwer Gut und Böse auseinander zu halten, von Aufklärung seitens seiner Eltern keine Spur. Er will Verantwortung übernehmen und macht die Dinge falsch. Er kann nicht wissen, dass die Tragweite seines Handelns eine furchtbare ist, aber er spürt es dennoch. Die Gewalt und der Wahnsinn der Herrschafts Gaddafis rauben Suleiman mit seinen neun Jahren das kindlich naive Sicherheitsgefühl, so dass er meint, den Boden unter den Füßen weggerissen zu bekommen. Dieses Gefühl, so schreibt er, begleitet ihn dann auch ein Leben lang.
Und dennoch beschreibt Hisham Matar nicht nur die politische Situation. Er zeichnet auch ein deutliches Bild der Kultur - insbesondere der Literatur und Dichtung -, der Menschen und der Natur Libyens. Diese Dinge machen das Buch mehr als lesenswert und vermitteln ein Gefühl für eine andere Welt, eine andere Sicht der Dinge. Bisweilen konnte ich mir das idyllische Meer beim Sonnenuntergang vorstellen und auch über den ein oder anderen dummen Jungenstreich lächeln. Das gehört eben auch dazu.
Schwer verdaulich ist dieser stark autobiografische Roman, aber einfach nicht aus der Hand zu legen! Ich wünsche ihm eine große Leserschaft und hoffe auf weitere Bücher von Hisham Matar.