Alte Klischees und neue Verirrungen
Zwei Bücher über Amerika
In Europa glaubt man, Amerika zu kennen zum Beispiel als Land der grellsten Geschmacklosigkeiten, und in der Tat stolpert man als Tourist auf Schritt und Tritt über die eigenen Klischees. Diese Erfahrung ist billig zu haben, und sie lässt sich mit wenig Aufwand in ein Buch verwandeln, deshalb gibt es über kein anderes Land so viele hemmungslos schlechte Bücher. Oft begegnet man in der Reiseliteratur über Amerika einem eigenen Genre, das sich sowohl sprachlich als auch inhaltlich am polternden Diskurs des enthemmten Partyklatschs orientiert. Solches scheint gern gelesen zu werden Hand aufs Herz: Wer hat sich noch nie zu vorgerückter Stunde der Frotzelei über shocking America hingegeben, mit dem kopfschüttelnden Einverständnis darüber, wie ganz anders wir Europäer doch sind? Was sich hier Bahn bricht, ist das Ressentiment gegenüber der arroganten (und in der Tat oft schockierend ignoranten) Supermacht. America bashing verleiht den machtpolitisch Unterlegenen eine (hilflose) Genugtuung.
Bizarre Stilblüten
«Ich habe mir geschworen, mich zu amüsieren. Das wird nicht immer gelingen. Das Heitere wird mich verlassen, und ich werde, zerknittert von zuviel Geschmacklosigkeit, anfangen zu schluchzen.» Tapfer macht sich der deutsche Reisereporter Andreas Altmann auf ins «Land der Freien». Er ist nicht der erste, der uns vom Amerika der Fetten und der Freaks berichtet, und er ist auch nicht der erste, der das Land mit dem Greyhound-Bus durchquert. Aber er dürfte im Genre der literarischen Road-Movies der erste sein, der sich von einer Busfahrt zu folgenden Worten hat hinreissen lassen: «Am unverzichtbarsten scheint mir dabei das sanfte Schaukeln, es verführt zum Regredieren. Ich werde ganz leichtsinnig, oft jäh und ohne die geringste Provokation von aussen lüstern. Das ist mein Kind in mir. Auch Fünfjährige in einer sacht schwingenden Wiege erregen sich. Weil sie sich im Einklang fühlen, weil die Körpersäfte die Zeit und Ruhe haben, dorthin zu fliessen, wohin sie wollen. Der Bus als Riesenvibrator.» Dieser kühne Auftakt im allgegenwärtigen Schattenreich der Sinne setzt den Ton auf seiner Reise durch das Land der Verklemmten wird der Autor keine Gelegenheit ungenutzt lassen, die geneigte Leserschaft an seine (beklagenswerterweise stets unbefriedigt bleibende) Potenz zu erinnern.
Altmanns offenbar unlektorierte Muskelprotzprosa beschert uns bizarre Stilblüten en masse (die sprichwörtlichen Tellerwäscher spülen «das grindige Geschirr») sowie ein paar sprachliche Fehler der gröberen Art (die Toilette im Greyhound ist «eine unriechbare Schikane»). Die bittersüsse Schaukelreise führt den Kischpreisträger durch seltsame Städte, zum Beispiel Charlotte (North Carolina), ein Ort, «der aussieht wie ein in Beton gegossener Pavianarsch», oder Atlanta: «Diese Stadt ist ein Batzen Scheisse ins Gesicht empfindsamerer Gemüter. Ein tropenheisser Gulag.» Da der Autor seinem empfindsamen Gemüt nähere Recherchen erspart hat, erfährt man über diese urbanen Ungeheuer weiter gar nichts.
Bei sprachlichen Entgleisungen bleibt die Ästhetik selten das einzige Opfer. So entdeckt Altmann in New York einen Obdachlosen «mit saftigen Karzinombeulen, bedeckt mit einem Stück Papier, auf dem es jeder lesen kann: Homeless with Aids». An anderer Stelle wird das Schicksal der Obdachlosen verklärt, als wäre all das nur für gaffende Touristen inszeniert: «Schon einzigartig, das Leben, das sie hier vorführen. Ein Dasein, bei dem sie jeden Tag mit dem Gedanken aufwachen, keinen Cent zu besitzen. Jeden Morgen gegen die Welt antreten zu müssen, das hat auch Stärke, etwas rabiat Schönes.» Die Blindheit für die soziale Tragödie der Obdachlosigkeit verrät die verlogene Sehnsucht des professionellen Abenteurers: Er träumt von einem Leben am Abgrund, von dem er nichts weiss.
Typische New-York-Stories
«Am späten Morgen, wenn die Sonne für einige Minuten ihr Licht parallel in die Avenue wirft, explodiert der Süden der Insel in eine kubistische Geometrie greller Reflexe», schwärmt der Fernsehjournalist Sven Kuntze in «New York City eine wunderbare Katastrophe». Jeder Besucher kennt die Rauschwirkung New Yorks in aller Regel ist es jedoch ein Fehler, daraus gleich ein Buch zu machen. Auch Kuntzes Buch gehört in die nervtötende Tradition des flotten, schludrig dahergeschriebenen Amerika-Journalismus. Der schwarze Geräuschesammler Lou hat «honigmelonengrosse Muskeln», auf den Strassen sieht man «hockerhohe Sohlen», und im Coffeeshop essen die New Yorker «Teigwaren in der Form kleiner Autoreifen». Der Bequemlichkeit zuliebe lässt Kuntze seine New-York-Figuren gleich absatzweise im O-Ton quasseln. Besonders gern plauscht er mit den Obdachlosen, die bei ihm ganz zufrieden tönen: «Die New Yorker mögen uns zwar nicht, aber sie haben sich an unseren Anblick gewöhnt, und mehr können wir schlecht verlangen.» Auch bei Kuntze gehören die homeless zum Inventar des herb-romantischen Lokalkolorits, sonst könnte er nicht darüber sinnieren, dass die Obdachlosen des Central Park «in der Tradition der Ureinwohner des Kontinents frei und ungebunden im Land umherschweifen».
In Kuntzes New York schlägt der Puls der Zeit, hier trifft man auf all jene Leute, über die man sonst nur in der Zeitung liest. Seine atemlosen Stories sind allerdings bisweilen zu gut, um selbst erlebt zu sein. Wie etwa Patsy Cline aus Versehen ihren Pudel statt der Postkarten in den Briefkasten versenkt, wie sich darauf eine dieser kunterbunten, gesprächigen New Yorker Menschentrauben bildet (die es nur in New-York-Büchern gibt), wie eine tobende Patsy Cline schliesslich den chassidischen Juden verscheucht, der ihren eingesperrten Pudel nichtsahnend mit einem Brief hatte erschlagen wollen das alles erzählt Kuntze aus der hautnahen Perspektive des unmittelbaren Augenzeugen. Man möchte einen Besen fressen, wenn es sich dabei nicht um eine jener urbanen Legenden handelt, die auf Cocktail-Parties herumgeboten werden. Mit der vielschichtigen Realität New Yorks haben sie kaum etwas zu tun.
Ob er während seiner vielen Jahre in Greenwich Village auch ein paar typische New York Stories erlebt habe? «Nein, von Zeit zu Zeit findet man sich einfach in ähnlich katastrophalen Situationen wie im Heimatland. But nothing special has ever happened.» So antwortete Joseph Brodsky auf diese Frage in einem Interview. Als Exilrusse spricht er aus der kollektiven Perspektive der Immigranten, die in der Stadt viel mehr Spuren hinterlassen haben als die erlebnishungrigen Stadtschwärmer. Brodskys nüchternes Statement enttäuscht unsere Erwartungen und doch erfährt man daraus mehr über die Stadt als in überhitzten New-York-Büchern.
Sieglinde Geisel