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Produktinformation
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Die Tragödie in der Ostsee hat Günter Grass seit jeher interessiert. In Romanen wie Katz und Maus und Die Rättin wird erwähnt, dass die Nebenfigur der Tulla Pokriefke das Unglück knapp überlebte. Nun hat der Autor dem Ereignis auf hoher See eine historische, dabei aktuell-brisante Novelle gewidmet. In Im Krebsgang wird der Sohn von Tulla beauftragt, die längst vergessene Geschichte aus den Fluten des kollektiven Gedächtnisses zu bergen. Eher widerwillig recherchiert der Journalist und Ich-Erzähler im Internet, tummelt sich in den abstrusen Chatrooms der Neonazis, beleuchtet die Biografien des Schweizer NS-Landesgruppenführers Wilhelm Gustloff, seines jüdischen Attentäters David Frankfurter und des U-Bootkommandanten der sowjetischen Rotbannerflotte Alexander Marinesko -- und versucht sich schließlich im Erzählprozess ganz "an Bord der 'Gustloff' zu denken", um die tödliche Katastrophe vor den Augen seiner Leser wieder lebendig werden zu lassen. Dabei fördert er ein menschliches Drama zu Tage, das bis in unsere Gegenwart hineingreift und nicht zuletzt seine eigene Familie betrifft.
In Katz und Maus war die durch das Dickicht der Wiesen streifende Katze Metapher eines vorsichtig neugierigen, "lauernden" und ständig die Richtung wechselnden Erzählens. In Grass' neuer Novelle ist es der seitliche, mögliche Feinde täuschende Gang des Krebses, der die stetig zwischen Gestern und Heute wechselnde Erzählperspektive symbolisiert und dem großartigen schmalen Band seinen Namen gab. Entgegen der Bescheidenheit des Ich-Erzählers ("ich berichte nur") ist Grass endlich wieder ein kleines Meisterwerk gelungen. Spannend verwoben, kunst- und humorvoll zugleich. --Thomas Köster -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Das Thema? Die Ereignisse um die Torpedierung und den anschliessenden Untergang der "Wilhelm Gustloff", eines ehemaligen Kreuzfahrtschiffes des 3. Reiches, das zu Kriegszeiten längst militärischen Zwecken diente und als Flüchtlingsschiff, das nicht mehr viele retten konnte, endete. Es ist ein Kapitel deutscher Geschichte, das lange verschwiegen wurde: abgeschossen von der russischen Marine in der Annahme, ein mit Armee bestücktes Kriegsschiff zu vernichten, war die Gustloff zwar auch mit Militär, aber vor allem mit vor der nahenden Front fliehenden Frauen und Kindern belegt. Nach dem Krieg wollte über solche Unglücke aber niemand etwas hören... Grass lässt den Erzähler einen jener Geretteten sein, die während der Flucht geboren wurden. Dramatischer noch wurde Paul, wie der Protagonist des Buches heisst, angeblich genau auf die Minute geboren, als das lecke Schiff endgültig versank. Pauls Mutter Tulla, alten Grass-Lesern aus vielen seiner Bücher zumindest als Nebenfigur bekannt, quält ihren sich oft als Versager fühlenden Sohn jahrelang mit dem Wunsch, er möge ihre Geschichte aufschreiben und die Überlebenden wie die Toten der "Gustloff" so nicht vergessen lassen. Doch Paul will nie, und so konzentriert sich Tullas nie enden wollendes Vergangenheitsgerede um ihre wundersame Rettung und seine Geburt schliesslich auf ihren Enkel, Pauls Sohn Konrad. Der saugt Tullas Wissen wie ein Schwamm in sich auf. Wozu das führt, merkt Paul viel zu spät bei seinen dann doch noch irgendwann beginnenden Recherchen um die "Gustloff": sein Sohn hat eine rechtsradikale Webseite ins Leben gerufen, auf der er den Namensgeber des Schiffes als Helden feiert...
Diese Geschichte, von der ich hier nicht mehr verraten möchte, klang für mich spannend genug mich diesem Grass-Buch zu widmen. Bisher hatte ich ihn immer für einen jener intellektuellen Autoren gehalten, die viel reden und meist dazu keine echte Geschichte haben. Man könnte auch sagen, ich habe mich einfach nicht an ihn herangewagt. Doch meine Vorurteile haben sich durch "Im Krebsgang" angenehm zerstreut. Keine langen, verschachtelten, schwallenden Kunstsätze gibt es hier zu lesen, sondern eine wirklich interessant verpackte Geschichtsstunde, immer wieder unterbrochen durch die Gegenwart und Pauls eigenes Leben, das wie der absolute Gegenpol zu seiner Geburt merkwürdig ereignisreich verlaufen ist. Besonders interessant erscheinen mir die kleinen Einschübe, in denen Grass selbst als "der Alte" erwähnt wird, eine Art Arbeitgeber oder Mentor von Paul, der an einer Stelle zugibt, selbst halb erfunden zu sein. Halb deswegen, weil Grass sich sehr eng an eine tatsächliche Begebenheit hält: wirklich ist einer hochschwangeren Frau an Bord der Gustloff genau das passiert, was Pauls Mutter in dieser fiktiven Geschichte passiert. Und wirklich gibt es den ehemaligen Zahlmeister, der später Bücher über die Gustloff geschrieben hat. Hier werden gleich mehrere Schicksale miteinander verknüpft, und dies so gut und auch spannend, dass mir das Buch wirklich gefallen hat. Die Geschichte treibt stetig voran, man könnte ihr allenfalls vorwerfen dass sie möglicherweise ein bisschen klischeehaft daherkommt: Vater ein Verlierer, Mutter hilflos, Grossmutter die ewig Gestrige und als Resultat der Enkel ein Nazi.
Zur Zeit wird dieses alte, düstere Kapitel Geschichte wieder aus der Schublade geholt, und für viele längst überfällig darf auch endlich darüber gesprochen werden. War es vor Jahren noch verpönt, auch Deutsche als Opfer zu betrachten, so begrüsse ich Grass' Ansichten, dass derartige Geschichten nicht den heute ewig Gestrigen, den Neonazis und ihrem Gefolge überlassen werden dürfen. Denn sonst entstehen Webseiten wie die fiktive in diesem Buch, auf denen Helden gepriesen werden, die keine sind. Geschichtsverdrehung gibt es schon genug.
Kompakt gesprochen empfehle ich dieses Buch vielen Menschen - zum einen natürlich den Grass-Lesern, die Tulla wiedersehen möchten. Ich habe darüber gelesen, dass er diese Figur schon in früheren Büchern immer wieder hervorgekramt hat, und finde derartige Verstrickungen über viele Geschichten hinweg faszinierend. Dann auch eine Empfehlung an die, die wie ich bisher vielleicht Vorbehalte gegen den Autor hatten - seine Sprache ist leicht, niveauvoll zwar, aber weder ideologisch noch in negativem Sinne intellektuell gefärbt. Und zum Schluss allen interessierten und aufgeschlossenen Lesern.
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