Gebraucht kaufen
Gebraucht - Sehr gut Informationen anzeigen
Preis: EUR 3,89

oder
Loggen Sie sich ein, um 1-Click® einzuschalten.
 
   
Möchten Sie verkaufen? Hier verkaufen
Im Krebsgang
 
 
Den Verlag informieren!
Ich möchte dieses Buch auf dem Kindle lesen.

Sie haben keinen Kindle? Hier kaufen oder eine gratis Kindle Lese-App herunterladen.

Im Krebsgang [Gebundene Ausgabe]

Günter Grass
3.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (94 Kundenrezensionen)

Erhältlich bei diesen Anbietern.


‹  Zurück zur Artikelübersicht

Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Es war die größte Katastrophe in der Geschichte der Seefahrt: Am 30. Januar 1945 verließ das ehemalige Kraft-durch-Freude-Kreuzfahrtschiff "Wilhem Gustloff" mit 6.100 Flüchtlingen an Bord Gotenhafen und wurde vor Stolpermünde von einem sowjetischen U-Boot aufgebracht. Drei der kommunistischen Heimat und ihrem Diktator gewidmete Torpedos durchbohrten das Schiff, das in knapp einer Stunde versank; mehr als 5.000 Menschen kamen ums Leben. Ein Untergang nach dem Untergang: Das Tausendjährige Reich war längst Geschichte, und Roosevelt bereits auf dem Weg nach Jalta, um mit Stalin und Churchill die neuen Grenzen abzustecken.

Die Tragödie in der Ostsee hat Günter Grass seit jeher interessiert. In Romanen wie Katz und Maus und Die Rättin wird erwähnt, dass die Nebenfigur der Tulla Pokriefke das Unglück knapp überlebte. Nun hat der Autor dem Ereignis auf hoher See eine historische, dabei aktuell-brisante Novelle gewidmet. In Im Krebsgang wird der Sohn von Tulla beauftragt, die längst vergessene Geschichte aus den Fluten des kollektiven Gedächtnisses zu bergen. Eher widerwillig recherchiert der Journalist und Ich-Erzähler im Internet, tummelt sich in den abstrusen Chatrooms der Neonazis, beleuchtet die Biografien des Schweizer NS-Landesgruppenführers Wilhelm Gustloff, seines jüdischen Attentäters David Frankfurter und des U-Bootkommandanten der sowjetischen Rotbannerflotte Alexander Marinesko -- und versucht sich schließlich im Erzählprozess ganz "an Bord der 'Gustloff' zu denken", um die tödliche Katastrophe vor den Augen seiner Leser wieder lebendig werden zu lassen. Dabei fördert er ein menschliches Drama zu Tage, das bis in unsere Gegenwart hineingreift und nicht zuletzt seine eigene Familie betrifft.

In Katz und Maus war die durch das Dickicht der Wiesen streifende Katze Metapher eines vorsichtig neugierigen, "lauernden" und ständig die Richtung wechselnden Erzählens. In Grass' neuer Novelle ist es der seitliche, mögliche Feinde täuschende Gang des Krebses, der die stetig zwischen Gestern und Heute wechselnde Erzählperspektive symbolisiert und dem großartigen schmalen Band seinen Namen gab. Entgegen der Bescheidenheit des Ich-Erzählers ("ich berichte nur") ist Grass endlich wieder ein kleines Meisterwerk gelungen. Spannend verwoben, kunst- und humorvoll zugleich. --Thomas Köster

Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 09.02.2002
Grass wird viel Zustimmung und Beifall erhalten für seine politisch korrekte Novelle, mutmaßt der Rezensent Roman Bucheli. Aber nicht vom ihm! Denn Grass' literarische Aufarbeitung des Untergangs des Flüchtlingsschiffs "Gustloff" verdrießt Bucheli doch sehr. Nicht, dass er Grass das Aufgreifen eines Tabusthemas - der Schilderung der Verluste und des Leids der deutschen Zivilbevölkerung während des zweiten Weltkrieges - ankreiden würde, im Gegenteil: "Politisch ist ihm nichts vorzuwerfen." Aber wie Grass das Thema angeht, missfällt dem Rezensenten außerordentlich: "literarisch", so Bucheli, sei der Text "bis auf wenige Szenen belanglos". "Pedantisch" findet er das "didaktisch-belehrende Kalkül" der Novelle, die mit "einprägsam-schlichten Denkfiguren politischen Anschauungsunterricht" betreibe. Bei allem Respekt vor Grass, an seiner neuen Novelle lässt unser Rezensent kein gutes Haar: "Fadenscheinig hat er seinen Stoff gewoben, eher gut gemeint als gut gemacht".

© Perlentaucher Medien GmbH

Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 09.02.2002
Literatur spielt sich zwischen Moralität und Amoralität ab, schreibt Marius Mailer in seiner sehr ausführlichen Besprechung über Günter Grass' neue Novelle und zählt den Autor unbestritten zu den moralischen Autoren. Das muss der Leser mögen, wenn er einen Grass zur Hand nimmt, warnt der Rezensent. Denn erwartungsgemäß habe Grass auch mit dieser Novelle sich eines Themas moralisch angenommen. Ganz gespannt hat Mailer das Werk zur Hand genommen, wartet er doch seit "Hundejahre" Werk für Werk auf einen Grass der alten Qualität. Die ersten zwei Drittel von "Im Krebsgang", so der Rezensent, versprechen denn auch - abgesehen von den "bisweilen nervtötenden Internet-Fachbegriffen" - ein literarisch großer Wurf zu sein. Wäre da nicht der Fortgang, seufzt Mailer, der alles vermasselt. Die "geschickt angelegten Erzählstränge" - der Untergang der Wilhelm Gustloff, jenes mit vielen Tausend deutschen Flüchtlingen besetztes "Kraft-durch-Freude-Schiff", das 1945 von russischen Torpedos versenkt wurde, wird aus der Sicht von drei Generationen geschildert - liefen aus dem Ruder, am Ende mündeten sie gar in grobe moralische Klischees. Und so verkommt das letzte Drittel, bedauert der Rezensent, zur psychologischen und erzählerischen Farce, an deren Ende einzig die Hoffnung Mailers steht, dass der nächste Grass-Roman ein großer Wurf wird.

© Perlentaucher Medien GmbH

Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2002
Es hätte ein Meisterwerk werden können, schreibt Rezensent Hubert Spiegel im Konjunktiv des Bedauerns. Das es anders kam, hat für ihn viele Gründe. Der gewichtigste: dass sich neben den Epiker Grass, der einst Vergangenheitsbewältigung im artistischen Spiel betrieb, der Rechercheur drängte, den Grass für sein Buch in Dienst genommen habe. Sogar auf dem Vorblatt des Romans sei er erwähnt. Doch der Rechercheur nehme dem Epiker samt seiner Novelle die Luft zum Atmen. Das höchste Lob, das Spiegel deshalb zu vergeben hat, ist "gewissenhaft und fleißig". Auch die Figur des jungen Neonazis bleibt in seinen Augen bloß "eine papierne Alibifigur" um den Bezug zur Gegenwart herzustellen. Das Argument, die Geschichte von Deutschen als Opfern dürfe nicht den "Rechtsgestrickten" überlassen werden, findet Spiegel ebenfalls nicht überzeugend. Denn das Buch komme zu einem Zeitpunkt, da es kein Wagnis mehr sei, über deutsche Opfer zu sprechen. Spiegel vergleicht Grass mit zwei amerikanischen Autoren, die schon vor 30 Jahren Deutsche als Opfer darstellten: Kurt Vonnegut in seinem Roman über die Bombardierung Dresdens "Schlachthof 5" und Thomas Pynchon in den "Enden der Parabel". Dieser zugegebenermaßen "gewagte Vergleich" zeigt für Spiegel, "wie unfrei selbst ein souveräner Autor wie Grass" trotzdem noch immer mit dem heiklen Thema umgeht. Der Novelle fehle es an "der artistischen, künstlerischen Gestaltung". Und: Es fehle das "Anarchische, die lustvoll ausufernde Sprachmächtigkeit" früherer Bücher.

© Perlentaucher Medien GmbH

Buchnotiz zu : Die Tageszeitung, 20.02.2002
Der Literaturkritiker und -redakteur der taz, Dirk Knipphals, greift warnend in die Debatte um das neue Grass-Buch ein. Literarische Einwände, derer er viele hat, scheinen Knipphals nämlich keine Rolle zu spielen. Er vermutet, dass es sich bei der Novelle um ein "gesellschaftstherapeutisches Unternehmen" handelt, und dazu passt seiner Ansicht nach, dass selbst die gegnerischen Stimmen sich nicht konkret auf das Buch einlassen, sondern Grass bloß "ein Erstrecht in Sachen Tabubruch" bestreiten wollen. Für Knipphals ist die Novelle um den Untergang eines deutschen Passagierschiffes am Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr als ein "literarisch tapeziertes historisches Feature", das, wenn man nicht mehr erwarte, mäßig interessant sei. Erzählerisch bleiben für Knipphals die eingeführten Figuren auf der Strecke, der häufige Perspektivenwechsel lasse ein durchdachtes Konstruktionsprinzip vermissen. Die Familiengeschichte sei verquast und bloß angerissen, und überhaupt findet Knipphals es geradezu anmaßend, dass sich der Autor in vermeintlicher Selbstanklage durch ein Alter ego in der Erzählung als Indikator beziehungsweise Katalysator für das Aufkommen neonationalsozialistischen Gedankenguts verantwortlich wähnt. Als Abhandlung über die unterschwellig gärende NS-Ideologie ist das ganze viel zu oberflächlich, befindet Knipphals.

© Perlentaucher Medien GmbH

Buch der 1000 Bücher

Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)

Im Krebsgang
OA 2002 Form Novelle Epoche Gegenwart
Mit seiner ersten größeren Prosaarbeit seit der Verleihung des Literaturnobelpreises 1999 knüpft Günter Grass thematisch an die Danziger Trilogie an.
Inhalt: Die ineinander verschränkten Handlungsstränge des Werks sind fixiert auf das Datum des 30. Januars. An diesem Tag wurde 1895 der schweizerische NSDAP-Landesgruppenleiter Wilhelm Gustloff geboren, 38 Jahre später erfolgte die Machtergreifung der Nationalsozialisten und »am 30. Januar 1945 begann, auf den Tag genau 50 Jahre nach der Geburt des Blutzeugen, das auf ihn getaufte Schiff zu sinken«. Die größte Tragödie der Schifffahrtsgeschichte stellt die für die Gattung von R Goethe definierte »unerhörte Begebenheit« der Novelle dar: Wie der Volkswagen oder der Bau der Reichsautobahn gehörte die »Wilhelm Gustloff«, das klassenlose, luxuriöse Vorzeigeschiff der »Kraft-durch-Freude«-Flotte, zu den Mythen der nationalsozialistischen Ideologie. Völlig überladen mit bis zu 10 000 Flüchtlingen, Verwundeten und Soldaten, wurde es von einem russischen U-Boot versenkt.
Zu den nur etwa 1200 Überlebenden zählt auch die aus Hundejahre (1963) bekannte Ursula »Tulla« Pokriefke, die auf dem Schiff ihren unehelichen Sohn Paul zur Welt bringt. Während Tulla in Schwerin bleibt, schlägt sich Paul Pokriefke als mäßig erfolgreicher Journalist im Westen durch. Bei der Recherche für einen Artikel über die »Gustloff«-Katastrophe stößt er auf die Internet-Website »www.blutzeuge.de«, die den 1936 durch den Juden David Frankfurter ermordeten Wilhelm Gustloff als Märtyrer feiert.
Unter den Vornamen dieser beiden Protagonisten als Chatnamen befehdet sich hier – wie sich später herausstellt – Pauls Sohn Konrad mit seinem virtuellen »Freundfeind« David Stremplin. »Wie aisig die See jewesen is und wie die Kinderchen alle koppunter. Das musste aufschraiben. Biste ons schuldig als glicklich Ieberlebender« – so hatte Tulla einst auf Paul eingeredet, und nun indoktriniert sie ihren Enkel, der daraufhin die revisionistische Website ins Netz gestellt hat. Als sich Konrad und David persönlich gegegnen, kommt es zur Katastrophe: Um den Blutzeugen zu rächen, erschießt Konrad David, der sich, wie sich später zeigt, nur im Netz als Jude ausgegeben hatte. Paul muss schließlich entsetzt erfahren, wie sein inhaftierter Sohn als neuer Blutzeuge gefeiert wird, als er im Netz die Seite »www.kameradschaft-konrad-pokriefke.de« entdeckt.
Aufbau: Tullas Drängen, die »Gustloff«-Katastrophe aufzuschreiben, hatte sich Paul stets entzogen, nun aber wird er von einem »nörgligen Alten«, der »sich müde geschrieben« und Paul »nach langer Sucherei auf den Listen der Überlebenden wie eine Fundsache entdeckt« hat, zur Niederschrift genötigt. Hinter dem »Alten« verbirgt sich der Autor Grass, und mit diesem artifiziellen Spiel mit den Erzähler- und Autorinstanzen begründet Grass die Themenwahl für seine Novelle. Der Erzähler Paul Pokriefke, der »der Zeit eher schrägläufig in die Quere kommen muss, etwa nach Art der Krebse, die den Rückwärtsgang seitlich ausscherend vortäuschen, doch ziemlich schnell vorankommen«, beschreibt im ersten historischen Handlungsstrang die Biografien Gustloffs und des Attentäters David Frankfurter.
Ein zweiter historischer Handlungsstrang widmet sich dem Untergang der »Wilhelm Gustloff« und den Biografien ihrer Kapitäne sowie des trinkfesten U-Boot-Kommandanten Alexander Marinesko. Geschickt verwoben werden diese beiden historischen Handlungsstränge mit der journalistischen Internet-Recherche der fiktiven Figur Paul Pokriefke.
Wirkung: Die Novelle Im Krebsgang erntete Beifall bei vielen Kritikern, manche reagierten sogar euphorisch. Einige Rezensenten bemängelten jedoch eine angestrengte, gekünstelte Erzählerkonzeption sowie den kolportagehaften Schluss. Ein einmütig negatives Urteil erntete Grass für seine Selbststilisierung zum Tabubrecher (»Die Gustloff und ihre verfluchte Geschichte waren jahrzehntelang tabu, gesamtdeutsch sozusagen«), da er keineswegs als erster deutscher Autor das Kriegselend der vertriebenen Deutschen für die Literatur entdeckt hat. Zahlreiche Schriftsteller sind ihm bereits zuvorgekommen, u. a. Arno R Schmidt, Walter R Kempowski, Alexander R Kluge und schließlich Christa R Wolf. M. F.

Kurzbeschreibung

Der Journalist, der hier in fremdem Auftrag schreibt, hat wenig Lust, die alte, fast vergessene Geschichte von der Schiffskatastrophe auszugraben, die sich 1945 in einer eisigen Januarnacht in der Ostsee abspielte. Er hat die Story, die unabweisbar Teil seiner Lebensgeschichte ist, hundertmal aus dem Mund seiner Mutter gehört. Jetzt, fünfzig Jahre später, beim Recherchieren im Internet, macht er die erschreckende Entdeckung, daß sie eine ihn unmittelbar betreffende Fortsetzung hat.
Angefangen hat alles lange vor seiner Zeit, als am 4. Februar 1936 vier gezielte Schüsse den in der Schweiz für die NSDAP werbenden Wilhelm Gustloff töten. David Frankfurter, ein jüdischer Medizinstudent, will mit seiner Tat zum Widerstand aufrufen.Die Partei stilisiert den Ermordeten zum "Blutzeugen der Bewegung". Ein Jahr später wird in Hamburg ein Schiff auf den Namen Wilhelm Gustloff getauft, ein weißes "Kraft durch Freude"-Schiff, auf dem "Volksgenossen" Ferienreisen in die norwegischen Fjorde machen. Im Zweiten Weltkrieg, zum Lazarettschiff umgerüstet, später zum Kasernenschiff, liegt die Gustloff in der Danziger Bucht, bis sie am 30. Januar 1945, mit Verwundeten, Marinehelferinnen und Tausenden von Flüchtlingen überladen, von Gotenhafen ausläuft und in derselben Nacht von dem sowjetischen U-Boot-Kommandanten Alexander Marinesko versenkt wird.
Im Krebsgang, im beharrlichen Hin und Her zwischen Einst und Jetzt zeichnet der Erzähler die historischen Ereignisse nach, die mit unheimlicher Folgerichtigkeit zum größten Schiffsunglück aller Zeiten führten und nun, verdreht, verzerrt, einen irrsinnigen Mord auslösend, in der Gegenwart und im Leben seines verstaubten Mythen anhängenden Sohnes fortwirken. Grass überrascht in diesem weder Schrecken noch Komik aussparenden Buch durch einen ganz neuen Ton, spielt kunstvoll mit literarischen Formen. Grass-Leser werden vertraute Gestalten wiederentdecken, darunter Tulla Pokriefke, alt geworden, unverwüstlich, Mutter des Erzählers, der gelegentlich mit seinem fordernd in Erscheinung tretenden Auftraggeber, dem Autor der "Danziger Trilogie", Streit anfängt. Bericht? Erzählung? Novelle? Schauplätze der in raschem Tempo erzählten, mitreißenden Handlung sind Davos und Odessa, Schwerin und Danzig, die Gustloff, ein U-Boot der sowjetischen Rotbannerflotte und die Ostsee in Höhe der Stolpebank.

Der Verlag über das Buch

»Das ist von großem literarischen Raffinement, hier vibriert der doppelte Boden – denn diese 200 (genau 217) Seiten sind glänzend und packend geschrieben ... Seit langem hat Grass mit einem Prosawerk nicht mehr derart überzeugen können.« Volker Hage im ›Spiegel‹

»Hier hat der Schriftsteller Grass sein Thema, seinen Stoff gefunden – es drängt ihn, uns davon mitzuteilen. Dies gelingt ihm mit knappen Formulierungen, einer ökonomischen Erzählweise und mit eleganten Schnitten.« Volkhard App im Norddeutschen Runfunk

»...virtuose Novelle.« Wolfram Schütte

»... ein sehr authentisch anmutendes Stück Oral history ... eine aufregende, packende, unprätentiös literarische Reportage.« Susanne Rössler in ›Format‹

»Raffiniert die Konstruktion, abwechslungsreich Tempo und Tonfall.« Martin Ebel in der ›Financial Times Deutschland‹

»Grass spielt virtuos mit literarischen Formen, Selbstzitaten, Perspektivwechseln. Sein Buch ist Katastrophenreportage, Kriminovelle und engagiertes Plädoyer gegen Rechtsradikalismus.« Jobst-Ulrich Brand in ›Focus‹

»... ein Spiel vor ernstem Hintergrund, eine Tragödie mit komischen Zwischentönen, ein Zwitter aus Bericht und Parabel, kurz: ein raffiniert komponiertes, doppelbödiges Erzählkunststück.« Ulrich Klenner im Bayerischen Rundfunk

»Einmal angefangen, legt man das Buch nicht mehr aus der Hand. So packend, schnell und lebendig schreibt Grass. Die Neugier wächst. So macht Geschichtsunterricht Spass.« Lilith Frey im ›Blick‹

»Ein knapp gefasster, bedacht komponierter und höchst spannend zu lesender Text ... sein seit langem bestes Buch.« Rolf Schneider in der ›Berliner Morgenpost‹

»... ein mutiges, erstaunlich jugendlich wirkendes Alterswerk – und spannende Lektüre obendrein.« Steffen Radlmaier in den ›Nürnberger Nachrichten‹

»... gehört zu seinen ganz großen Büchern – und sollte Pflichtlektüre in den Schulen werden.« Günter Nawe in der ›Kölnischen Rundschau‹ -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Autorenporträt

Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Grass, Günter dt. Schriftsteller, Grafiker und Bildhauer * 16.10.1927 Danzig Die Blechtrommel, 1959 Katz und Maus, 1961 Der Butt, 1977 Das Treffen in Telgte, 1979 Im Krebsgang, 2002 Günter Grass ist der weltweit bekannteste lebende deutschsprachige Autor mit einer Weltauflage von über zwölf Millionen. In allen literarischen Gattungen zu Hause, verbindet Grass meist satirische Gesellschaftskritik mit der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Sein politisches Engagement, viele Jahre für die SPD, schlug sich vor allem in zahlreichen Essays und politischen Reden nieder. Als Sohn eines Lebensmittelhändlers in Danzig geboren, besuchte Grass das dortige Gymnasium Conradinum. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er noch als Flakhelfer eingezogen, als Panzerschütze verwundet und geriet in Bayern in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1946 entlassen wurde. Nachdem er im Rheinland als Landarbeiter und im Bergbau tätig gewesen war, studierte er 1948-52 Bildhauerei und Grafik an der Kunstakademie in Düsseldorf, 1953-56 Bildhauerei bei Karl Hartung (1908-67) an der Berliner Akademie der Schönen Künste. 1955 wurde Grass Mitglied der "Gruppe 47" (Stichwort R S. 430), deren Literaturpreis er 1958 für Die Blechtrommel erhielt. Nach einem dreijährigen Aufenthalt in Paris gab er seine bildhauerische Arbeit auf und zog 1960 nach West-Berlin. Zwischen 1961 und 1972 unterstützte Grass mit zahlreichen effektbewussten Reden aktiv den Wahlkampf des SPD-Spitzenkandidaten Willy Brandt (1913-92). SPD-Mitglied wurde er jedoch erst 1982, aus Protest gegen die Asylpolitik der Partei trat er 1992 wieder aus. Zwischenzeitlich im holsteinischen Wewelsfleth und in Kalkutta lebend, wohnt Grass seit 1987 in Behlendorf bei Mölln. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist Grass als Romancier, vor allem durch die Danziger Trilogie (Die Blechtrommel, 1959; Katz und Maus, 1961; Hundejahre, 1963), und streitbarer politischer Mahner, zuletzt vehement vor einer übereilten Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Sein Gesamtwerk umfasst jedoch auch Lyrikbände (u.a. Die Vorzüge der Windhühner, 1956) und Theaterstücke (u.a. Noch zehn Minuten bis Buffalo, 1958). 1965 wurde Grass mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet, 1999 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Biografien: V. Neuhaus, Günter Grass, 1979. H. Vormweg, Günter Grass (rm 50359).

Auszug aus Im Krebsgang. von Günter Grass. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

»Warum erst jetzt?« sagte jemand, der nicht ich bin. Weil Mutter mir immer wieder ... Weil ich wie damals, als der Schrei überm Wasser lag, schreien wollte, aber nicht konnte ... Weil die Wahrheit kaum mehr als drei Zeilen ... Weil jetzt erst ...

Noch haben die Wörter Schwierigkeiten mit mir. Jemand, der keine Ausreden mag, nagelt mich auf meinen Beruf fest. Schon als junger Spund hätte ich, fix mit Worten, bei einer Springer-Zeitung volontiert, bald gekonnt die Kurve gekriegt, später für die »taz« Zeilen gegen Springer geschunden, mich dann als Söldner von Nachrichtenagenturen kurz gefaßt und lange Zeit freiberuflich all das zu Artikeln verknappt, was frisch vom Messer gesprungen sei: Täglich Neues. Neues vom Tage.

Mag schon sein, sagte ich. Aber nichts anderes hat unsereins gelernt. Wenn ich jetzt beginnen muß, mich selber abzuwickeln, wird alles, was mir schiefgegangen ist, dem Untergang eines Schiffes eingeschrieben sein, weil nämlich, weil Mutter damals hochschwanger, weil ich überhaupt nur zufällig lebe.

Und schon bin ich abermals jemand zu Diensten, darf aber vorerst von meinem bißchen Ich absehen, denn diese Geschichte fing lange vor mir, vor mehr als hundert Jahren an, und zwar in der mecklenburgischen Residenzstadt Schwerin, die sich zwischen sieben Seen erstreckt, mit der Schelfstadt und einem vieltürmigen Schloß auf Postkarten ausgewiesen ist und über die Kriege hinweg äußerlich heil blieb.

Anfangs glaubte ich nicht, daß ein von der Geschichte längst abgehaktes Provinznest irgendwen, außer Touristen, anlocken könnte, doch dann wurde der Ausgangsort meiner Story plötzlich im Internet aktuell. Ein Namenloser gab mit Daten, Straßennamen und Schulzeugnissen personenbezogene Auskunft, wollte für einen Vergangenheitskrämer wie mich unbedingt eine Fundgrube aufdecken.

Bereits als die Dinger auf den Markt kamen, habe ich mir einen Mac mit Modem angeschafft. Mein Beruf verlangt diesen Abruf weltweit vagabundierender Informationen. Lernte leidlich, mit meinem Computer umzugehen. Bald waren mir Wörter wie Browser und Hyperlink nicht mehr böhmisch. Holte Infos für den Gebrauch oder zum Wegschmeißen per Mausklick rein, begann aus Laune oder Langeweile von einem Chatroom zum anderen zu hüpfen und auf die blödeste Junk-Mail zu reagieren, war auch kurz auf zwei, drei Pornosites und stieß nach ziellosem Surfen schließlich auf Homepages, in denen sogenannte Vorgestrige, aber auch frischgebackene Jungnazis ihren Stumpfsinn auf Haßseiten abließen. Und plötzlich - mit einem Schiffsnamen als Suchwort - hatte ich die richtige Adresse angeklickt: »blutzeuge.de«. In gotischen Lettern klopfte eine »Kameradschaft Schwerin« markige Sprüche. Lauter nachträgliches Zeug. Mehr zum Lachen als zum Kotzen.

Seitdem steht fest, wessen Blut zeugen soll. Aber noch weiß ich nicht, ob, wie gelernt, erst das eine, dann das andere und danach dieser oder jener Lebenslauf abgespult werden soll oder ob ich der Zeit eher schrägläufig in die Quere kommen muß, etwa nach Art der Krebse, die den Rückwärtsgang seitlich ausscherend vortäuschen, doch ziemlich schnell vorankommen. Nur soviel ist sicher: Die Natur oder genauer gesagt die Ostsee hat zu all dem, was hier zu berichten sein wird, schon vor länger als einem halben Jahrhundert ihr Ja und Amen gesagt. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

‹  Zurück zur Artikelübersicht