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Im Krebsgang [Gebundene Ausgabe]

Günter Grass
3.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (95 Kundenrezensionen)

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Kurzbeschreibung

Februar 2002
Der Journalist, der hier in fremdem Auftrag schreibt, hat wenig Lust, die alte, fast vergessene Geschichte von der Schiffskatastrophe auszugraben, die sich 1945 in einer eisigen Januarnacht in der Ostsee abspielte. Er hat die Story, die unabweisbar Teil seiner Lebensgeschichte ist, hundertmal aus dem Mund seiner Mutter gehört. Jetzt, fünfzig Jahre später, beim Recherchieren im Internet, macht er die erschreckende Entdeckung, daß sie eine ihn unmittelbar betreffende Fortsetzung hat.
Angefangen hat alles lange vor seiner Zeit, als am 4. Februar 1936 vier gezielte Schüsse den in der Schweiz für die NSDAP werbenden Wilhelm Gustloff töten. David Frankfurter, ein jüdischer Medizinstudent, will mit seiner Tat zum Widerstand aufrufen.Die Partei stilisiert den Ermordeten zum "Blutzeugen der Bewegung". Ein Jahr später wird in Hamburg ein Schiff auf den Namen Wilhelm Gustloff getauft, ein weißes "Kraft durch Freude"-Schiff, auf dem "Volksgenossen" Ferienreisen in die norwegischen Fjorde machen. Im Zweiten Weltkrieg, zum Lazarettschiff umgerüstet, später zum Kasernenschiff, liegt die Gustloff in der Danziger Bucht, bis sie am 30. Januar 1945, mit Verwundeten, Marinehelferinnen und Tausenden von Flüchtlingen überladen, von Gotenhafen ausläuft und in derselben Nacht von dem sowjetischen U-Boot-Kommandanten Alexander Marinesko versenkt wird.
Im Krebsgang, im beharrlichen Hin und Her zwischen Einst und Jetzt zeichnet der Erzähler die historischen Ereignisse nach, die mit unheimlicher Folgerichtigkeit zum größten Schiffsunglück aller Zeiten führten und nun, verdreht, verzerrt, einen irrsinnigen Mord auslösend, in der Gegenwart und im Leben seines verstaubten Mythen anhängenden Sohnes fortwirken.

Grass überrascht in diesem weder Schrecken noch Komik aussparenden Buch durch einen ganz neuen Ton, spielt kunstvoll mit literarischen Formen. Grass-Leser werden vertraute Gestalten wiederentdecken, darunter Tulla Pokriefke, alt geworden, unverwüstlich, Mutter des Erzählers, der gelegentlich mit seinem fordernd in Erscheinung tretenden Auftraggeber, dem Autor der "Danziger Trilogie", Streit anfängt. Bericht? Erzählung? Novelle? Schauplätze der in raschem Tempo erzählten, mitreißenden Handlung sind Davos und Odessa, Schwerin und Danzig, die Gustloff, ein U-Boot der sowjetischen Rotbannerflotte und die Ostsee in Höhe der Stolpebank.

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 216 Seiten
  • Verlag: Steidl; Auflage: 1., Aufl. (Februar 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3882438002
  • ISBN-13: 978-3882438000
  • Größe und/oder Gewicht: 20,2 x 12,8 x 2,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (95 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 219.612 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Es war die größte Katastrophe in der Geschichte der Seefahrt: Am 30. Januar 1945 verließ das ehemalige Kraft-durch-Freude-Kreuzfahrtschiff "Wilhem Gustloff" mit 6.100 Flüchtlingen an Bord Gotenhafen und wurde vor Stolpermünde von einem sowjetischen U-Boot aufgebracht. Drei der kommunistischen Heimat und ihrem Diktator gewidmete Torpedos durchbohrten das Schiff, das in knapp einer Stunde versank; mehr als 5.000 Menschen kamen ums Leben. Ein Untergang nach dem Untergang: Das Tausendjährige Reich war längst Geschichte, und Roosevelt bereits auf dem Weg nach Jalta, um mit Stalin und Churchill die neuen Grenzen abzustecken.

Die Tragödie in der Ostsee hat Günter Grass seit jeher interessiert. In Romanen wie Katz und Maus und Die Rättin wird erwähnt, dass die Nebenfigur der Tulla Pokriefke das Unglück knapp überlebte. Nun hat der Autor dem Ereignis auf hoher See eine historische, dabei aktuell-brisante Novelle gewidmet. In Im Krebsgang wird der Sohn von Tulla beauftragt, die längst vergessene Geschichte aus den Fluten des kollektiven Gedächtnisses zu bergen. Eher widerwillig recherchiert der Journalist und Ich-Erzähler im Internet, tummelt sich in den abstrusen Chatrooms der Neonazis, beleuchtet die Biografien des Schweizer NS-Landesgruppenführers Wilhelm Gustloff, seines jüdischen Attentäters David Frankfurter und des U-Bootkommandanten der sowjetischen Rotbannerflotte Alexander Marinesko -- und versucht sich schließlich im Erzählprozess ganz "an Bord der 'Gustloff' zu denken", um die tödliche Katastrophe vor den Augen seiner Leser wieder lebendig werden zu lassen. Dabei fördert er ein menschliches Drama zu Tage, das bis in unsere Gegenwart hineingreift und nicht zuletzt seine eigene Familie betrifft.

In Katz und Maus war die durch das Dickicht der Wiesen streifende Katze Metapher eines vorsichtig neugierigen, "lauernden" und ständig die Richtung wechselnden Erzählens. In Grass' neuer Novelle ist es der seitliche, mögliche Feinde täuschende Gang des Krebses, der die stetig zwischen Gestern und Heute wechselnde Erzählperspektive symbolisiert und dem großartigen schmalen Band seinen Namen gab. Entgegen der Bescheidenheit des Ich-Erzählers ("ich berichte nur") ist Grass endlich wieder ein kleines Meisterwerk gelungen. Spannend verwoben, kunst- und humorvoll zugleich. --Thomas Köster

Pressestimmen

Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 09.02.2002
Grass wird viel Zustimmung und Beifall erhalten für seine politisch korrekte Novelle, mutmaßt der Rezensent Roman Bucheli. Aber nicht vom ihm! Denn Grass' literarische Aufarbeitung des Untergangs des Flüchtlingsschiffs "Gustloff" verdrießt Bucheli doch sehr. Nicht, dass er Grass das Aufgreifen eines Tabusthemas - der Schilderung der Verluste und des Leids der deutschen Zivilbevölkerung während des zweiten Weltkrieges - ankreiden würde, im Gegenteil: "Politisch ist ihm nichts vorzuwerfen." Aber wie Grass das Thema angeht, missfällt dem Rezensenten außerordentlich: "literarisch", so Bucheli, sei der Text "bis auf wenige Szenen belanglos". "Pedantisch" findet er das "didaktisch-belehrende Kalkül" der Novelle, die mit "einprägsam-schlichten Denkfiguren politischen Anschauungsunterricht" betreibe. Bei allem Respekt vor Grass, an seiner neuen Novelle lässt unser Rezensent kein gutes Haar: "Fadenscheinig hat er seinen Stoff gewoben, eher gut gemeint als gut gemacht".

© Perlentaucher Medien GmbH

Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 09.02.2002
Literatur spielt sich zwischen Moralität und Amoralität ab, schreibt Marius Mailer in seiner sehr ausführlichen Besprechung über Günter Grass' neue Novelle und zählt den Autor unbestritten zu den moralischen Autoren. Das muss der Leser mögen, wenn er einen Grass zur Hand nimmt, warnt der Rezensent. Denn erwartungsgemäß habe Grass auch mit dieser Novelle sich eines Themas moralisch angenommen. Ganz gespannt hat Mailer das Werk zur Hand genommen, wartet er doch seit "Hundejahre" Werk für Werk auf einen Grass der alten Qualität. Die ersten zwei Drittel von "Im Krebsgang", so der Rezensent, versprechen denn auch - abgesehen von den "bisweilen nervtötenden Internet-Fachbegriffen" - ein literarisch großer Wurf zu sein. Wäre da nicht der Fortgang, seufzt Mailer, der alles vermasselt. Die "geschickt angelegten Erzählstränge" - der Untergang der Wilhelm Gustloff, jenes mit vielen Tausend deutschen Flüchtlingen besetztes "Kraft-durch-Freude-Schiff", das 1945 von russischen Torpedos versenkt wurde, wird aus der Sicht von drei Generationen geschildert - liefen aus dem Ruder, am Ende mündeten sie gar in grobe moralische Klischees. Und so verkommt das letzte Drittel, bedauert der Rezensent, zur psychologischen und erzählerischen Farce, an deren Ende einzig die Hoffnung Mailers steht, dass der nächste Grass-Roman ein großer Wurf wird.

© Perlentaucher Medien GmbH

Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2002
Es hätte ein Meisterwerk werden können, schreibt Rezensent Hubert Spiegel im Konjunktiv des Bedauerns. Das es anders kam, hat für ihn viele Gründe. Der gewichtigste: dass sich neben den Epiker Grass, der einst Vergangenheitsbewältigung im artistischen Spiel betrieb, der Rechercheur drängte, den Grass für sein Buch in Dienst genommen habe. Sogar auf dem Vorblatt des Romans sei er erwähnt. Doch der Rechercheur nehme dem Epiker samt seiner Novelle die Luft zum Atmen. Das höchste Lob, das Spiegel deshalb zu vergeben hat, ist "gewissenhaft und fleißig". Auch die Figur des jungen Neonazis bleibt in seinen Augen bloß "eine papierne Alibifigur" um den Bezug zur Gegenwart herzustellen. Das Argument, die Geschichte von Deutschen als Opfern dürfe nicht den "Rechtsgestrickten" überlassen werden, findet Spiegel ebenfalls nicht überzeugend. Denn das Buch komme zu einem Zeitpunkt, da es kein Wagnis mehr sei, über deutsche Opfer zu sprechen. Spiegel vergleicht Grass mit zwei amerikanischen Autoren, die schon vor 30 Jahren Deutsche als Opfer darstellten: Kurt Vonnegut in seinem Roman über die Bombardierung Dresdens "Schlachthof 5" und Thomas Pynchon in den "Enden der Parabel". Dieser zugegebenermaßen "gewagte Vergleich" zeigt für Spiegel, "wie unfrei selbst ein souveräner Autor wie Grass" trotzdem noch immer mit dem heiklen Thema umgeht. Der Novelle fehle es an "der artistischen, künstlerischen Gestaltung". Und: Es fehle das "Anarchische, die lustvoll ausufernde Sprachmächtigkeit" früherer Bücher.

© Perlentaucher Medien GmbH

Buchnotiz zu : Die Tageszeitung, 20.02.2002
Der Literaturkritiker und -redakteur der taz, Dirk Knipphals, greift warnend in die Debatte um das neue Grass-Buch ein. Literarische Einwände, derer er viele hat, scheinen Knipphals nämlich keine Rolle zu spielen. Er vermutet, dass es sich bei der Novelle um ein "gesellschaftstherapeutisches Unternehmen" handelt, und dazu passt seiner Ansicht nach, dass selbst die gegnerischen Stimmen sich nicht konkret auf das Buch einlassen, sondern Grass bloß "ein Erstrecht in Sachen Tabubruch" bestreiten wollen. Für Knipphals ist die Novelle um den Untergang eines deutschen Passagierschiffes am Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr als ein "literarisch tapeziertes historisches Feature", das, wenn man nicht mehr erwarte, mäßig interessant sei. Erzählerisch bleiben für Knipphals die eingeführten Figuren auf der Strecke, der häufige Perspektivenwechsel lasse ein durchdachtes Konstruktionsprinzip vermissen. Die Familiengeschichte sei verquast und bloß angerissen, und überhaupt findet Knipphals es geradezu anmaßend, dass sich der Autor in vermeintlicher Selbstanklage durch ein Alter ego in der Erzählung als Indikator beziehungsweise Katalysator für das Aufkommen neonationalsozialistischen Gedankenguts verantwortlich wähnt. Als Abhandlung über die unterschwellig gärende NS-Ideologie ist das ganze viel zu oberflächlich, befindet Knipphals.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Perlentaucher.de

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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
23 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Muss denn immer alles Spaß machen? 19. Mai 2006
Format:Taschenbuch
So macht Geschichtsunterricht Spaß, schreibt der „Blick“, ist sogar auf die Rückseite des Taschenbuches gedruckt. Dabei frage ich mich ganz ehrlich, wo der Verfasser dieser Rezension seinen Spaß hat, wenn es um ertrinkende Menschen und das zerstörte Seelenleben eines Neonazis geht. Günter Grass' Novelle „Im Krebsgang“ nämlich arbeitet ein Thema deutscher Vergangenheit auf, dass hier im Lande gerne mal mehr oder weniger totgeschwiegen wurde: Deutsche als Opfer im zweiten Weltkrieg?, eine Frage, mit der sich der aufmerksame Leser zwangsläufig zu beschäftigen hat.

Um die Geschichte des 1945 abgeschossenen deutschen Flüchtlingsschiffes Wilhelm Gustloff, dessen Untergang bis heute noch die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten, in der Gegenwart aber kaum noch wem bekannt, hat Grass eine zusätzliche Handlung eingewebt, die prekärer und aktueller denn je, eine Sache, die, wie er selbst im letzten Satz seiner Novelle schreibt, niemals aufhört, nämlich der Rechtsextremismus in unserer Zeit, die diesbezüglichen Gefahren des Internets und dem traurigen Fakt, dass es immer und immer wieder Menschen geben wird, die gefallen finden am NS-Idealismus und dessen Rassenhass.

Geradezu mit der Sprache spielend, die aufgrund der häufigen Stilwechsel weder zu sachlich nüchtern, noch zu narrativ, insgesamt sehr abwechslungsreich erscheint, was beinahe schon den Eindruck vermittelt, dass Grass kein einziges Wort ohne tiefsinnigere Bedeutung gewählt hat, hinterfragt die Novelle Missstände in der Erziehung sowie in der Gesellschaft und auch die Psyche rechter Gewalttäter, arbeitet gleichermaßen die Gustloff-Geschichte mit wahnsinniger Liebe zum Detail auf, ist diese schließlich eine Geschichte, die der Danziger Grass schon seit Jahrzehnten zu verarbeiten gedachte, nicht zuletzt aus persönlichen Gründen, aber die passende Gelegenheit hierfür erst jetzt erkannte.

Grass' Novelle ist daher sehr umfassend und das Zusammenflechten verschiedener Handlungsabläufe erschwert das Lesen gerade am Anfang, besser, macht es gewöhnungsbedürftig, doch auch interessanter und dass Grass' Werke keine triviale Strandlektüre für zwischendurch sind, sollte einem schon vor dem Griff ins Bücherregal bewusst sein.

Ich persönlich kann „Im Krebsgang“ jedenfalls nur weiterempfehlen, insbesondere an Menschen, die sich für Geschichte und Bewältigung der Geschichte interessieren, sowohl inhaltlich als auch sprachlich handelt es sich in meinen Augen um ein großes Werk deutscher Literatur, das, wenn Grass zwar nicht spannend, dafür auf andere, dem tragischen Inhalt angemessenere, Art und Weise fesselnd erzählt und dem Leser Krieg, Tod und Gewalt keineswegs „spaßig“versucht zu vermitteln.
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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schwieriges Urteil 26. Januar 2006
Format:Taschenbuch
Was sagt man nun zu diesem Buch. Ein Literat von Gewicht liefert ein neues Werk ab, sofort werden Artikel um Artikel geschrieben, Kritik um Kritik abgeliefert, Bewertung jagt Bewertung, Kritik jagt Kritik. Ist es leichtgewichtig, banal geschrieben, ein Schwergewicht, ein neuer Meilenstein? Grass behandelt den Untergang eines Flüchtlingsschiffes, voll mit deutschen Flüchtlingen, kurz vor Ende von WK 2, versenkt durch ein russisches U-Boot. Die größte Schiffskatastrophe der Geschichte. (Ist eine absichtlich herbeigeführte Katastrophe eigentlich eine solche?) Beleuchtet wird, und hier wiederhole ich andere Rezensionen, politisch korrekt das oft unter den Teppich gekehrte Flüchtligselend der Deutschen, und verbindet es mit einem Vater-Sohn-Konflikt, der in die Neonaziszene überleitet. Das Buch ist spannend und wohltuend gut geschrieben, offenbart ganz nebenher geschichtliche Fakten, hat auch etwas Belehrendes, no na, schließlich schreibt Grass; was aber meines Erachtens besonders anschaulich vermittelt wird, ist die subkutane, vielleicht (aber eher nicht) unabsichtliche, aber subtile Beeinflussung der Jungen durch die ältere Generation. Indem die Großmutter, die vom Untergang der Wilhelm Gustloff persönlich betroffen war, immer wieder - gebetsmühlenartig - ihr Schicksal und positiv verklärt die Nazizeit schildert, beeinflußt sie den Sohn des ablehnend sich verhaltenden Ich-Erzählers, ihren Enkel, nachhaltig. Offiziell ist alles verarbeitet, doch in Wirklichkeit ist es das bei weitem nicht und pflanzt sich auf die Jungen fort. Oder wie Grass sein Buch abschließt "Das hört niemals auf".
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38 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Es hört nie auf... 1. März 2002
Format:Gebundene Ausgabe
Doch, es hört auf, denn dies sind die letzten Worte in Günter Grass' neuem Buch "Im Krebsgang". Obwohl als Novelle bezeichnet, scheint es meiner Ansicht nach irgendwo zwischen dem und einem Roman zu schweben mit seinen über 200 Seiten, knapp und in relativ kleiner Schrift gesetzt. Selbst der ewig knirschende Literaturpapst Reich-Ranicki, der Grass in der Vergangenheit mit einigen kritischen Worten bedacht hatte, ist von diesem Werk überzeugt. Mir persönlich ist dessen Empfehlung allein jedoch keinen Kauf wert. So war es auch eher meine Neugierde, die "Im Krebsgang" unbedingt wegen der aktuellen Thematik und auch, weil Grass sich kritisch gegenüber Themen geäussert hatte, die auch ich kritisch sehe, haben wollte. Ein spannend gemachter, neugierig machender SPIEGEL-Artikel hat mich dazu verleitet, den neuen Grass zu lesen.

Das Thema? Die Ereignisse um die Torpedierung und den anschliessenden Untergang der "Wilhelm Gustloff", eines ehemaligen Kreuzfahrtschiffes des 3. Reiches, das zu Kriegszeiten längst militärischen Zwecken diente und als Flüchtlingsschiff, das nicht mehr viele retten konnte, endete. Es ist ein Kapitel deutscher Geschichte, das lange verschwiegen wurde: abgeschossen von der russischen Marine in der Annahme, ein mit Armee bestücktes Kriegsschiff zu vernichten, war die Gustloff zwar auch mit Militär, aber vor allem mit vor der nahenden Front fliehenden Frauen und Kindern belegt. Nach dem Krieg wollte über solche Unglücke aber niemand etwas hören... Grass lässt den Erzähler einen jener Geretteten sein, die während der Flucht geboren wurden. Dramatischer noch wurde Paul, wie der Protagonist des Buches heisst, angeblich genau auf die Minute geboren, als das lecke Schiff endgültig versank. Pauls Mutter Tulla, alten Grass-Lesern aus vielen seiner Bücher zumindest als Nebenfigur bekannt, quält ihren sich oft als Versager fühlenden Sohn jahrelang mit dem Wunsch, er möge ihre Geschichte aufschreiben und die Überlebenden wie die Toten der "Gustloff" so nicht vergessen lassen. Doch Paul will nie, und so konzentriert sich Tullas nie enden wollendes Vergangenheitsgerede um ihre wundersame Rettung und seine Geburt schliesslich auf ihren Enkel, Pauls Sohn Konrad. Der saugt Tullas Wissen wie ein Schwamm in sich auf. Wozu das führt, merkt Paul viel zu spät bei seinen dann doch noch irgendwann beginnenden Recherchen um die "Gustloff": sein Sohn hat eine rechtsradikale Webseite ins Leben gerufen, auf der er den Namensgeber des Schiffes als Helden feiert...

Diese Geschichte, von der ich hier nicht mehr verraten möchte, klang für mich spannend genug mich diesem Grass-Buch zu widmen. Bisher hatte ich ihn immer für einen jener intellektuellen Autoren gehalten, die viel reden und meist dazu keine echte Geschichte haben. Man könnte auch sagen, ich habe mich einfach nicht an ihn herangewagt. Doch meine Vorurteile haben sich durch "Im Krebsgang" angenehm zerstreut. Keine langen, verschachtelten, schwallenden Kunstsätze gibt es hier zu lesen, sondern eine wirklich interessant verpackte Geschichtsstunde, immer wieder unterbrochen durch die Gegenwart und Pauls eigenes Leben, das wie der absolute Gegenpol zu seiner Geburt merkwürdig ereignisreich verlaufen ist. Besonders interessant erscheinen mir die kleinen Einschübe, in denen Grass selbst als "der Alte" erwähnt wird, eine Art Arbeitgeber oder Mentor von Paul, der an einer Stelle zugibt, selbst halb erfunden zu sein. Halb deswegen, weil Grass sich sehr eng an eine tatsächliche Begebenheit hält: wirklich ist einer hochschwangeren Frau an Bord der Gustloff genau das passiert, was Pauls Mutter in dieser fiktiven Geschichte passiert. Und wirklich gibt es den ehemaligen Zahlmeister, der später Bücher über die Gustloff geschrieben hat. Hier werden gleich mehrere Schicksale miteinander verknüpft, und dies so gut und auch spannend, dass mir das Buch wirklich gefallen hat. Die Geschichte treibt stetig voran, man könnte ihr allenfalls vorwerfen dass sie möglicherweise ein bisschen klischeehaft daherkommt: Vater ein Verlierer, Mutter hilflos, Grossmutter die ewig Gestrige und als Resultat der Enkel ein Nazi.

Zur Zeit wird dieses alte, düstere Kapitel Geschichte wieder aus der Schublade geholt, und für viele längst überfällig darf auch endlich darüber gesprochen werden. War es vor Jahren noch verpönt, auch Deutsche als Opfer zu betrachten, so begrüsse ich Grass' Ansichten, dass derartige Geschichten nicht den heute ewig Gestrigen, den Neonazis und ihrem Gefolge überlassen werden dürfen. Denn sonst entstehen Webseiten wie die fiktive in diesem Buch, auf denen Helden gepriesen werden, die keine sind. Geschichtsverdrehung gibt es schon genug.

Kompakt gesprochen empfehle ich dieses Buch vielen Menschen - zum einen natürlich den Grass-Lesern, die Tulla wiedersehen möchten. Ich habe darüber gelesen, dass er diese Figur schon in früheren Büchern immer wieder hervorgekramt hat, und finde derartige Verstrickungen über viele Geschichten hinweg faszinierend. Dann auch eine Empfehlung an die, die wie ich bisher vielleicht Vorbehalte gegen den Autor hatten - seine Sprache ist leicht, niveauvoll zwar, aber weder ideologisch noch in negativem Sinne intellektuell gefärbt. Und zum Schluss allen interessierten und aufgeschlossenen Lesern.

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Die neuesten Kundenrezensionen
3.0 von 5 Sternen In Ordnung
Ich habe das Buch gekauft, weil ich es in der Schule lesen musste. Die äußerliche Qualität war einwandfrei, jedoch ist es mir inhaltlich zu langatmig.
Vor 19 Stunden von C.B. veröffentlicht
4.0 von 5 Sternen Hab mich noch nicht entschieden.
Die Lieferung war schnell. Hab das Buch jetzt angefangen zu lesen. Ich finde es jedoch etwas anstrengend zu lesen. Bin mir noch nicht ganz sicher, wie ich es einschätzen soll.
Vor 1 Monat von Doris Meier veröffentlicht
4.0 von 5 Sternen Lesenswert!
Die Novelle „Im Krebsgang“ handelt von Paul Pokriefke, der während des Untergangs der Flüchtlingsbootes Wilhelm Gustloff geboren wurde. Lesen Sie weiter...
Vor 7 Monaten von BernieK veröffentlicht
4.0 von 5 Sternen 4 Punkte
Die Tochter suchte für die Abitur diese Novelle, ich bestellte einfach, und auf die Frage wie ist es mit lesen,
sagte Sie 4 Punkte, empfehlenswert. Lesen Sie weiter...
Vor 15 Monaten von haris holjan veröffentlicht
5.0 von 5 Sternen Großartiges Werk von Grass.
Ich kann den positiven Rezensenten nur beipflichten und muss feststellen, dass ich das Buch weiterhin für großartig erachte. Lesen Sie weiter...
Vor 16 Monaten von A. Funke veröffentlicht
4.0 von 5 Sternen Wer langsam vorwärts geht, geht trotzdem vorwärts
"Im Krebsgang" basiert auf der Geschichte des untergegangenen Schiffes Wilhelm Gustloff und verknüpft reale Begebenheiten mit fiktionalen Schilderungen zu einem... Lesen Sie weiter...
Vor 17 Monaten von Tom Klester veröffentlicht
5.0 von 5 Sternen Typisch Günther Grass...
Zu Beginn möchte ich einfach mal ganz klar eines sagen:
Wer dieser Novelle hier nur 1 Stern gibt, der scheint das Werk gar nicht wirklich gelesen zu haben. Lesen Sie weiter...
Vor 19 Monaten von Thom-X veröffentlicht
5.0 von 5 Sternen Super Buch von Günter Grass
Dieses war mein erstes Buch von Günter Grass. Ich brauchte mehrere Anläufe da ich eigentlich keine Leseratte bin und sobald ich nichts mehr verstanden habe, habe ich das... Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 27. Dezember 2010 von Frau Gierke
5.0 von 5 Sternen Klassentreffen mit alten Bekannten
Ein schönes Wiedersehen mit den alten Bekannten aus Danzig-Langfuhr, besonders natürlich mit der früh weisshaarigen und noch früher spindeldürren Tulla. Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 1. Dezember 2010 von buecheroeli
5.0 von 5 Sternen Nicht zum schnell mal nebenher lesen...
...aber doch auf ganz eigene Art fesselnd. Den Tiefgang dieser Novelle bekommt man erst mit der Zeit so richtig mit.
Veröffentlicht am 4. Oktober 2010 von H. Volpp
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