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20 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Muss denn immer alles Spaß machen?, 19. Mai 2006
So macht Geschichtsunterricht Spaß, schreibt der „Blick“, ist sogar auf die Rückseite des Taschenbuches gedruckt. Dabei frage ich mich ganz ehrlich, wo der Verfasser dieser Rezension seinen Spaß hat, wenn es um ertrinkende Menschen und das zerstörte Seelenleben eines Neonazis geht. Günter Grass' Novelle „Im Krebsgang“ nämlich arbeitet ein Thema deutscher Vergangenheit auf, dass hier im Lande gerne mal mehr oder weniger totgeschwiegen wurde: Deutsche als Opfer im zweiten Weltkrieg?, eine Frage, mit der sich der aufmerksame Leser zwangsläufig zu beschäftigen hat. Um die Geschichte des 1945 abgeschossenen deutschen Flüchtlingsschiffes Wilhelm Gustloff, dessen Untergang bis heute noch die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten, in der Gegenwart aber kaum noch wem bekannt, hat Grass eine zusätzliche Handlung eingewebt, die prekärer und aktueller denn je, eine Sache, die, wie er selbst im letzten Satz seiner Novelle schreibt, niemals aufhört, nämlich der Rechtsextremismus in unserer Zeit, die diesbezüglichen Gefahren des Internets und dem traurigen Fakt, dass es immer und immer wieder Menschen geben wird, die gefallen finden am NS-Idealismus und dessen Rassenhass. Geradezu mit der Sprache spielend, die aufgrund der häufigen Stilwechsel weder zu sachlich nüchtern, noch zu narrativ, insgesamt sehr abwechslungsreich erscheint, was beinahe schon den Eindruck vermittelt, dass Grass kein einziges Wort ohne tiefsinnigere Bedeutung gewählt hat, hinterfragt die Novelle Missstände in der Erziehung sowie in der Gesellschaft und auch die Psyche rechter Gewalttäter, arbeitet gleichermaßen die Gustloff-Geschichte mit wahnsinniger Liebe zum Detail auf, ist diese schließlich eine Geschichte, die der Danziger Grass schon seit Jahrzehnten zu verarbeiten gedachte, nicht zuletzt aus persönlichen Gründen, aber die passende Gelegenheit hierfür erst jetzt erkannte. Grass' Novelle ist daher sehr umfassend und das Zusammenflechten verschiedener Handlungsabläufe erschwert das Lesen gerade am Anfang, besser, macht es gewöhnungsbedürftig, doch auch interessanter und dass Grass' Werke keine triviale Strandlektüre für zwischendurch sind, sollte einem schon vor dem Griff ins Bücherregal bewusst sein. Ich persönlich kann „Im Krebsgang“ jedenfalls nur weiterempfehlen, insbesondere an Menschen, die sich für Geschichte und Bewältigung der Geschichte interessieren, sowohl inhaltlich als auch sprachlich handelt es sich in meinen Augen um ein großes Werk deutscher Literatur, das, wenn Grass zwar nicht spannend, dafür auf andere, dem tragischen Inhalt angemessenere, Art und Weise fesselnd erzählt und dem Leser Krieg, Tod und Gewalt keineswegs „spaßig“versucht zu vermitteln.
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Schwieriges Urteil, 26. Januar 2006
Was sagt man nun zu diesem Buch. Ein Literat von Gewicht liefert ein neues Werk ab, sofort werden Artikel um Artikel geschrieben, Kritik um Kritik abgeliefert, Bewertung jagt Bewertung, Kritik jagt Kritik. Ist es leichtgewichtig, banal geschrieben, ein Schwergewicht, ein neuer Meilenstein? Grass behandelt den Untergang eines Flüchtlingsschiffes, voll mit deutschen Flüchtlingen, kurz vor Ende von WK 2, versenkt durch ein russisches U-Boot. Die größte Schiffskatastrophe der Geschichte. (Ist eine absichtlich herbeigeführte Katastrophe eigentlich eine solche?) Beleuchtet wird, und hier wiederhole ich andere Rezensionen, politisch korrekt das oft unter den Teppich gekehrte Flüchtligselend der Deutschen, und verbindet es mit einem Vater-Sohn-Konflikt, der in die Neonaziszene überleitet. Das Buch ist spannend und wohltuend gut geschrieben, offenbart ganz nebenher geschichtliche Fakten, hat auch etwas Belehrendes, no na, schließlich schreibt Grass; was aber meines Erachtens besonders anschaulich vermittelt wird, ist die subkutane, vielleicht (aber eher nicht) unabsichtliche, aber subtile Beeinflussung der Jungen durch die ältere Generation. Indem die Großmutter, die vom Untergang der Wilhelm Gustloff persönlich betroffen war, immer wieder - gebetsmühlenartig - ihr Schicksal und positiv verklärt die Nazizeit schildert, beeinflußt sie den Sohn des ablehnend sich verhaltenden Ich-Erzählers, ihren Enkel, nachhaltig. Offiziell ist alles verarbeitet, doch in Wirklichkeit ist es das bei weitem nicht und pflanzt sich auf die Jungen fort. Oder wie Grass sein Buch abschließt "Das hört niemals auf".
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37 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Es hört nie auf..., 1. März 2002
Rezension bezieht sich auf: Im Krebsgang (Gebundene Ausgabe)
Doch, es hört auf, denn dies sind die letzten Worte in Günter Grass' neuem Buch "Im Krebsgang". Obwohl als Novelle bezeichnet, scheint es meiner Ansicht nach irgendwo zwischen dem und einem Roman zu schweben mit seinen über 200 Seiten, knapp und in relativ kleiner Schrift gesetzt. Selbst der ewig knirschende Literaturpapst Reich-Ranicki, der Grass in der Vergangenheit mit einigen kritischen Worten bedacht hatte, ist von diesem Werk überzeugt. Mir persönlich ist dessen Empfehlung allein jedoch keinen Kauf wert. So war es auch eher meine Neugierde, die "Im Krebsgang" unbedingt wegen der aktuellen Thematik und auch, weil Grass sich kritisch gegenüber Themen geäussert hatte, die auch ich kritisch sehe, haben wollte. Ein spannend gemachter, neugierig machender SPIEGEL-Artikel hat mich dazu verleitet, den neuen Grass zu lesen. Das Thema? Die Ereignisse um die Torpedierung und den anschliessenden Untergang der "Wilhelm Gustloff", eines ehemaligen Kreuzfahrtschiffes des 3. Reiches, das zu Kriegszeiten längst militärischen Zwecken diente und als Flüchtlingsschiff, das nicht mehr viele retten konnte, endete. Es ist ein Kapitel deutscher Geschichte, das lange verschwiegen wurde: abgeschossen von der russischen Marine in der Annahme, ein mit Armee bestücktes Kriegsschiff zu vernichten, war die Gustloff zwar auch mit Militär, aber vor allem mit vor der nahenden Front fliehenden Frauen und Kindern belegt. Nach dem Krieg wollte über solche Unglücke aber niemand etwas hören... Grass lässt den Erzähler einen jener Geretteten sein, die während der Flucht geboren wurden. Dramatischer noch wurde Paul, wie der Protagonist des Buches heisst, angeblich genau auf die Minute geboren, als das lecke Schiff endgültig versank. Pauls Mutter Tulla, alten Grass-Lesern aus vielen seiner Bücher zumindest als Nebenfigur bekannt, quält ihren sich oft als Versager fühlenden Sohn jahrelang mit dem Wunsch, er möge ihre Geschichte aufschreiben und die Überlebenden wie die Toten der "Gustloff" so nicht vergessen lassen. Doch Paul will nie, und so konzentriert sich Tullas nie enden wollendes Vergangenheitsgerede um ihre wundersame Rettung und seine Geburt schliesslich auf ihren Enkel, Pauls Sohn Konrad. Der saugt Tullas Wissen wie ein Schwamm in sich auf. Wozu das führt, merkt Paul viel zu spät bei seinen dann doch noch irgendwann beginnenden Recherchen um die "Gustloff": sein Sohn hat eine rechtsradikale Webseite ins Leben gerufen, auf der er den Namensgeber des Schiffes als Helden feiert... Diese Geschichte, von der ich hier nicht mehr verraten möchte, klang für mich spannend genug mich diesem Grass-Buch zu widmen. Bisher hatte ich ihn immer für einen jener intellektuellen Autoren gehalten, die viel reden und meist dazu keine echte Geschichte haben. Man könnte auch sagen, ich habe mich einfach nicht an ihn herangewagt. Doch meine Vorurteile haben sich durch "Im Krebsgang" angenehm zerstreut. Keine langen, verschachtelten, schwallenden Kunstsätze gibt es hier zu lesen, sondern eine wirklich interessant verpackte Geschichtsstunde, immer wieder unterbrochen durch die Gegenwart und Pauls eigenes Leben, das wie der absolute Gegenpol zu seiner Geburt merkwürdig ereignisreich verlaufen ist. Besonders interessant erscheinen mir die kleinen Einschübe, in denen Grass selbst als "der Alte" erwähnt wird, eine Art Arbeitgeber oder Mentor von Paul, der an einer Stelle zugibt, selbst halb erfunden zu sein. Halb deswegen, weil Grass sich sehr eng an eine tatsächliche Begebenheit hält: wirklich ist einer hochschwangeren Frau an Bord der Gustloff genau das passiert, was Pauls Mutter in dieser fiktiven Geschichte passiert. Und wirklich gibt es den ehemaligen Zahlmeister, der später Bücher über die Gustloff geschrieben hat. Hier werden gleich mehrere Schicksale miteinander verknüpft, und dies so gut und auch spannend, dass mir das Buch wirklich gefallen hat. Die Geschichte treibt stetig voran, man könnte ihr allenfalls vorwerfen dass sie möglicherweise ein bisschen klischeehaft daherkommt: Vater ein Verlierer, Mutter hilflos, Grossmutter die ewig Gestrige und als Resultat der Enkel ein Nazi. Zur Zeit wird dieses alte, düstere Kapitel Geschichte wieder aus der Schublade geholt, und für viele längst überfällig darf auch endlich darüber gesprochen werden. War es vor Jahren noch verpönt, auch Deutsche als Opfer zu betrachten, so begrüsse ich Grass' Ansichten, dass derartige Geschichten nicht den heute ewig Gestrigen, den Neonazis und ihrem Gefolge überlassen werden dürfen. Denn sonst entstehen Webseiten wie die fiktive in diesem Buch, auf denen Helden gepriesen werden, die keine sind. Geschichtsverdrehung gibt es schon genug. Kompakt gesprochen empfehle ich dieses Buch vielen Menschen - zum einen natürlich den Grass-Lesern, die Tulla wiedersehen möchten. Ich habe darüber gelesen, dass er diese Figur schon in früheren Büchern immer wieder hervorgekramt hat, und finde derartige Verstrickungen über viele Geschichten hinweg faszinierend. Dann auch eine Empfehlung an die, die wie ich bisher vielleicht Vorbehalte gegen den Autor hatten - seine Sprache ist leicht, niveauvoll zwar, aber weder ideologisch noch in negativem Sinne intellektuell gefärbt. Und zum Schluss allen interessierten und aufgeschlossenen Lesern.
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