Per Petterson, 1952 in Oslo geboren, hat sich mit "Pferde stehlen" in die Weltelite vorgeschrieben. Verlage nutzen den Sog der Bekanntheit, um ältere Werke auf den Mark zu bringen. "Im Kielwasser" entstand schon 2000, wurde ins Deutsche übertragen und nun in diesem Jahr veröffentlicht. Es geht um einen mässig erfolgreichen Schriftsteller, dem das Schiff (des Lebens) davonschwimmt. Er droht im Kielwasser zu ertrinken. Petterson präsentiert die Handlungsebene im Präsens, was unzweifelhaft Spannung auslöst. Das ist nötig, denn viel passiert nicht. Der geschiedene, 43 Jahre alte Arvid wacht aus einem Suff auf, kehrt in seine deprimierende Wohnung zurück, fängt eine Beziehung mit einer alleinerziehenden Nachbarin an, fährt mit dem Auto zum Einkaufen, besucht seinen Bruder nach dessen Suizidversuch im Spital, isst mit seiner Teenagertochter (die bei der Mutter lebt) Waffeln und offeriert einem anderen Nachbarn, ein Kurde, Kaffee und Kekse. Dies ist alles sehr leichtfüssig geschrieben, hin und wieder durchsetzt mit der den Norwegern (und anderen Skandinaviern) eigenen Halsstarrigkeit. Was das Buch nun aber tiefgründig und wertvoll werden lässt, sind die Rückblenden. Diese sind so geschickt eingefädelt, dass man die Übergänge oft gar nicht mitbekommt. Inhaltlich geht es in diesen Passagen immer wieder um die übergrosse Gestalt des Vaters, der Schuhmacher, der Freizeitathlet, der Gläubige, der mässige Trinker, der nie zu den Besten gehört hat, den nie etwas aus der Bahn geworfen hat, mit einer Ausnahme - seine erste Liebe. Eine Dänin, Tochter eines Abteilungsleiters in einer Schuhfabrik. Die Hochzeit war schon geplant, doch die Frau hielt die steinige Enge Norwegens nicht aus und fährt zurück nach Dänemark. Ein paar Tage lang ist Arvids Vater unauffindbar. Wie zum Trotz heiratet er danach eine andere Dänin und sie zeugen vier Kinder, vier Knaben. Es geht auch um diese Geschwister, vor allem um seinen älteren Bruder, erfolgreich und anders in seiner Art, aber nicht gefeit vor dem Abstieg und dem Alleinsein. Die Scheidung führt zum erwähnten Selbsttötungsversuch. - Dann ist da auch immer wieder das Fährunglück, bei dem die Eltern und die zwei jüngeren Brüder ums Leben kamen. - Am Schluss des Buches finden sich Arvid und sein älterer Bruder im grossen, durch die Scheidung leer geräumten Haus wieder. Sie prügeln sich, trinken "Famous Grouse" und rappeln sich - am Boden angekommen - auf, geläutert und bereit, in den nächsten 40 Jahren ihres Lebens, nicht wieder im Kielwasser schwimmen zu müssen.