Lou von Salome (1861-1937), geboren in St. Petersburg und aufgewachsen in guten Verhältnissen, hat sich in einer Gesellschaft der Postaufklärung, der Postromantik heimatlich gefühlt. Ihre starke Identifikation mit allen Formen der Religion, der Theologie und des Glaubens hat sich in eine Ambivalenz umgeschlagen, die den Glauben und die Religiosität per Vernunft ins Abseits stellte, um sie in der Überhöhung, im Ideal wiederzufinden. Erich Fromms damaliger Buchtitel "Ihr werdet sein wie Gott" findet gerade in diesem Buch 100 Jahre vor ihm seine Entsprechung. 1885 veröffentlichte Lou unter dem Pseudonym Henri Lou diesen "Kampf um Gott" in einem Verlag, der auch Fontane verlegte, und so konnte man die erste Wertschätzung der Geschichte erkennen. Wie zuvor George Sand erkannte Lou, dass ein Buch mit gesellschaftskritischem Inhalt nur von einem Mann geschrieben Beachtung findet. Zeitlebens hat sie als Frau kämpfen müssen, so um die Studienzeit in Zürich, die sie der Theologie und Philosophie widmete, wie um die Männer, die sich um sie scharrten, weil sie durch ihren Intellekt fesselte. Ihre Reize wollte sie nicht dominieren lassen, so wie sie dem kleinen "Märchen" in diesem Buch die Weisheit gibt, zwischen Reiz und Empfindung, gar Beschwichtigung zu unterscheiden. Ihre Gesprächspartner sind für dieses Buch die Herren Schiller, Hölderlin, Dostojewski, die guten toten Ratgeber, wie Francis Bacon sie nennen würde. In ihnen entdeckt sie das immerwährende Streben nach Höherem, das Ideal, auch den Gott zu fühlen, den man denkt, wie Schiller es sagte. Sie empfindet die wankenden Träume aus dem Prolog im Himmel bei Faust und weiß, dass sie gebändigt werden durch die Kraft der Gedanken. Denken und Fühlen, Denken und Glauben sind ihre Antipoden im Kampfe und sie lässt ihren autobiographischen Protagonisten Kuno durch diese Krisenzeiten gleiten, in denen das Loslösen vom Glauben der Kinderzeit notwendig sich wandeln muss in ein kognitives Gebilde des Strebens über das Übliche hinaus, das letztendlich in ein großes Wort mündet, dass er von "Gott zu Gott" der Nachwelt überlässt.
Lou, erst 24, versucht in Form eines Romans Gedanken zu verbreiten. Liest man diesen Roman als Roman, findet man Kritikpunkte, allein ein Spannungsbogen, Zusammenhänge etc sind schwerlich aufzufinden. Vielmehr muss man diesen Roman als Dialog betrachten, letztendlich auch als Selbstgespräch mit unterschiedlichen (fiktiven) Partnern. Über allem schwebt bei Kuno die Liebe.
So sind es offensichtlich drei Liebesgeschichten, die die Tiefen menschlichen Zusammenseins unter dem Aspekt des Glaubens, der Humanität, des Denkens betrachten. Jane, seine Jugendliebe empfindet Welt als Eins. Glaube, Gott, Natur als Ganzes spiegelt den reinen Geist eines Spinozas. Margherita, seine Studienliebe, spiegelt das Leben in seiner profanen Art, das rosa-rot Beschienene steht im Vordergrund, eine Liebe, die dem oberflächlichen Fühlen, Begehren mehr abgewinnt als dem Lieben im Geiste. Die Vaterliebe zuletzt, die nicht einmal vertraute und über alles stilisierte wird zu einem Akt der Gottesliebe insofern, dass Kuno Liebe zu ihm im Kinde schafft, so dass er von ihr als Gott zu sehen ist. Nicht ohne Grund lässt Lou ihrem Kuno die Tochter "Märchen" nennen, eine bis zur Offenbarung der Vaterschaft vorgespielte Beziehung, die erst im sicheren Glauben an die wahre Liebe des Mädchens zu ihm eine Offenbarung ihr gegenüber für ihn erträglich macht. So finden wir hier seinen blanken Egoismus, dem sein Streben gilt und letztendlich entdeckt der Leser hier die vierte Liebe, die Eigenliebe. In allem Streben zum Ideal, der Idee Platons gleich, einem Streben im Leid und Schmerz, wie es Hölderlins Werden, Dostojewskis höhere Herz zeigt oder Schillers Einklang von Denken und Fühlen, dem religiösen Erreichen von Glück, zu dem werdend, dem "ein Gott die Stirn geküsst" wird er gott-gleich und kann so sein Testament beenden als von Gott zu Gott gesprochen.
Wie ähnlich all den Bibelgeschichten, den Ideen und religiösen Empfindungen hat Lou Salome sich eine philosophisch inspirierte Vorstellung geschaffen, die ihren eigenen Kampf um Glauben und Wissen zeigt. Ihre Gespräche vor allem mit Nietzsche sind es gewesen, die das Höchste aus dem Nichts zu schaffen wagten. So wie Nietzsche den Mut bewunderte, am Abgrund die Liebe zu suchen, so ging Lou an den Abgrund, um Gott zu suchen. Auf ihn wie auch immer gemeint zu verzichten, hieße, auf den Menschen zu verzichten. So vielleicht die Weltanschauung einer jungen Lou, die den Kampf um ihre Sache nie aufgab. Ihre weitere Lebensgeschichte bezeugt ihre Kraft und ihren Mut.
Ein lesenswerter Roman von nicht endender Aktualität. Ein Anreiz für neues Denken im Glauben.
PS
"Ein Gegenstand lässt vermuten, dass es andere hinter ihm gibt." (René Magritte: Die Wörter und die Bilder) So viel zur beredten Bildauswahl auf dem gelungenen Cover dieser Ausgabe.