Miklos Nyiszli wurde im Jahre 1901 in Nord-Siebenbürgen als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren. Nach seinem Medizinstudium, das er in Klausenburg, Kiel und Breslau absolvierte und mit einer Untersuchung über Selbstmordarten auf Grund des Sektionsmaterials des Breslauer Gerichtsärztlichen Instituts abschloss, praktizierte Dr. Nyiszli in seiner Heimat als Gerichtsmediziner und Allgemeiner Arzt. Ende Mai 1944 wurde Dr. Nyiszli mit seiner Frau und 15-jährigen Tochter in das KL Auschwitz-Birkenau deportiert und einen Tag nach seiner Ankunft im IG-Farben werksnahen KL Monowitz zu schwerer Zwangsarbeit herangezogen. Ende Juni 1944 wurde er als Arzt in den Häftlingskrankenbau nach Auschwitz-Birkenau überstellt und eine Woche darauf als Pathologe des ersten Lagerarztes Dr. Josef Mengele in den neueingerichteten Sektionsraum von Krematorium I eingewiesen. Mitte Januar 1945 erfolgte die Evakuierung nach Mauthausen, wo Nyiszli im Nebenlager Ebensee Anfang Mai 1945 aus der Gefangenschaft befreit wurde.
Kurz nach der Rückkehr in seine Heimat verfasste Dr. Nyiszli innerhalb von nur wenigen Monaten seinen Erinnerungsbericht, der 1946 in ungarischer Sprache publiziert und bisher weltweit in acht Sprachen übersetzt wurde. Die 1992 erstmals von Dr. Friedrich Herber in deutscher Sprache herausgegebene Übersetzung der ungarischen Originalausgabe unterscheidet sich von den anderen Editionen durch einen umfassenden und kritischen Anmerkungsapparat, biografische Angaben zu allen erwähnten Personen sowie durch eine ausführliche Darstellung von Miklos Nyiszlis Lebensweg. Zudem bereichern zahlreiche Abbildungen historischer Originaldokumente und Schauplätze, private Fotografien, ein nach neuesten Forschungsergebnissen überarbeiteter Lagerplan sowie detailliert erläuterte Pläne der Krematorien die im Dietz Verlag Berlin erschienene Ausgabe.
Nyiszlis Überlebendenmemoiren sind der erste veröffentlichte Bericht über die Tragödie der jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau und über den einzigen bewaffneten Häftlingsaufstand in der Todesfabrik Auschwitz. Er ermöglicht einen schonungslosen Einblick in das Innere der Vernichtungsmaschinerie und in die privilegierte Lebenswelt des Sonderkommandos. Die anfänglich sehr kritischen Beurteilungen und Beschreibungen des Sonderkommandos durch den Außenstehenden und unerfahrenen Häftling mit der Registrierungsnummer A-8450, der als Obduzent Mengeles selbst nicht dem Todeskommando angehörte, werden im Verlauf des Berichts relativiert.
Nyiszlis packend geschriebener Erlebnisbericht dokumentiert zudem auf eindrucksvolle Weise seine emotionale Veränderung durch Auschwitz und seine Anpassung an die Lagermentalität.
10 Jahre, nachdem Dr. Nyiszli diese eindringlichen Zeilen schrieb, verstarb er nach langer Krankheit an einem Herzinfarkt. Möglicherweise litt er an den gleichen Qualen wie viele seiner Schicksalsgenossen aus dem Sonderkommando, an den Folgen der grauenvollen Erlebnisse, die der Überlebende Shlomo Venezia als Krankheit ohne Namen bezeichnete.
War es die Scheiterhaufenkrankheit und trostlose Vergangenheit, die Dr. Miklos Nyiszli, voll von blutigen Erinnerungen und tiefen Schmerzen, im Alter von nur 54 Jahren so früh aus dem Leben scheiden ließ? Hat er dies etwa vorausgeahnt und sich deshalb im Gegensatz zu den meisten Überlebenden der Shoah so frühzeitig um die Abfassung und Veröffentlichung seiner einmaligen Erinnerungen bemüht? Wir werden es wohl nicht mehr erfahren, selbst nicht von seiner in Israel lebenden Enkelin. Was bleibt, ist ein außergewöhnlicher früher Erfahrungsbericht aus dem Zentrum der Vernichtung, der wertvolle Antworten auf weitaus wichtigere Frage gibt.