Nicht Treue, Tapferkeit, Weisheit, Demut, Ritterlichkeit, sondern: Flexibilität, Teamfähigkeit, Durchsetzungsvermögen und - vor allem - Intelligenz seien die Kardinaltugenden unserer Zeit. Diese berechtigte Feststellung wird Enzensberger zum Ausgangspunkt einer kurzweiligen Führung durch den "Irrgarten der Intelligenz" für lesende Idioten, will heißen: für die Laien der Intelligenzforschung. (Oder doch für die, denen es an Intelligenz fehlt?)
Enzensberger präsentiert die Abgründe und Absurditäten des Begriffs und der Erforschung der Intelligenz. Demjenigen Laien-Idioten, der ein gesundes Maß an Skepsis den Segnungen der empirischen Wissenschaften gegenüber in sich trägt, vermag dies zwar nichts grundlegend Neues zu vermitteln - denn dass Intelligenz nichts anderes ist als das, was Intelligenztests messen (so zitiert Enzensberger Edwin Boring), dürfte jedem halbwegs raisonablen Menschen aufgehen. Immerhin aber bereitet das Büchlein einem solchen Leser ein bizarr-unterhaltsames Stündchen.
Allen anderen dürfte dieses Stündchen zwar weniger unterhaltsam sein, dafür aber vielleicht wenigstens lehrreich. Und selbst wenn die Intelligenzforschung in Zeiten der Hirnforschung nicht mehr recht en vogue ist, worauf Enzensberger hinweist, so könnte man doch immerhin aus deren Blüten lernen und könnte aufhören selbst welche treiben zu lassen.
Das Buch zu lesen schadet jedenfalls nichts, bestenfalls wird es sogar zum angenehmen Zeitvertreib. Allerdings konnte ich mich, Zeit vertreibend, nicht des Eindrucks erwehren, dass Enzensbergers Werk nicht sonderlich originell ist. Vielmehr wirkt es so, als ob er weite Passagen des Buches zumindest sinngemäß abgeschrieben hätte (z.B. bei dem von ihm zitierten Stephen Jay Gould: The Mismeasure of Man) - auch wenn ich diesen Verdacht mangels Kenntnis nicht belegen kann. Außerdem bemüht sich Enzensberger einigermaßen erfolglos um Ironie.
Denn dass es sich in der Causa 'Intelligenz' um eine ernstzunehmende Angelegenheit nicht handelt, davon kann Enzensberger seinen wohlgesonnenen Leser zwar überzeugen. Trotzdem oszilliert der Text eigenartig zwischen einer zu kurz geratenen Auseinandersetzung und einer unironischen Abrechnung. Es bleibt somit offen, was von Enzensbergers "Essay" zu halten ist: ein "Versuch" ist es wohl, der sich dem Regress und der logischen Stringenz zu entziehen versucht, wie sein Autor zum Ende schreibt. Woran aber sollte man festmachen, ob dieser Versuch gelungen ist?