„Im Interesse der Nation" ist der dritte Band aus der Coq-Rouge-Serie.
Hamilton, mittlerweile zum Korvettenkapitän avanciert, hat sich - nach der Fronarbeit bei der Sicherheitspolizei in „Coq Rouge" und der Tätigkeit als Undercover-Leiharbeiter des deutschen Verfassungsschutzes in „Der demokratische Terrorist" - nunmehr endlich beim SSI etabliert, „dem geheimsten Teil des militärischen Nachrichtendienstes Schwedens".
Carl hat diesmal zwei Herausforderungen zu bewältigen. Zunächst muss er einen hochrangigen russischen Überläufer, der in der schwedischen Botschaft in Kairo Zuflucht gesucht hat, ins schwedische Asyl begleiten, was natürlich nicht ohne Heldentaten vonstatten geht. Die Informationen, die der russische Vizeadmiral den Schweden liefert, offenbaren eine massive Bedrohung für Schweden, gegen die Carl zusammen mit zwei jungen Elitesoldaten in der - später sagenumwobenen - Unterwasseroperation „Big Red" ebenso massiv vorgeht.
Diese Teile des Buches sind absolut spannend und überzeugend, denn neben einer angemessenen Schilderung technischer Details zu den Operationen schafft Guillou ein äußerst interessantes und sehr realistisches Geflecht aus politischen und militärisch-nachrichtendienstlichen Rahmenbedingungen, in das er die Akteure einbindet.
Doch bevor die Geschichte richtig Fahrt aufnimmt, vergeht einige Zeit: in den USA, wo er seine Spezialausbildung erhalten hatte, inspiziert er seine späteren Mitstreiter, die Feldwebel Lundwall und Stalhandske. Dabei werden natürlich auch Erinnerungen (und Gefühle) wach, an seine eigene Ausbildung und vor allem an seine gescheiterte Beziehung zu Tessie. Auch müssen zunächst noch die „alten" Fälle aufgearbeitet werden, denn Carl plagen nicht unerhebliche Gewissensbisse; er versucht - und das zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Serie -, mit sich ins Reine zu kommen.
Höhe- (und gleichzeitig Schwach-)punkt dieser Entwicklung ist ein geheimer „Schauprozess", den der „Alte" - also der Vorgesetzte, der Carl als field operator angeworben hatte und dem er sich als Über-Vater immer wieder anvertraut - inszenieren lässt. Carl erfährt hierbei eine halboffizielle Rechtfertigung; ihm wird, bei allem, was er getan hat, eine nur geringe Schuld attestiert, da er als Werkzeug betrachtet wird, das letztlich immer im Interesse der Nation gehandelt hat. Für eine Tat jedoch (mehr kann hier natürlich nicht verraten werden) wird ihm allerdings ein „Bußgeld" auferlegt - dessen Höhe und Verwendungszweck er, der Multi-Kronen-Millionär, selbst festlegen kann...!.
Dieser fiktive Prozeß ist aus meiner Sicht völlig überflüssig. Das ganze wirkt wenig glaubhaft, denn Guillou kann dem intelliegenten Leser nicht ernsthaft vormachen wollen, dass Carl mit einem solchen drittklassigen „Freispruch" bzw. einem Ablasshandel sein Gewissen befreien könnte! Trotz dieses Wermutstropfens liegt hier ein spannender Thriller vor, dessen vermeintliche Abwege notwendig sind, um Carl als „normales", vernunft- und gefühlsbegabtes, vielschichtiges und damit letztlich sympathisches menschliches Wesen und nicht als kalte, sterile und hirnlose Killermaschine zu charakterisieren.