Aus der Amazon.de-Redaktion
Gestützt auf Interviews mit über hundert vatikanischen Beamten gelingt es ihm, tief in die komplexe und zugleich einzigartige Organisation des Heiligen Stuhls einzudringen. Seine organisatorische Komplexität ergibt sich bereits aus den vielen Rollen, die der Papst einnimmt. Er ist Bischof von Rom, der souveräne Regent des autonomen Stadtstaates Vatikanstadt und Oberhaupt des Bischofskollegiums, dem alle Bischöfe der Welt angehören. In dieser Eigenschaft besitzt er die volle und höchste Gewalt über die katholische Kirche.
Doch das Papsttum ist mindestens so stark von der Institution geprägt wie von der Persönlichkeit des Papstes, und entscheidend für die erfolgreiche Durchsetzung seiner Ziele sind die im Vatikan beheimateten Büros. Diese bilden jedoch keinen modernen Verwaltungsapparat. Der Vatikan stützt sich noch immer auf Strukturen, welche sich im Laufe von Jahrhunderten herausgebildet haben und die sich allen Reformversuchen bislang weitgehend entziehen konnten.
Im Innern des Vatikan macht diese Strukturen für den Leser sichtbar. Dabei versteht sich das Buch nicht als Kritik am päpstlichen Amt, im Gegenteil. Reese zeigt die bestehenden Defizite und Hemmnisse auf, ohne die geistliche Führung des Papstes in Frage zu stellen. Die Frage ist vielmehr, ob die überkommene Organisation des Vatikan seinen vielfältigen Aufgaben überhaupt noch angemessen ist und welche Veränderungen notwendig sind, damit das Papsttum auch die Herausforderungen des neuen Jahrtausend meistern kann. --Stephan Fingerle -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Im Inneren des Vatikan von Thomas J. Reese. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
"Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen", waren die Worte Jesu, mit denen er einen galiläischen Fischer zum Ersten unter den Aposteln bestimmte (Matthäus 16,18). Der Unterschied zwischen den Aufgaben, die dieser schlichten Zeremonie folgten, und dem heutigen Papsttum ist so gewaltig, daß Petrus mit Sicherheit Schwierigkeiten hätte, alles zu verstehen. Doch bis heute erkennen die Katholiken den Papst als Nachfolger des heiligen Petrus an, dessen Aufgaben in dieser Sukzession die Ämter des Bischofs von Rom, des Oberhaupts des Bischofskollegiums und des Regenten der Vatikanstadt sind.
Das beinahe zweitausendjährige Papsttum hat eine weite Reise hinter sich gebracht: vom Ufer des Sees Genezareth bis zu den Ufern des Tiber; von einem Fischerboot in einen Renaissance-Palast; von einem Ein-Mann-Unternehmen zu einer komplexen internationalen Institution, der unzählige Büros und Kommissionen mit etwa dreitausend Angestellten angehören. Diese aufwendige Struktur reflektiert die diversen Rollen und Interessen des Papstes als Bischof von Rom, als Primas oder Erzbischof von Italien, als Patriarch des Abendlandes1, als absoluter Herrscher des vatikanischen Stadtstaates und als Oberhaupt des Bischofskollegiums und der katholischen Kirche. Auf seine Funktion als Oberhaupt des Bischofskollegiums und der katholischen Kirche, im Kontext mit seinen übrigen Rollen, wird sich dieses Buch konzentrieren.
Der Papst ist Bischof von Rom, weil Petrus beschlossen hatte, sich in Rom, der Hauptstadt des Römischen Reiches, niederzulassen. Kirche, Welt und Nahostpolitik sähen heute vermutlich ganz anders aus, wäre Petrus Bischof von Jerusalem geworden und hätten dem Kirchenstaat einst die heutigen Gebiete von Israel, Jordanien und dem Libanon angehört. Doch Petrus ging nach Rom, wurde zum ersten Bischof von Rom und vererbte seinen Nachfolgern seine Rolle als Oberhaupt des Bischofskollegiums.
Als Bischof von Rom obliegt dem Papst die Hirtenaufgabe, sich um die Bedürfnisse der etwa 2,6 Millionen Katholiken in der Diözese von Rom zu kümmern, die das römische Stadtgebiet und seine Vorstädte umfaßt und genauso strukturiert ist wie alle anderen großen Diözesen der Welt. Ihr gehören Pfarreien, Schulen, religionskundliche Unterrichtsprogramme, Sozialdienste und eine Kathedrale an. Es gibt ein Priesterseminar, einen Priesterrat, einen Pastoralrat, einen Seelsorgerat und einen Bischofsrat.2 In den Pfarreien dienen Diözesanpriester, die ständig der Diözese von Rom angehören, aber auch Ordensangehörige - Dominikaner, Franziskaner, Jesuiten und andere -, die in Pfarreien, Schulen und in diversen geistlichen Ämtern arbeiten und nicht ihr gesamtes Leben in Rom verbringen.
Der Petersdom ist zwar die größte und berühmteste Kirche Roms, aber nicht die Kathedrale des Bischofs von Rom, sondern einfach die Kirche, die über dem Schrein des heiligen Petrus errichtet wurde. Die Kathedrale des Papstes ist die Basilika San Giovanni in Laterano, die Lateranskirche auf dem Gelände, das Kaiser Konstantin im vierten Jahrhundert den Päpsten überließ. Sie hatte den Päpsten tausend Jahre als Residenz gedient. Erst nach der Rückkehr aus Avignon im 14. Jahrhundert schlugen die Päpste ihr offizielles Domizil im Vatikan auf. Heute beherbergt der Lateranspalast aus dem 16. Jahrhundert die Kurie beziehungsweise die Büros des Vikariats von Rom.
Seit vier Jahrhunderten, seit die Päpste mehr damit beschäftigt waren, den Kirchenstaat und die Universalkirche zu regieren, delegieren sie die pastorale Betreuung der Diözese von Rom an einen Vikar. Zwischen 1871 und 1929 haben sie ihr nicht einmal einen Besuch abgestattet, weil sie sich aus Protest gegen die Besetzung des Kirchenstaats geweigert hatten, einen Fuß auf italienischen Boden zu setzen. Roms Bevölkerungswachstum und seine Ausdehnung in die Vorstädte machten es ihren Nachfolgern nach dem Zweiten Weltkrieg immer schwerer, sich persönlich um die Römer zu kümmern.
Heute ist die Diözese von Rom in zwei Vikariate aufgeteilt: in das Vikariat von Rom und das vatikanische Vikariat. Letzterem gehören die Pfarrei St. Anna für all diejenigen an, die innerhalb des Vatikan leben und arbeiten, sowie der Petersdom, der den pastoralen Bedürfnissen der Pilger und Touristen dient und Stammkirche für die vom Papst abgehaltenen Feiern ist. Vikar des Vatikan ist der Erzpriester der Basilika St. Peter.
Dem römischen Vikariat gehören über 330 Pfarreien mit etwa 450 Diözesan- und 500 Ordenspriestern an. Dem Vikar von Rom stehen zwei Erzbischöfe und sechs Bischöfe zur Seite, die sich die Verantwortung für verschiedene Regionen und seelsorgerische Aufgaben teilen. Gemeinsam bilden sie einen Bischofsrat.
Die Vikariatskurie mit ihren etwa 150 Angestellten ist von der römischen Kurie unabhängig und wird von einem Generalsekretär überwacht, der für die pastorale Fortbildung des Klerus, der Ordensangehörigen und Laien und für die Schulung von Lehrern und Katecheten verantwortlich ist. Zur Kurie gehören diverse Büros, darunter eines für Evangelisierung und Katechetik, eines für Gottesdienst und Sakramente, eines für soziale und karitative Einrichtungen sowie je eines für Personal und Finanzen. Hinzu kommt ein Gerichtshof, der über die Annullierung der Ehen von römischen Katholiken entscheidet.3
Als Bischof von Rom steht der Papst mehr oder weniger denselben pastoralen Problemen gegenüber, mit denen heute jeder Bischof in Westeuropa konfrontiert ist: religiöser Indifferenz, immer weniger Kirchenbesuchern, der geringeren Bereitschaft, Priester oder Ordensgeistlicher zu werden, und dem Antiklerikalismus. Eine von der Diözese von Rom in Auftrag gegebene Studie der Universität Turin stellte fest, daß sich zwar 80 Prozent der Römer als Katholiken betrachten, doch über 70 Prozent von ihnen nichts gegen Empfängnisverhütung, Scheidung, wilde Ehe und vorehelichen Sex einzuwenden haben. Weniger als die Hälfte glauben an ein Leben nach dem Tode oder daß das Christentum notwendigerweise die einzig wahre Religion sei.' Kardinal Ruini ging 1994 sogar so weit, die Stadt als bereits entchristianisiert zu bezeichnen. Der Papst hat ganz offensichtlich eine Menge vor seiner eigenen Haustür zu tun.