Von Brutvögeln, Geldwirtschaft und Demokratie
Jugendliteratur als Fachliteratur
Kosmologie, Geldwirtschaft, Brutvögel, Demokratie gemeinsam ist diesen Themen, dass es darüber Sachbücher für Jugendliche gibt; Romane mit offenkundiger Informationsabsicht oder Texte, die komplexe Fragen anschaulich behandeln. Ein Trend der Jugendliteratur? Ein Angebot für Interessierte jeden Alters.
Während etwa unillustrierte Sachbücher in den Regalen der Erwachsenen eine Selbstverständlichkeit sind, bilden Jugendsachbücher ohne Farbtafeln die Ausnahme. Eine Ausnahme allerdings, die im Trend liegt und doch noch überschaubar genug ist, um die Gattung generell und exemplarisch zu begutachten. Wie «sachlich» ist ein Buch, das aufgeschlagen nur Lauftext, keine Bilder wie ein Roman ausschaut?
Zum Beispiel die Erzählung eines Vogellebens, ein Roman mit dem Titel «Im Herzen des Tals»? Von ornithologischer Seite ist kein Einwand gegen Details bekannt. Was aber den vogelkundlichen Laien fasziniert und den Vielleser bestätigt, ist die Tragkraft von Erzählprosa. Den ganzen Tag hat es geschneit. Die Heckenbraunelle hat verzweifelt auf eine Möglichkeit zur Futtersuche gewartet. Geschützt in einem Busch, döst sie erschöpft vor sich hin, als der Schrei einer Schleiereule sie aufschreckt. Ein Feldsperling in der Nähe verliert die Nerven, verlässt sein Versteck . . . Die Eule schlägt zu, mit tödlicher Präzision. «Die Braunelle hatte alles mit angehört, und es dauerte eine volle Stunde, bis sich ihre zitternden Nerven beruhigten und sie wieder einschlief.»
Keine noch so raffinierte Tierphoto könnte die Optik des Vogels einbringen, kein noch so ausführlicher Naturfilm die Zeitdimension. Der Autor Nigel Hinton bindet mit der dramatischen Eröffnungsszene unsere Sympathie an die unscheinbare Heldin und kann sich fortan Zeit lassen, das Warten, Suchen und Scheitern im Leben des Braunellenpaares zu beschreiben. Sentimentalität klingt schon im Buchtitel an, doch fehlen die üblichen Zutaten zur Vermenschlichung der Tiere. Der Rhythmus der Jahreszeiten nimmt seinen Lauf, der Kampf um Leben und Überleben. Ein zoologischer Schicksalsbericht.
Informationstransport
Der Informationstransport in Fabeln, Gleichnissen und Lehrstücken wird seit Jahrtausenden diskutiert und angewandt. Dem heutigen Lesepublikum sind wenn überhaupt Erfahrungen mit historischen Romanen vertrauter. Wer hätte aber vor dem Erscheinen von «Sofies Welt» an einen «Philosophie-Boom» geglaubt? Der Verweis auf dieses Phänomen ist zentral, gerade im Zusammenhang mit der zweiten editorischen Geburt von Hintons Vogelroman. Bereits 1986 war er nämlich im Belletristikprogramm des Paul-Zsolnay-Verlages erschienen und nur bedingt «entdeckt» worden. Dann hat er als Hanser-Jugendbuch eine neue Chance erhalten fünf Jahre nach «Sofie», mit grösserer Beachtung. Erfolg steckt an. Das ist ein Naturgesetz der Medienwelt.
Dass indes in der Jugendliteratur eine Art Rückbesinnung auf klassisches erzählendes Vermitteln zu beobachten ist, könnte auch als Gegenbewegung zu einer Hypermedialisierung verstanden werden. Die Textqualität vieler Bildsachbücher leidet ganz unbestritten beim Rennen um die auffälligsten (marktkräftigsten) Illustrationen. Sobald aber der Text nicht in ein starres Layout gezwängt wird, kann er sich und seine Gedanken souverän entwickeln. Zwei aussergewöhnliche Neuerscheinungen beweisen das sehr eindrücklich: Der Band «Young Oxford Astronomy» von Simon und Jacqueline Mitton arbeitet stark mit Photos und Zeichnungen, deren Legenden die Abbildung effektiv erläutern, d. h. den Leser mit Informationen ausstatten, die ihm helfen, den Bildinhalt aufzuschlüsseln. Illustration, nicht Attraktion lautet die Devise. Es lässt sich sogar ein deutlich textlastiges Kapitel zur Zukunft des Universums finden Fragen und Antwortversuche von Urknall bis Dunkle Materie. Gemessen an der Unvorstellbarkeit vieler Fakten, ist der Text enorm anschaulich. Aber auch unpersönlich.
Ganz anders kommt «Das Rätsel des Universums» von Gerhard Staguhn daher. Schon in seinem Einstiegskapitel «Die Welt ist eine Täuschung» zielt Staguhn direkt auf das Lebensgefühl von Pubertierenden. Dann, kaum hat er mit ernstem Spiel die Lust an erkenntnistheoretischen Reflexionen geweckt, plaudert er fast beiläufig, knapp und leicht anekdotisch über Galileo Galilei und die Geschichte des Fernrohrs welche er wiederum in die philosophische Frage münden lässt: «Was ist Licht?» Staguhn, Germanist und Religionswissenschafter, erscheint dem Leser als leidenschaftlicher Sachbuchautor und als staunender Frager. Er wird zu einer Art Identifikationsfigur.
Dieser Stil, in angelsächsischen Fachbüchern selbstverständlich und im deutschsprachigen Wissenschaftsjournalismus inzwischen ebenfalls verbreitet, ist beinahe einmalig im Jugendsachbuch. Aber was heisst in diesem Fall schon Jugendsachbuch? Wo diese Gattung egal, ob mit oder ohne Bilder nicht anbiedernd vereinfacht, wo Texte die Fragen nicht als Blickfang, sondern als Anker für Debatten nehmen, da sind sie generell ideale Einstiegslektüre «für Menschen ab 14». Wer, wenn nicht das erwachsene Leserpublikum, hat «Sofies Welt» zu Bestsellerehren verholfen? Und wenn der Campus-Verlag mitten unter seinen Fachbüchern drei Titel «für junge Leser» ankündigt, dann fällt auf, dass Fernando Savaters «Tu, was Du willst» im Untertitel als «Ethik für die Erwachsenen von morgen» deklariert wird und André Fourçants in «Die Welt der Wirtschaft» diese einfach «enträtselt». Das weckt den Verdacht, dass die jungen Adressaten nur als Vorwand dienen, als Rechtfertigung dafür, dass der Ökonomieprofessor einen populären Ton anschlägt.
Handlungen für konkrete Fragen
Nikolaus Piper, Wirtschaftsredaktor der «Süddeutschen Zeitung», zeigt bezüglich Vereinfachung deutlich weniger Hemmungen: In «Felix und das liebe Geld» erzählt er, wie drei Zwölfjährige eine «Heinzelmännchen GmbH» gründen, ihre kleinen Dienstleistungen in einer Gewinn- und Verlustrechnung festhalten und in Leghennen investieren. Weil die drei Kinder aber richtig reich werden wollen, kommen sie Schatz gefunden! zu 11 000 Mark und gehen damit an die Börse. Dass sie, nach guten Kursgewinnen, einem dubiosen Anlageberater auf den Leim gehen, die Ganovenjagd aber gut endet und eine Prise «Geld allein macht nicht glücklich» die neoliberale Grundstimmung relativiert, das alles illustriert nicht nur Haussen und Baissen, sondern auch die Tücken eines Sachromans. Wer sich nämlich nicht mit dem literarischen Niveau des philosophischen Fernkurses an Sofie begnügen will, muss eine Erzählstruktur wählen, die mehreren Meinungen Auftrittsmöglichkeiten verschafft. Immerhin gelingt es Piper, verschiedene erwachsene Informationsexperten einzuführen und Handlung und Instruktion überdurchschnittlich gut zu verzahnen.
Noch konsequenter strebt das Burkhard Wehner in seinem «Roman über die Demokratie» mit dem Titel «Jahrtausendwende» an, in dem verschiedene Schrifttypen schon optisch die einzelnen Textebenen signalisieren. Leonie, Politologiestudentin in Berlin, entdeckt Spuren eines Parteiskandals um einen alten Politiker. Bei ihren Recherchen hilft ihr ihr Halbbruder, der ihr zwar beisteht und doch immer andere Ansichten hat und vor allem Freunde mit nochmals anderen. Am wichtigsten aber ist die mütterliche Freundin, eine ehemalige Vertraute des erwähnten «Elder Statesman».
Burkhard Wehner verpackt in «Jahrtausendwende» nicht einfach die Geschichte von der attischen bis zur parlamentarischen Demokratie, sondern er stellt die beste aller Staatsformen auch gleich radikal in Frage: Wie bedingen sich Frieden und Demokratie? Kann Demokratie integrieren, oder setzt sie Integration voraus? Eine brisante Frage angesichts europäischer Integrationspolitik. Und was bedeutet es für die Demokratie, wenn der Vertrag von Maastricht (eine Idee der Politiker, nicht des Volkes) scheitert? Was der Autor anstrebt, ist eine Debatte, die wegkommt vom simplen Mehr-Demokratie-Positivismus und zu einer qualitativen Demokratiediskussion wird.
Warum eigentlich drängt sich das Hervorheben von Sachromanen und erzählenden Sachbüchern auf? Sind sie im Trend oder nur die persönliche Spur eines erfolgreichen Programmleiters? Oder sind sie die Gaswolke hinter dem Kometen Sofie? Für den Buchmarkt ist die Frage irrelevant. Entscheidend ist, dass das Interesse von Verlagen und Vermittlern an Stilfragen in Sachtexten neu geweckt werden muss, wollen sie nicht selbst beim Vorurteil stehenbleiben, dass Jugendliche nur lesen, was üppig bebildert ist.
Wie kommt es eigentlich zu dieser verlogenen Meinung der Erziehenden, dass nur «spannend» sei, was sich flüchtig konsumieren lässt? Die ungeniert lehrende Haltung kann wunderbare Texte hervorbringen: Gerhard Staguhns «Rätsel des Universums» etwa erklärt Erwachsenen endlich, was sie in Stephen Hawkings Büchern über Zeit und Schwarze Löcher nie verstanden haben. Ob es ein Gebrauchsklassiker wird wie Ernst H. Gombrichs im Trend neu aufgelegte «Kurze Weltgeschichte für junge Leser»? Gombrichs Mut zum Überblick war schon in der Urfassung (Wien 1935) eine Offenbarung. Und dass seine Direktheit über Jahrzehnte und mehrere Neufassungen hin nach wie vor überzeugt, beweist die Tauglichkeit geradlinigen Erzählens.
Erzählen heisst immer auch die Welt ordnen. Ordnung kann durchaus spannend sein, wenn sie Zusammenhänge sichtbar macht, Sicherheit gibt und das muss zur Aufklärung gehören ihre Prinzipien gleichzeitig auch zur Diskussion stellt.
Hans ten Doornkaat
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.