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Im Herzen der Sahara
 
 
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Im Herzen der Sahara [Taschenbuch]

Federica de Cesco
3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Eine ergreifende Liebesgeschichte unter dem weiten Sternenhimmel der Wüste Eine Expedition führt Sonia in die Sahara. Tief beeindruckt von der endlosen Weite und dem erhabenen Sternenhimmel lernt sie den jungen Fürstensohn Tarek vom Stamm der Kel Rela kennen. Sie verliebt sich mit einer Heftigkeit in ihn, die sie ihr ganzes bisheriges Leben vergessen lässt, und entscheidet sich, ihm zu folgen. Doch dann geschieht ein tragisches Unglück.

"Detailgenau schwelgt die Autorin in Bildern von fernen Landschaften und schönen Menschen."
Süddeutsche Zeitung

Klappentext

»Detailgetreu schwelgt die Autorin in Bildern von fernen Landschaften und schönen Menschen.«
Süddeutsche Zeitung -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Über den Autor

Federica de Cesco, geboren in Italien, wuchs in verschiedenen Ländern mehrsprachig auf und studierte in Belgien Kunstgeschichte und Psychologie. Heute lebt sie mit ihrem Mann, einem japanischen Fotografen, in der Schweiz. Sie hatte bereits über fünfzig höchst erfolgreiche Romane für Kinder und Jugendliche sowie mehrere Sachbücher verfasst, als ihr mit dem Roman »Silbermuschel« ein fulminantes Debüt in der Erwachsenen-Belletristik gelang.

Auszug aus Im Herzen der Sahara von Federica DeCesco, Federica de Cesco. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Prolog

Es gibt Wirbelstürme in der Wüste, Staubwinde, die mit rasender Geschwindigkeit wehen und die Luft zum Knistern bringen. Der Wind bringt Geheimnisse und Erinnerungen, zuweilen weiß ich nicht, ob es Träume sind. Als Kind stellte Mariama kaum Fragen, was mir die Sache leicht machte. Später gab es viele Dinge, die sie wissen wollte – über ihren Vater, ihre Mutter, die sie nie gekannt hat. Darüber, wie ich sie mit Achmeds Hilfe zu mir geholt hatte nach dem Tod ihres Vaters. Ihre Fragen rissen die Wunden wieder auf, brachten mich durcheinander. »Überlass es mir«, hatte Achmed dazu gemeint. »Sie kann das alles auch von mir erfahren.«
Doch ich wollte nicht vom Vergessen leben, auch wenn es schmerzte. Nach und nach erzählte ich ihr das Wesentliche, und das Übrige konnte sie sich ausmalen.
Mariama studierte Medizin, gerade hat sie ihr Staatsexamen abgeschlossen. In zwei Monaten beginnt ihr Praktikum im Universitätskrankenhaus in Lausanne. Kürzlich wollte sie wissen, wie es war, als wir sie damals aus dem Tuareg-Lager holten.
»Und Großmutter? War sie einverstanden?«
»Sie sah ein, dass es das Beste für dich war.«
»Schade, dass ich mich kaum an sie erinnern kann.« Mariama seufzte. »Und dann, als wir nach Algier gingen?«
»Da wohnten wir nur zwei Jahre. Achmed besuchte einen Fortbildungskurs und ich war Sprechstundenhilfe. Karin hatte mir die Stelle besorgt. Dann starb meine Mutter und hinterließ mir die Wohnung. Wir kehrten nach Genf zurück. Achmed und ich heirateten.«
Mariama blinzelte amüsiert.
»Ja, an die Hochzeit entsinne ich mich gut!«
»Da war nicht viel los«, meinte Achmed.
Wir tauschten einen Blick und lächelten. Heute arbeitet Achmed in einem Fotolabor, daneben bringt er afrikanischen Asylbewerbern Französisch bei. Ich arbeite als Sprechstundenhilfe, seit zwanzig Jahren beim gleichen Arzt. Eine Halbtagsstelle. Da wir keine Miete zahlen, reichte es uns so gerade und Mariama konnte studieren.
Jetzt hatte sie ein Zimmer in Lausanne gefunden, ein kleines Zimmer in der vierten Etage, mit einer Kochnische und einer winzigen Dusche. Es war durchaus ein hübsches Zimmer, aber ein enges. Wir packten einige Möbel in unseren Kombiwagen, schleppten sie mit Mariama die vier Stockwerke hoch. Mariama war fröhlich und aufgeregt. Für sie begann ein neuer Lebensabschnitt.
Mariama ist groß, wie die Tuaregmädchen es sind, mit langen, schlanken Beinen. Ihr Haar ist kastanienbraun und sie hat grüne Augen, eine seltene, klare Farbe. Wenn ich sie ansehe, denke ich an früher. In der Stille meines Herzens nimmt diese Zeit in der Wüste einen besonderen Platz ein. Nie werde ich den Zauber von damals vergessen. Ab und zu steigt ein Name in mir auf und ich merke erst im Nachhinein, dass ich ihn laut ausgesprochen habe. Hört ihn Achmed, hebt er den Kopf, aufmerksam, etwas besorgt. Ich beruhige ihn, mit einem Lächeln. Und doch möchte ich weinen. Achmed fragt nicht: »Was hast du?«, sondern nimmt still meine Hand. Es sind merkwürdige Träume, die mich erfüllen. Träume von Leben, Liebe und Tod. Ich suche sie, wie im Halbschlaf. Sie kommen, antworten; sie sind überall. Achmed nimmt mir die Gedanken ab, die mich belasten, ich klammere mich an seine Hand und werde in die Vergangenheit getragen. Die Zeit wirbelt zurück. Zweiundzwanzig Jahre zurück. Ich sehe Algier, im Dezember. Die Gehsteige sind übersät mit Papier, Zigarettenstummeln und Orangenschalen. Ich sehe mich, wie ich eine Fremde sehen würde. Ich bin neunzehn Jahre alt, aber ich kann mich nicht täuschen: Die wirkliche Geschichte wurde bereits vorher geschrieben.

1 ERINNERUNG

Algier, Dezember 1978. Es war vier oder fünf Uhr, die Sonne stand schräg. Der Wind wehte heftig, die Fahnen sämtlicher afrikanischer Staaten klatschten gegen ihre Stangen. Es war ausgesprochen kalt. Lichtsignale leuchteten auf an den Kreuzungen, wo sich ein unentwirrbares Gewühl von Autos, stinkenden überfüllten Bussen, selbstmörderischen Taxis, Fahrrädern und knatternden Mopeds staute. Irgendwo traktierte ein Polizist seine Trillerpfeife. Arabische Musik tönte aus den Lautsprechern. In den neonerleuchteten Bars verkündeten Transistorradios die neuesten Sportnachrichten.
Ich schlug den Kragen meiner Jacke hoch. Der Lärm der Stadt dröhnte in meinem Kopf. Leute hasteten vorbei, drängten sich vor, eine Entschuldigung auf den Lippen, aber kein Lächeln. Die Menge hatte tausend Gesichter: gleichgültige, überarbeitete, unschuldige, abstoßende, heruntergekommene, unrasierte. Ich sah matte Haut, olivfarben oder schwarz. Schimmernde Augen verschleierter Frauen. Über dem Spitzentuch, das Mund und Nase bedeckt, erkannte man ihre zarten, blau geäderten Schläfen. Studentinnen mit offenen Haaren, lang bis zur Taille, zeigten ihre Beine und gaben sich emanzipiert. Unter den Torbogen hielten Halbwüchsige Erdnüsse oder Schnürsenkel feil. Sie standen da, in grellfarbenen Pullovern, die Hüfte vorgeschoben, Kaugummi zwischen den mahlenden Zähnen, lachten, lärmten, boxten.
Der Wind roch nach Tang und gebratenem Fisch. Ab und zu sah ich am Ende einer Querstraße das Meer, die schwarzen Wellen mit den weißen Schaumkronen. Und dann die Arkaden, das Halbdunkel, der Geruch von Urin, obszöne Kritzeleien, Plakate in Fetzen von den Mauern hängend. Bettler hielten die hohle Hand hin. Eine Mutter gab ihrem Kind die Brust. Ein verkrüppelter Alter folgte mir auf seinen Krücken, hartnäckig vor sich hin singend. Ich warf meine Tasche auf die andere Schulter und beschleunigte meine Schritte. Eine rote Ampel hielt mich auf. Die Flut des Verkehrs ergoss sich in beiden Richtungen: Abgase, Hupen, kreischende Bremsen. Ich wartete inmitten des Gestanks und Lärms.
Mein Flugzeug war gestern in Darel-Beida, dem Flughafen Algiers, gelandet; es war schon dunkel. Achmed war nicht auf dem Flugplatz, ich musste mit dem Bus in die Stadt fahren. Der scheußliche Abflug in Genf, wo es in Strömen goss, saß mir noch immer in den Knochen. Über dem Mittelmeer wurde die Maschine von Windstößen geschüttelt. Die Stewardessen verteilten Getränke; die Passagiere, denen schlecht geworden war, standen Schlange vor den Toiletten. Schicksalsergeben und verstört saß ich in meinem Sitz und sah schon das Flugzeug in einem Wirbel von Schwimmwesten, Papiertüten und Kaffeetassen ins Wasser stürzen – ein Crash, der den Zeitungen Schlagzeilen geliefert, mir persönlich jedoch allerhand Probleme gelöst hätte. Aber an diese versuchte ich im Moment nicht zu denken!
Das Lichtsignal wechselte endlich auf Grün. Ich überquerte die Straße und ging mit unsicheren Schritten auf der gegenüberliegenden Seite weiter. Die Müdigkeit und die Medikamente machten mich benommen: Die Dächer der schmalen, hohen Häuser schienen sich an den Firsten zu berühren, die Kreuzungen schwankten, die Bäume kamen auf mich zu. Ich hätte dieses Mittel nicht nehmen sollen! Ich hatte in den letzten Tagen zu viel geschluckt: gelbe und weiße Kapseln, zum Einschlafen, zum Aufwachen – meine tägliche Ration des Vergessens …
Jetzt begann es auch noch zu regnen! Große Tropfen fielen auf den Asphalt, trommelten auf die Windschutzscheiben der Autos. Vor mir zog eine schwangere Frau mit Einkaufstasche zwei unterernährte Kinder hinter sich her. Der Knabe war verrotzt. Das etwas jüngere Mädchen hatte genau das Haar von Mariama, auch ihre Hautfarbe! Die Sehnsucht nach der Kleinen schnürte mir die Kehle zu. Ich starrte das Kind an: Der Gesichtsausdruck war anders, und die Augen braun, nicht grün, aber es hatte dieselben flaumigen Wangen, die gebogenen Wimpern, dieselbe stolze, kindliche Anmut. Es trug über Pyjamahosen einen hässlichen karierten Rock mit Flicken und einen zerschlissenen Pullover. Die Frau wartete mit den Kindern auf den Bus. Sie hatte dicke Beine und zudem Krampfadern. Es musste eine Berberin sein, denn sie war unverschleiert. Kleine blaue Zeichen waren auf Kinn und Stirn tätowiert. Die Kinder froren im Regen wie junge Katzen. Das Mädchen kratzte sich unter dem Pullover. Ich sah seine zarten Handgelenke, seine schmutzigen, rot gefärbten Fingernägel. Plötzlich kreuzten sich unsere Blicke: Sie musterte mich mit dem unerschütterlichen Ernst der Kindheit. Ich lächelte ihr verzweifelt zu – aber sie schaute weg. Ich ging näher, streckte ihr die Hand hin, völlig unsinnig, ich machte den Mund auf, um etwas zu sagen – aber was?
In diesem Moment kam der Bus, zum Bersten voll, und hielt mit quietschenden Bremsen. Die Frau drängte sich, den Bauch voran, hinein; im Vorbeigehen streifte mich ein leerer Blick. Die Kinder folgten ihr. Schon schlossen sich die Türen. Der Wagen fuhr ab. Aus, vorbei …
Der Regen peitschte mir ins Gesicht. Ich zog mich schnell zurück und suchte Schutz unter den Arkaden. Dort blieb ich stehen, hustete hinter vorgehaltener Hand, einem Überbleibsel meiner guten Erziehung. Die Regentropfen klatschten auf den schmutzigen Gehsteig, pluff, pluff, zerplatzten oder bildeten schillernde Blasen, die lautlos zersprangen. Aber wie er begonnen hatte, so hörte der Regen plötzlich auf – unvermittelt, als wäre ein Hahn zugedreht worden. Der Asphalt glänzte im Neonlicht wie glattes Leder. Ich hatte auf einmal das Gefühl, beobachtet zu werden. Tatsächlich: In der Dunkelheit stand reglos ein Mann und starrte mich unverwandt an. Wie lange schon? Er stand ganz nah, schweigend, die Beine ein wenig gespreizt. Ich sah das Weiße seiner Augen und das Glühen seiner Zigarette. Ich habe selten Angst, ich meine: richtig Angst. Aber an diesem Abend fühlte ich mich zu verwundbar, war zu aufgewühlt, um mit so etwas fertig zu werden. Ich ging weg und gab mir alle Mühe, nicht zu rennen. Der Mann folgte mir auf dem Fuß, ohne den geringsten Laut, wie ein Schatten. Ich ging schneller. Der Unbekannte folgte mir. In einem Anflug von Panik begann ich nun doch zu rennen. Ich bekam Seitenstechen und in meinem Mund sammelte sich kalter Speichel. Es war Geschäftsschluss. Die Händler ließen die Rollläden mit ratterndem Getöse herunter. In den Bars standen die Männer an der Theke, sie hatten Feierabend. Ich sah mich um – ich hatte meinen Verfolger abgehängt, oder er war es leid geworden, mir zu folgen. Atemlos blieb ich stehen. Ein Hustenanfall schüttelte mich. Ich presste das Taschentuch vor den Mund. Auf der andern Seite der Kreuzung erhob sich das hell erleuchtete Hotel Aletti in seiner ganzen überwältigenden Hässlichkeit. Der Portier führte die Hand zur Mütze und schaute mir mit unbestimmter Neugier nach, während ich die haushohe Halle durchquerte und meinen Schlüssel holte. Ich wartete, bis ein sehr englisch aussehendes Paar den Meldezettel ausgefüllt hatte, und fragte den Empfangschef: »War jemand für mich hier?«
»Niemand, Mademoiselle«, antwortete er höflich.
Ich betrat den Lift. Das Scherengitter schloss mit einem metallischen Knall. Gegen die Wand gelehnt, hustete und hustete ich und bekam kaum mehr Luft. Endlich, vierte Etage: Die Tür öffnete sich quietschend. Das Taschentuch zwischen die Zähne gepresst, ging ich durch den leeren, teppichbelegten Flur.
Das Zimmermädchen hatte mein Bett gemacht und die Vorhänge zugezogen. Ich knipste das Licht an. Die Helligkeit blendete mich. Ein fernes Brausen drang von der Straße herauf. Der Wind heulte vom Meer her. Ich zog Jacke und Stiefel aus und ging ins Bad. Mein Gesicht im Spiegel: verkrampfte Züge, blasse Haut, dunkle Schatten unter den Augen – aber das machte vielleicht die Beleuchtung. Mein Haar fiel in Strähnen über den Kragen. Seltsam. Ich hatte nicht geglaubt, dass es so schnell wieder wachsen würde …
In meiner Erinnerung tauchte ein Bild auf. Grüne Wände, eine nackte Glühbirne an der Decke, Achmed, der die Locken zusammenwischt, die auf dem Boden vor meinem Bett liegen. Ich sehe sein Gesicht, sogar die Poren seiner Haut, die Schweißperlen auf seiner Stirn …
Ich stürzte aus dem Bad, als ob ich fliehen wollte. Ich schaltete das Radio an. Baden-Powell spielte einen Bossanova auf der Gitarre. Ich saß im Schneidersitz auf dem Bett, die Hände um die Knie gefaltet. Immer schön ruhig, Sonia. So, du hast es geschafft, der Husten vergeht. Ich hörte der Musik zu und dachte an nichts. Baden-Powell, ich mochte ihn damals sehr. Wer kannte ihn heute noch? Die Jugend wohl kaum. Und außerdem ist er tot …
Da klingelte das Telefon. Ich fuhr hoch. Ein durchdringender, befehlender Ton. Dreimal, viermal, fünfmal …
Langsam streckte ich die Hand aus und hob ab. Meine Stimme? Nur ein heiseres Flüstern: »Ja?«
Es war der Angestellte vom Empfang. »Ein Herr wünscht Sie zu sprechen.«
Ich fuhr mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen. Mir war heiß und kalt zugleich. Auf dem Hörer zeichneten sich meine feuchten Hände ab.
»Sagen Sie ihm, er soll heraufkommen!«
Ich rutschte vom Bett, machte automatisch ein paar Schritte, stand unvermittelt mitten im Zimmer, starrte auf die Tür. Ich strich mit den klebrigen Handflächen über meine Jeans, zitterte stärker, biss die Zähne zusammen. Minuten vergingen. Ich rührte mich nicht, starrte nur auf die Tür.
Diskretes Klopfen. Mit steifen Gliedern ging ich hin und öffnete: Vor mir stand Achmed ag Barka und schaute mich nachdenklich an, so, als ob er mich nicht mehr erkennen würde!
Achmed: zwanzig Jahre alt, sehr groß, sehr schlank. Schmale Hüften, breite, gerade Schultern. Ein schmales Gesicht, hohe Wangenknochen, die typische Nase seiner Familie: kurz und ein wenig nach oben gebogen. Den Kopf hielt er immer leicht schräg oder nach hinten geworfen; das gab ihm das Aussehen eines scheuen, misstrauischen Hirsches – ein Eindruck, der noch durch die außerordentlich raschen und trotzdem weichen Bewegungen unterstrichen wurde. Ein kleiner Schnurrbart, fast mehr ein Flaum, bedeckte seine Oberlippe. Er trug Jeans, einen Rollkragenpullover, darüber eine Lederjacke. Er sah aus wie ein Jüngling, der zu rasch gewachsen ist und noch die ganze Verletzlichkeit der Kindheit in sich trägt. Aber ich wusste, dass er stark war, stark wie ein Mann. Und ich wusste, dass ich ihm vertrauen konnte.
Langsam entspannten sich seine Züge, ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht, wobei er ein wenig die Schultern hob. Seine Hand berührte die meine, zog sich rasch zurück, wie der Brauch es verlangte.
»Komm doch herein!«, sagte ich zaghaft.
Er trat ein und schloss behutsam die Tür hinter sich. Ich sah die glatte Haut seiner Hände, über die sich ein Netz von Adern zog, und mein Herz verkrampfte sich vor Zärtlichkeit und vor etwas anderem auch.
»Bleib nicht stehen. Setz dich!«
Er ließ sich in einen Sessel fallen und schlug die langen Beine übereinander. Ich spürte, dass er wachsam war. Seine Augen wanderten in meinem Zimmer umher, in dem es nichts Besonderes gab: keine Toilettensachen, keine Kleider, nur meine Stiefel, meine Jacke und meine Umhängetasche auf dem Boden. Ich hätte aufstehen und gehen können: Nichts hätte meine Anwesenheit verraten.
Achmed fing meinen Blick auf.
»Vier Monate sind es her, nicht wahr?«, sagte er.
»Vier Monate und eine Woche, ganz genau«, berichtigte ich. Achmed machte eine Handbewegung.
»Ich habe dich auf den Flugplatz begleitet. Erinnerst du dich, Sonia? Mein Jeep hatte eine Panne.«
»Wie üblich«, sagte ich lächelnd.
Und ob ich mich erinnerte! Wir waren in einen Sandsturm geraten; auf meinen Kleidern, im Gesicht, auf den Händen, zwischen den Fingern – überall war eine puderfeine Schicht von rotem Sandmehl gelegen. Ich war dagesessen, ganz steif, und hatte mich nicht gerührt. Es war entsetzlich heiß gewesen und doch hatte ich innerlich so stark gefroren, dass Achmed mir seine Jacke hatte geben müssen, die aus Leder, die er auch jetzt trug.
Achmeds Lachen riss mich aus meinen Gedanken. Ich schaute ihn an, überrascht von diesem spontanen, herzlichen Lachen, das ich so gut kannte.
»Wie üblich, da hast du Recht! Weißt du, warum ich erst jetzt komme? Mein Motor hat mich mitten im Tademait im Stich gelassen. Ich bin mit einem Laster nach EI Golea gekommen. Einen ganzen Tag habe ich gebraucht, bis ich das Ersatzteil hatte.«
Das Lachen erstarb auf seinen lebhaften Zügen.
»Da saß ich fest und schimpfte auf die ganze Welt: auf den Mechaniker, den Garagisten, den Lastwagenfahrer. Ich dachte immer wieder: Morgen landet Sonias Flugzeug, und ich werde nicht rechtzeitig in Algier sein, um sie abzuholen!«
»Das macht nichts. Ich wusste doch, dass du kommen würdest.«
Er spreizte nervös die Finger. Ich betrachtete sein verkrampftes Gesicht.
»Du bist müde …«
»Ein wenig schon. Ich bin die ganze Nacht durchgefahren.«
Ich beugte mich vor, um ihm den Aschenbecher zu reichen. »Rauch nur!«
Sein Gesicht hellte sich auf. Er holte ein Päckchen Gitanes hervor, zündete sich eine an und zog den Rauch mit sichtlicher Erleichterung in die Lunge, froh, etwas in der Hand zu halten. Damals rauchte man noch, ohne sich viel Gedanken zu machen, Achmed bildete da keine Ausnahme.
Inzwischen beobachtete er mich, wenn er meinte, dass ich es nicht merken würde. Sobald ich ihm ins Gesicht blickte, schaute er weg. Ich wusste, welche Fragen er sich stellte, und warum.
»Habe ich mich derart verändert?«, fragte ich mit schwachem Lächeln.
Er antwortete leise: »Dein Haar ist gewachsen.«
Ganz instinktiv machte ich eine wischende Handbewegung, um mir die Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen.
»Ja, aber es wird nie mehr so lang sein wie früher.«
Eine Weile sagten wir nichts, verstrickt in dieses zarte Spiel von Befangenheit und Erinnerung, das uns gleichzeitig lähmte und verband. Endlich brach ich das lastende Schweigen: »Erzähl mir von deiner Familie.«
»Es geht allen gut im Lager. Aber meine Mutter hat starke Schmerzen im Rücken. Sie kann sich nicht mehr aufrecht halten. Rahim bedrängt sie, dass sie ins Krankenhaus geht. Aber du kennst ja Chelifa.«
»Ja«, sagte ich, »ich kenne Chelifa!«
Abermals Stille. Achmed rauchte, schaute mich ernst und aufmerksam an. Und schon war es so weit: Ich begann wieder zu husten. Ich presste das Taschentuch auf den Mund.
»Wo – wo ist Mariama?«
Ich kannte Achmed zu gut, um nicht zu merken, wie er sich innerlich versteifte. Er verschloss sich wie eine Auster.
»Mariama geht es gut«, sagte er gepresst. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

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