Neue Zürcher Zeitung
Virtuoser Endzeitzauber
Emil Todes Roman-Début
Gerade erst ist die Heimat des Esten Emil Tode als Republik wiedererstanden, da erfassen sie die Fliehkräfte der Literatur. Das Land verschwindet, bleibt verschollen «hinter dem Holzstoss», «in einem verflossenen Jahrhundert», am «Ende der Welt». «Im Grenzland» heisst das Début des 1962 im Tallinn geborenen Emil Tode, und der Roman handelt von einer unglücklichen Liebe zur Peripherie. Das ferne Estland prangt, zwischen Plumpsklo und Plattenbau, in östlicher Archaik, der Ich-Erzähler stellt einer beklagenswerten «Verweigerung der Welt» die «eigene Verweigerung» entgegen, und am Horizont dräut ein Fin de siècle, das anno 1997 bei Tode ganz so aussieht wie das letzte.
Damals ist Rilkes «Malte» in die Moderne aufgebrochen, jetzt kehrt Emil Tode zu Rilke zurück, Maltes Maman findet sich als seelenvolles Muttchen wieder, als estnische Oma, «umgeben von wuchernden Lilien». Paris ist, einmal mehr, Moloch und Hauptstadt der Wunder zugleich. Dorthin schickt Emil Tode seinen Ich-Erzähler, der sich als Übersetzer verdingt und ein Abenteuer mit einem Literaturprofessor durch einen eleganten Mord beendet. So steht es in den Briefen, die an einen Empfänger namens Angelo adressiert sind.
Das Land im Osten, das «Pflanzenreich», taucht aus den Nebeln chronischer Ermattung ebenso auf wie die «stickigen Stuben der Kindheit» und die Affäre mit einem Priester, die der Este nach dem Muster Batailles beschreibt. Mit Motiven hat sich Emil Tode bei literarischen Wahlverwandten eingedeckt, um virtuos seinen Endzeitzauber zu inszenieren.
Am Ende ist alles wahr oder nicht wahr. Emil Todes «Grenzland» ist auch ein Niemandsland zwischen Wachen und Träumen, ein Ort, an dem der Décadent zur Allegorie eines zu Ende gehenden Jahrhunderts wird. Die Sprache Emil Todes kommt als behäbige Antiquität daher. Als Reservat versunkener Gesten und Affekte. Blass ist der Jüngling aus dem «Grenzland», und seine Anämie ist auch ein Symptom des Romans.
Verzweifelt ringt Todes Erzähler um die Rechtfertigung seiner Existenz. Er versucht sich als Revolutionär im Samtjackett, der davon träumt, «eine kleine Bombe» unterm Sitz in der Oper zu deponieren, oder fragt wie nebenbei: «Graust es dir nicht vor der Geschichte? Nicht, dass Menschen die Gurgeln durchgeschnitten wurden und immer noch durchgeschnitten werden, sondern dass das alles nichts zählt, dass der Mensch alles erträgt, alles. Übrigens in den Tuilerien blühen jetzt die Linden. Nur die Bienen fehlen noch.»
Paul Jandl
Kurzbeschreibung
Ein junger Mann aus Estland irrt durch das heutige Paris wie einst der junge Däne Malte Laurids Brigge durch das Paris der Jahrhundertwende. Mit der Sensibilität des Fremden nimmt er das Leben der Großstadt wahr, das Leben des Westens, nach dem er sich in seiner stillen, kargen Heimat gesehnt hatte. Im Grenzland ist der wie ein Prosagedicht aus Beobachtungen, Empfindungen und Phantasien gewebte Roman eines hoffnungsvollen Aufbruchs aus der erstarrten Welt des Ostens in eine erträumte Welt des Westens - und der verstörten Flucht aus dieser antagonistischen Welt.