Kein Monat ohne Jubelarie und schuld daran sind die Jungs und Mädels aus dem Hause BILDSTÖRUNG.
In steter Regelmäßigkeit befördert das junge Label diverse - mal mehr, mal weniger - obskure Perlen ans triste Tageslicht. So auch im Falle "Tras El Cristal", den man hierzulande (wenn überhaupt) als "Im Glaskäfig" kennen (und lieben) gelernt hat. Einmal mehr wird BILDSTÖRUNG seinem Namen gerecht; stellt man doch erneut das Weltbild eines jeden unbedarften Zuschauers auf den Kopf.
Villaronga schuf mit "Tras El Cristal" einen unglaublich kontroversen Film, der einem unwillkürlich das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wir wussten es schon längst, doch Villaronga trat mit seinem 1985 entstandenen Meisterwerk, das vor mehr als zwei Dekaden, genauer gesagt 1986 auf der Berlinale für einen handfesten Skandal sorgte, den endgültigen Beweis an: Der wahre Horror spielt sich ausschließlich im Kopf (oder im Falle "Tras El Cristal" ähnlich wie bei Michael Powells "Peeping Tom" im Auge) des Betrachters ab; er hat jedenfalls nichts mit frisch angerührtem Kunstblut oder ähnlichem Schnickschnack zu tun. Nein, dort, wo andere Regisseure aus bloßer Effekthascherei an der Gore-Schraube drehen, bricht der Meister, ähnlich wie es Pasolini mit seinen "120 Tagen von Sodom" oder Liliana Cavani mit "Der Nachtportier" tat, lieber mit gängigen Tabus, auch auf die Gefahr hin, mit der Zensur Probleme zu bekommen und obendrein in ein moralisch bedenkliches Licht gerückt zu werden.
Villaronga geht hierbei so ungemein geschickt vor, dass all das, was er mit seinen durchgestylten Bildern und kühlen Einstellungen zeigt, zwangsläufig noch sehr lange, wenn nicht gar Jahre nachschwingen wird - versprochen!
Sein verstörender Meilenstein in Sachen (unbequemer) ästhetischer Grenzüberschreitung (der infolge seiner Holocaust-Thematik und der einhergehenden, detailgetreuen Erzählweise auch ein kleinwenig an Stephen Kings Kurzgeschichte "Apt Pupil" aus dem Jahr 1982 erinnert) dürfte folglich all diejenigen begeistern, die Filme nicht ausschließlich als Konsum- oder Wegwerfware betrachten.
Zur Story:
"Im Glaskäfig" erzählt die von grenzenlosem und (selbst)zerstörerischem Sadismus zersetzte Lebensgeschichte von Klaus (brillant: Günter Meisner - u.a. "In weiter Ferne, so nah!"), einem vom Hals ab gelähmten, ehemaligen KZ-Arzt, der sich das Hitlersche Schreckenssystem zu nutzen machte, um seine homosexuellen Neigungen (übrigens ein von Villaronga gern aufgegriffenes Thema - siehe auch "El Mar - das Meer") an kleinen Jungs, die er letztendlich qualvoll tötete, auszuleben.
Nach dem Krieg begab sich das Monstrum von einem Menschen - zusammen mit seiner bürgerlichen Fassade" (sprich seiner Frau und seiner Tochter) - ins Exil. Dort angekommen folterte und mordete der Naziverbrecher weiter, und zwar bis zu dem Tag, als ihm der Umfang seines bis dato kümmerlichen Lebens bewusst wurde und er zum vermeintlich finalen Sprung vom Dach seiner Villa ansetzte. Der Suizidversuch scheiterte; seither befindet sich das personifizierte menschliche Ungetüm in einer eisernen Lunge und vegetiert vor sich hin.
Exakt hier setzt Villaronga an und dreht den Spieß um:
Ein geheimnisvoller, junger Mann will sich fortan als Krankenpfleger verdingen - für Klaus der Anfang vom Ende; aus dem Täter wird das Opfer und die Kamera schaut nicht weg...
Kurzum:
"Im Glaskäfig" ist eine tickende Zeitbombe, die Euer Wohnzimmer zum explodieren bringen wird. Anders ausgedrückt: Unbedingt kaufen - traut Euch!