Kurzbeschreibung
"Heute beenden wir dieses Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte." Dies stand in einem Schreiben an die Nachrichtenagentur Reuters, das am 20. April 1998 einging. Seit dem 14. Mai 1970 führte die "Rote Armee Fraktion", RAF, ihren Krieg gegen das "imperialistische System" in der Bundesrepublik, gegen die Nato und den "militärischindurstriellen Komplex". 1977 wurde zum blutigsten Terrorjahr und ging als "deutscher Herbst" als eines der bittersten Kapitel in die bundesrepublikanische Geschichte ein. Der letzte tödliche Anschlag der RAF galt dem Präsidenten der Treuhandanstalt, Detlev Carsten Rohwedder. Teil 1: Die Täter Es ist die Geschichte junger Deutscher, die im Nachkriegsmief der 50er Jahre aufwuchsen, die den Aufbruchsgeist der 60er Jahre aufsaugten und die in den 70er Jahren das bis zum bitteren Ende auslebten, was in den Köpfen der 68er herumschwirrte an Widerstandsgeist, Gewaltphantasien, Machtgier, Zukunftsangst und Lebenslust. Die Terroristen um Meinhof und Baader fühlten sich als militärische Vollstrecker einer Massenbewegung, die als lustiger Aufstand gegen den Obrigkeitsstaat und als moralischer Aufschrei gegen den Vietnamkrieg der Amerikaner und die Verdrängung der deutschen Kriegsverbrechen begonnen hatte. In der RAF gab es zwei Typen von Terroristen, die Moralisten und die Anarchisten: Die einen gaben sich aus einem selbstzerstörerischen Moralismus heraus die Lizenz zum Töten; die anderen handelten aus tiefem Haß gegen Staat, Polizei und jede Art von Obrigkeit. Für die einen steht Meinhof, für die anderen Baader. Ihr langsames Absinken in den Untergrund dokumentiert dieser Film. Teil 2: Der Staat Deutschland im Herbst 1977. Hanns-Martin Schleyer ist tot. "Stadtguerilla zielt darauf, den staatlichen Herrschaftsapparat ... außer Kraft zu setzen, den Mythos von der Allgegenwart des Systems und seiner Unverletzlichkeit zu zerstören". Das hatte die RAF in ihrem "Konzept Stadtguerilla" geschrieben. Die Bilanz nach sieben Jahren Kampf im Untergrund war erschreckend: 28 Menschen starben bei Anschlägen oder Schußwechseln, 17 Mitglieder der "Stadtguerilla" fanden den Tod. Zwei gänzlich Unbeteiligte waren bei Fahndungsmaßnahmen versehentlich von der Polizei erschossen worden. 47 Tote - 47 Namen - 47 Schicksale: Jürgen Ponto, Siegfried Buback, Hans-Martin Schleyer ... - Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin ... Die RAF war zum Monstrum geworden, unberechenbar und tödlich. Teil 3: Die Familien An Terroristen erinnern im Alltag nur noch die Fahndungsplakate in Ämtern und Behörden. Die Mordanschläge der RAF und der Bewegung 2. Juni im sogenannten "Deutschen Herbst" vor 20 Jahren scheinen Vergangenheit. Doch die Opfer von damals hatten Familien - und die Täter auch. Für diese Angehörigen wird niemals "Geschichte" was ihr Leben oft von einem Tag auf den anderen für immer veränderte. Nichts hat die hilflose Wut auf die Täter gemildert, die anstatt zur Todesstrafe, zu "goldenem Käfig" verurteilt wurden. Doch auch die Täter hatten oder haben Angehörige - Wienke Zitzlaff, heute pensionierte Schulrektorin, spricht über ihre jüngere Schwester Ulrike Meinhof. Für die Familien der Opferseite klingt jede politische Erörterung zynisch. Sie haben ihren gemeinsamen Vater, Mann oder Bruder nicht als "Vertreter des Systems" verloren; für sie wurde gemeinsames Leben durch politischen Mord abgerissen, sie selbst wurden für Jahrzehnte aus der Bahn geworfen. Teil 4: Fluchtpunkt DDR Ihre Gesichter waren auf unzähligen Fahndungsplakaten zu sehen. Fieberhaft wurde nach den Terroristen Susanne Albrecht, Silke Maier-Witt, Inge Viett und anderen gesucht, während diese nur wenige Kilometer entfernt ein zweites Leben führten, das biederer und unauffälliger nicht hätte sein können.Aus acht ehemaligen RAF- Terroristen waren brave DDR-Bürger geworden. Die Stasi versorgte sie mit einer neuen Identität und schützte sie so vor dem Zugriff der BRD. "Es war ein Kulturschock" erinnert sich etwa Ralf Friedrich an seinem ersten Arbeitstag als Gabelstapelfahrer in der Papierfabrik Schwedt. Den selbsternannten Guerillakämpfern fiel die Wandlung zum unauffälligen Genossen im "Arbeiter- und Bauernstaat" schwer. Im Frühsommer 1990 wurden sie - nach dem Fall der Mauer - verhaftet. Teil 5: Die Öffentlichkeit Heinrich Böll sprach 1972 vom absurden Krieg der sechs Terroristen gegen 60 Millionen Deutsche. Obwohl die BRD als Staat zu keinem Zeitpunkt durch den RAF- Terrorismus bedroht war, entstand in der Öffentlichkeit ein dumpfes Gefühl von Angst und Schrecken. Doch die Öffentlichkeit kam nicht durch eigene Erlebnisse, sondern ausschließlich durch die Massenmedien mit der RAF in "Berührung". Der fünfte Teil der ARD- Serie zeichnet die Entwicklung jener Massenhysterie nach. Das Berlin der 60er Jahre: Studenten gehen gegen den " Muff unter den Talaren" auf die Strasse; die Springer- Presse kontert mit "chaotischen Studentenhorden"; CSU, FDP und SPD verurteilen die APO; Strauß und Geisler polarisieren gegen den Links- Terrorismus; Heinrich Böll, Günter Grass, Günter Wallraff und viele andere mehr wurden als RAF- Sympathisanten öffentlich diffamiert. Der Politologe Iring Fetscher meint, die "krankhafte Überreaktion eines Teils der Presse habe den Terrorismus geradezu gefördert". Denn die RAF brauchte die Öffentlichkeit, um auf sich aufmerksam zu machen.