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Weh dem, der die Wahrheit sagt
Seamus Deanes Roman «Im Dunkeln lesen»
Das Licht ist gelöscht; noch aufgeschlagen das Buch, aus dessen Seiten Nachbilder aufsteigen, in der Phantasie des Lesers zu begeh- und wandelbaren Welten werden, wo er sich dem Vor-Geschriebenen auch sacht entziehen, das Geschehen nach eigenen Wünschen lenken und fortspinnen kann: der Roman entfaltete sich im Dunkeln und liess Raum für unendliche Möglichkeiten.
Diese Szene hat Seamus Deanes Roman den Titel gegeben; ihr aber stemmt sich entgegen, was das Buch selbst erzählt: eine beklemmende Familiengeschichte, deren Wucherungen im Mass, da sie sichtbar werden, den Erzähler und seine Angehörigen zu ersticken drohen. Auch diesen tastenden, die Herzen versteinernden Erkenntnisprozess bezeichnen die Worte «Im Dunkeln lesen».
Deane, 1940 in der nordirischen Stadt Derry geboren, ist ein Meister solch erzählerischer Doppelstrategie. Bisher bekannt als Lyriker und Literaturwissenschafter mit fundiertem historischem Sachwissen, entwickelt er in seinem ersten Roman eine Vision, welche die Konflikte seiner Heimat mit so viel Nuanciertheit wie Konsequenz begreift; vollkommene Trostlosigkeit ist hier seltsam aufgehoben in der Klarheit des Blicks, der Sicherheit des Ausdrucks.
Im Labyrinth des Bürgerkriegs
Dem spielerischen Umgang mit der Fiktion, den die eingangs zitierte Passage entwirft, stellt Deane noch im selben Kapitel ein anderes Literaturverständnis gegenüber. Ein Mitschüler des Protagonisten, ein Bauernsohn, gestaltet aus den paar einfachen Handreichungen und Gerätschaften einer ländlichen Mahlzeit ein sprachliches Stilleben, das die preziösen Phantasiebilder des Erzählers wie unruhige Schatten an die Wand bannt. «Also das», rühmt der Lehrer den Aufsatz, «das heisst schreiben. Das heisst, einfach die Wahrheit sagen.» Will man in der Episode eine versteckte Hommage an den «Bauernsohn» lesen, der tatsächlich in den fünfziger Jahren in Derry mit Deane die Schulbank drückte und dann 1995 den Literaturnobelpreis erhielt an Seamus Heaney nämlich , dann wird man das Urteil nicht lediglich als die Ansicht eines bornierten Schulmeisters abtun mögen. Und dass damit nicht einem kruden, vereinfachenden Naturalismus das Wort geredet wird, widerlegt Deanes Roman auf ganzer Linie, indem er die Formel des Lehrers ins Zentrum der Handlung setzt, sie aufbricht und zur komplexen Kunstform umschmiedet.
Am Postulat, «einfach die Wahrheit zu sagen», scheitert die gesamte Figurenkonstellation des Romans: eine nordirische Familie, durch die Maschinerie des Bürgerkriegs in ein Labyrinth aus Schuld und Irrtum manövriert. Die Tatsachen, die dann nach jahrelangem Schweigen aus Gerüchten, Zuträgerei, späten und unvollständigen Geständnissen destilliert werden, wirken wie aus der Retardkapsel freigesetztes Gift: Wer wen verriet, wer was verschwieg und warum solches Wissen schafft unter den Familiengliedern eine neue, unheimliche Intimität, die eins dem andern entfremdet. «Geburtstagsgeschenk» heisst eines der letzten Kapitel; der darin ausgesprochene Wunsch der Mutter an den Sohn: «Warum gehst du nicht weg?»
Die Stationen dieses Irrgangs zur Wahrheit werden fixiert in kurzen, von 1945 bis 1971 datierten Erzählsequenzen; sie zeichnen die Kindheits- und Jugendjahre eines Ich-Erzählers nach, dessen Erlebnishorizont sich zumindest teilweise mit dem des Autors decken dürfte. Der rasch springende Fokus fasst lebensweltliche Details so gut wie Fetzen von Historie und Mythos; rohe Strassenprügelei so gut wie Schulstunden, die sich zu schwindelerregenden Exempeln jesuitischer Kasuistik emporschrauben; präzise Topographien und Psychogramme, die sich doch wieder zur übers Lokale hinaus gültigen Parabel schliessen. Jenes zentrale Imbroglio, das der Protagonist erst im Lauf der Jahre entwirrt, soll hier nicht vorwegnehmend resümiert werden: entscheidend ist auch weniger dessen genaue Anlage als die Tatsache, dass darin die Fronten des Bürgerkrieges aufgelöst werden, das Potential des politischen Konflikts im Individuum und im engsten Kreis einer Familie implodiert. Rosenkriege können auch im Vorgarten geführt werden, mit Spaten und Zementsäcken: ein jämmerliches Schlachtfeld, das man so schnell nicht vergisst.
Stilleben mit Schatten
Deane setzt Figuren, Landschaften, einzelne Objekte scharf ins Bild; umgibt sie gleichzeitig mit einer flackernden Aura, die sich aus weniger greifbaren Erzählbereichen, aus dem Stoff der Volkserzählungen und der Materie der Leitmotive nährt. Aus dem Feuer etwa, das von Kapitel zu Kapitel huscht bald hinterm Kamingitter gebannt, bald in die Augen einer Sterbenden versenkt, hochlodernd im Bürgerkrieg, hämisch züngelnd, wenn die Protestanten einen katholischen «Verräter» in effigie verbrennen, qualmend und stinkend, wenn der Rattenplage im Quartier unzimperlich ein Ende gesetzt wird, zur reinen Flamme destilliert in einem gequälten Gemüt: Die Flamme bist du, und du bist die Flamme. Aber da ist trotzdem noch ein Unterschied. Das ist der Schmerz. Das Brennen.
Auch für diesen Darstellungsmodus findet sich die Vorlage in jener Schulstunde, da der Protagonist die realistische Schilderung seines Schulkameraden gegen die eigenen Phantasmagorien aufmisst. Unversehens beginnen sich die Szenerien zu überlagern:
Und trotzdem fielen mir die beiden immer wieder ein, Mutter und Sohn, wie sie in dem flämischen Interieur dieses Aufsatzes warteten, mit dem Krug Milch und der Butter auf dem Tisch, während hinter und über ihnen diese zerbrechlichen vermummten Gestalten aus der Rebellion standen, zischelnd über dem lodernden Feuer und unter dem sehnsüchtigen hohen Wind.
In Deanes Schreiben bleibt dann beides präsent: das Stilleben und die ruhelosen Schatten. Aus dem Fensterrahmen im Treppenhaus, der normalerweise den Blick gleich auf die Ewigkeit Kathedrale und Himmel lenkt, kann plötzlich Dunkelheit ins Haus treten, die ein «spinnwebfeines Zittern» durch die Räume sendet. Füsse in blanken, in schrundigen, in quälend engen Schuhen, die der Erzähler unterm Küchentisch verborgen beobachtet, übersetzen das Sterben seiner kleinen Schwester in einen langsamen, schleifenden Tanz; mit roten Schleifen im Haar wird das Mädchen, Wochen nach seinem Tod, an einem nassen Herbstabend zwischen den Grabsteinen stehen. In den Kleidern des Vaters, der am Hafen arbeitet, hängt «das Aroma von Horizonten, an denen Schiffe zu Staubkörnchen schrumpften und verschwanden»: so dass seine allabendliche Heimkehr wie ein kleines Wunder erscheint. Ein Büschel ausgekämmter Haare kann sich unter der Hand mit unheimlichem Leben aufladen, eine kleine und bösartige Spannungsdosis entsenden, die durch den Leib des Erzählers wandert, «auf der Suche nach einem Platz zum Ausruhen, einem Nest, worin sie sich niederlassen und gedeihen könnte».
So gewinnt jeder Gegenstand, jede Figur in diesem Roman eine eigene Identität und Geschichte: zahllose Wahrheiten, die sich neben und über der reductio, die sich durch die zentrale Wahrheitsfindung vollzieht, behaupten. Und so führt Deane am Ende auf die erste Lesart seines Titels zurück: durch das magische Prisma der Darstellung, die «unendlichen Möglichkeiten», welche wenigstens die Literatur dem Leben abzugewinnen weiss.
Angela Schader
Ein geisterhafter Schatten nistet im Treppenhaus, ein Schatten, den nur die Mutter spürt und der die Herzen versteinert. Ein aufgeweckter Halbwüchsiger entdeckt das düstere Geheimnis seiner Familie, das die Mutter in den Wahnsinn treibt, da sie es nicht verraten darf. Den Vater aber, wüsste er die ganze Wahrheit, würde es umbringen.
Eine Geschichte von Mord, Verrat, Schuld, Angst und Scham.
»Ein überwältigendes, brillantes Buch.«
Seamus Heaney»
Im Dunkeln lesen ist ein poetisches Buch, ohne jede Süßlichkeit, wunderbar übersetzt, von einer Schlichtheit, die alles andere als simpel ist.«
Die Zeit
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.