Als Kim Jong Ryul am 18. Oktober 1994 in Bratislava verschwand deuteten alle Zeichen darauf, dass der nordkoreanische Oberst einem Raubmord zum Opfer gefallen ist. Doch tatsächlich tauchte Kim Jong Ryul unter und setzte sich nach Linz in Oberösterreich ab. Dort war er von da an nur noch als Herr Emil bekannt. In Nordkorea wurde der scheinbar ermordeten Oberst zum Helden erklärt. Als Ingrid Steiner-Gashi im März des Jahres 2007 als Sportjournalistin getarnt das fragwürdige Vergnügen hatte zur Eishockey-Weltmeisterschaft (Division II) der Damen nach Pjöngjang zu reisen versuchte die Journalistin mehr über dieses fremde und völlig isolierte Land zu erfahren, was den nordkoreanischen Behörden nicht verborgen blieb und wohl in einem Einreiseverbot für Steiner-Gashi endete. Doch Steiner-Gashis Nordkorea-Episode, die in einer Reihe von Artikeln gipfelte sollte damit nicht vorbei sein, als sich 2009 über einen Mittelsmann "Emil" an sie wandte. Soviel zur Vorgeschichte von "Im Dienste des Diktators".
Nach 15 Jahren im Untergrund hat sich Emil entschieden auszupacken, auch weil sich die Diktatur in Nordkorea als überlebensfähiger erwiesen hat als der Ex-Oberst 1994 dachte. Das kleine Vermögen mit dem sich Emil damals absetzte ist seitdem natürlich nicht gewachsen und so langsam stellte sich die Frage, ob er mit dem Schritt an die Öffentlichkeit nicht doch ein Scherflein zum möglichen Niedergang des Regimes beitragen könnte. Nach über einem Jahrzehnt in dem Kim Jong Ryul als Held betrachtet wurde, ist es wohl auch wahrscheinlicher dass man dessen Familie nun trotzdem unbehelligt lassen würde und nicht in Sippenhaft ins Arbeitslager werfen würde, wie die Familien anderer vor dem Regime geflüchteter.
Was Emils Geschichte zu etwas besonderem macht ist dass er im japanisch besetzten Korea aufgewachsen ist und als wertvoller Zeitzeuge den Aufstieg von Nordkoreas Partei der Arbeit miterlebte. Darüber hinaus gehörte der talentierte junge Mann zu einigen der wenigen Nordkoreaner die im befreunden kommunistischen Ausland studieren durften, sprich der DDR, wo sich Kim Jong Ryul seinen Spitznamen Emil aneignete und zum besten Deutsch sprechenden Nordkoreaner avancierte. Emils Deutschkenntnisse sollten sich für seinen weiteren Lebensweg als Türöffner erweisen, zunächst als Übersetzer technischer Handbücher für den Fuhrpark des geliebten Führers und seiner Familie, später als einer der "Einkäufer" im deutschsprachigen Raum. Nordkoreanische Agenten haben sich wohl nicht nur im fernen Pakistan Nukleartechnologien angeeignet, sondern trotz UN-Embargo auch in Mitteleuropa gute Geschäfte mit deutschen und österreichischen Firmen getätigt. Wie dieses Beschaffungsnetzwerk funktionierte und nach wie vor funktioniert, legt Emil dar.
Anhand Kim Jong Ryuls Beispiel verknüpft Ingrid Steiner-Gashi dessen Lebens- mit der nordkoreanischen Landesgeschichte. Somit ist es nicht bloß die Biografie eines Renegaten sondern eine Innenbetrachtung des nordkoreanischen Systems, von seinen Anfängen bis heute. Dass Emils Fall anlässlich der Buchpräsentation auch internationale Aufmerksamkeit erlangt hat ist in diesem Zusammenhang sicher erfreulich. Doch an einem Kollaps Nordkoreas ist derzeit niemand ernsthaft interessiert, wie Autorin und Emil am Ende des Buchs resümieren. Südkorea scheut die Kosten einer Wiedervereinigung, wovon das deutsche Beispiel der Wiedervereinigung abgeschreckt hat, China fürchtet die durch den Niedergang des Regimes zweifellos einsetzenden Flüchtlingswellen.
Vize-Direktor der Abteilung 4 Fuhrpark, Personenschutz in der Sektion 1 des Hauptquartiers - Emil war kein Niemand in Nordkorea, doch er wie selbst die höchsten Minister waren stets der Willkür de Diktators ausgeliefert und konnten sich nie sicher sein, ob der nächste Tag nicht schon ihr letzter wäre. Neben dieser immanenten Furcht prägt das Leben aller Nordkoreaner nur eines, der Hunger, ein steter Begleiter des unterernährten Volks, das nichts davon wissen darf dass seine Herrscherfamilie in unterirdischen Prachtvillen feinste Speisen diniert und mit westlichen Luxuswagen fährt, während die Landbevölkerung kaum besser lebt als in Kim Jong Ryuls Kindheit.
Fazit:
Ein Leben das für die Geschichte eines ganzen Landes steht.