"Der Islamismus und sein revolutionäres Geschwür haben sich auf diesem Nährboden der Erinnerung und des Scheiterns ausgebreitet. Wenn nichts funktioniert hat, so deshalb, weil uns nichts gehörte und uns alles vom Ausland oktroyiert wurde. Höchste Zeit, dass wir zum Glauben unserer Väter zurückkehren! Auf diese Weise werden wir zur Größe und zum Ruhm der Vergangenheit zurückfinden. Ganz wie es die ägyptischen Muslimbrüder während der Wahlkampagne verkündeten: Der Islam ist die Lösung.", so beschreibt der israelische Historiker Elie Barnavi in seinem Buch Mörderische Religion (Seite 113) das Phänomen des Islamismus, der die arabische Welt scheinbar fest in im Griff hat.
FOCUS Nahost-Redakteur Wolfram Eberhardt ist seinen Lesern durch fundierte Artikel zum Irak-Krieg und Geschehnissen im Nahen Osten durchaus ein Begriff. Als einer der wenigen Araber-Versteher hat er sich 5 Jahre nach 9/11 am 11. September 2006 auf eine etwas längere Nahostreise begeben und bis 9. November Ägypten, Israel/Gaza, Jordanien Syrien, sowie den Libanon besucht, um dort mit Islamisten, Dschihadisten und einfachen Gläubigen ins Gespräch zu kommen.
"Wer dieses Buch liest, wird sich vielleicht beschweren, dass hier nicht der Islam in seiner Gänze erfasst wurde. Ja, das stimmt. Ich habe keine Reise zu einem friedliebenden Sufi-Orden unternommen, habe kaum westlich orientiere Islam-Reformer besucht, keine weichspülenden Offiziellen der arabischen Regierungen kontaktiert. Meine Reise führt in Bereich des Islam, die das friedliche Zusammenleben zwischen Orient und Okzident gefährden." (Seite 10)
Und aus westlicher Sicht sind diese Bereiche des politischen Islam leider jene, welche die wirkliche Macht inne haben. Anscheinend ohne Ausnahmen sind in freien Wahlen bisher immer die Islamisten an die Macht gekommen, was im Falle der Hamas, zuletzt auch zu einem Stopp der Auslandshilfen für die palästinensische Autonomiebehörde führte. Nach Skandalen um Amtsmissbrauch und Korruption von Fatah-Angehörigen konnte sich die Hamas als volksnahe und islamischere, da ethischere und moralisch korrektere Alternative anbieten. Gekonnt in Szene gesetzt zahlte der Hamas-Finanzminister sogar einige Schulden zurück, während sein Amtsvorgänger solche nur angehäuft hatte.
Fern westlicher Illusionen bezeugt Wolfram Eberhardt am Beispiel Ägyptens etwa, dass die schlagkräftigste Opposition bei den Muslimbrüdern zu finden ist, während die wünschenswerten westlich gesinnten, säkularen demokratischen und pluralistischen Bewegungen es entgegen ihrer Beteuerungen allerdings kaum zu wahren Massenbewegungen gebracht haben. Ägypten selbst ist in einem Spannungsfeld der Interessen gefangen, denn einerseits profitiert es stark von US-Militärhilfe, versucht sich aber anderenseits auch um eine Führungsrolle in der arabischen Welt zu bemühen, die noch auf Gamal Abdel Nasser zurückgeht, der bekanntermaßen im Sechstagekrieg eine geeinte arabische Front gegen Israel aufbieten wollte. Die politische Bedeutung Ägyptens als Sitz einiger arabischer und panarabischer Organisationen geht jedoch auch auf die bedeutende Al Azhar Universität zurück, die als älteste Universität der Welt zugleich auch maßgeblich für islamische Rechtssprechung und Glaubensfragen gilt.
"Meine Reiseerfahrungen haben mich gelehrt, dass das so genannte Terrornetz kein rein militärisches, sondern ein sozialreligiöses ist. Die Kämpfer der Hamas sind keine gesellschaftlichen Außenseiter, wie einst die deutschen RAF-Terroristen, sie sind fest verankert inmitten der Gesellschaft." (Seite 123)
Selbst moderate Muslime, die sich vielleicht auch noch westlich kleiden, sind stärker mit dem Islam verbunden als die meisten Europäer mit ihrer Religion. Die sozioreligiösen Vorgaben des Islam beeinflussen auch diese Gläubigen mehr man vielleicht erwartet, das oft beschworene, schweigende Heer der Moderaten existiert nicht nach westlichen Maßstäben. Im Gegensatz zum Evangelium bietet der Koran gesellschaftliche Rahmenbedingungen, ist also umfassender und prägender. "In der Religion gibt es keinen Zwang ", lautet Sure 2 Vers 256, doch ist es Christen und Juden mit ihren "Religionen des Buches" nur erlaubt als Dhimmi, Schutzbefohlene, unter Muslimen zu leben, sofern sie eine Kopfsteuer berichten und sich unterordnen zu wissen. Ein offensiver Dschihad im Stile Al Qaidas wird von vielen Muslimen abgelehnt, doch laut Rechtsgelehrten ist eine Verteidigung mit allen Mitteln legitim, um Muslime auf muslimischen Boden zu verteidigen, wobei daraus auch abgeleitet werden kann, Muslime überall auf der Welt, mit allen Mitteln verteidigen zu dürfen, sollten diese durch nationalstaatliche Rechte in ihrer Freiheit beschränkt werden.
Wolfram Eberhardt hat mit Persönlichkeiten wie Mohammed, Habib, dem stellvertretenden Führer der Muslimbruderschaft in Ägypten oder auch Muhammad Sayyid Tantawi, dem Großscheich und Vorstand der Al Azhar-Universität gesprochen, aber auch Familienangehörigen von Märtyrern oder Hamas-Politikern. Aber nicht nur die Gespräche fördern Interessantes ans Tageslicht, sondern auch Eberhardts zusätzliche Bemerkungen, wie die Versorgung von Angehörigen der Selbstmordattentäter, die nicht nur Geld sondern auch hohes Ansehen erhalten. Oder dass bereits in arabischen Schulbüchern der Koran als historische Wahrheit wahrgenommen wird und in der neueren Geschichte ein gehöriger Antisemitismus mitschwingt, der später nur noch schwer zu überwinden ist. Den Koran im historischen Kontext zu sehen und zu hinterfragen wagen die Gelehrten bestenfalls hinter verschlossenen Türen, denn es ist lebensgefährlich, sollte man diesen Frevel öffentlich begehen. Dass es allerdings notwendig ist, den Islam zu reformieren und zu modernisieren, kann nur gelingen, wenn man beginnt von der wortwörtlichen Auslegung abzugehen und in einer Art islamischer Aufklärung eine Neuinterpretation vorzunehmen, wie es auch Wolfram Eberhardt nahe legt und hinzufügt, dass ein kultureller Dialog nur möglich sein kann, wenn auch die Muslime zu Entgegenkommen bereit sind, um Gräben zu überbrücken.
Fazit.
Ein lesenswerter Reisebericht, dem es durchwegs gelingt Islamismus in einem neuen Licht erscheinen zu lassen, so dass man die Kontraste und Abstufungen besser erkennt.