Beim Lesen hat man ihre Stimme im Ohr. Diese warme, weiche, erotische Stimme ... Hannelore Elsner, die Grande Dame im deutschen Kino, Fernsehen und Theater, ausgezeichnet mit allen wichtigen Preisen, hat ein sehr, sehr lesens - und liebenswertes Buch über ihr bewegtes Leben geschrieben.
Fast zärtlich erinnert sie sich an das wilde, lebenshungrige Mädchen, daß in Oberbayern zunächst bei den Eltern und nach dem allzu frühen Tod ihres geliebten Vaters im Alter von acht Jahren bei den Großeltern aufwuchs. Drei Jahre zuvor hatte sie schon den frühen Tod ihres älteren Bruders und Beschützers verkraften müssen. Die Schwarz-Weiß-Fotos auf den Buchdeckeln zeigen Hannelore an der Hand des großen Bruders Manfred. Bei der Oma hat sie ein neues Zuhause gefunden. Die Oma war eine wunderbare Geschichtenerzählerin und eine warme, herzliche Frau. Mit ihr war sogar der Kirchenbesuch schön. Sie verstand zu leben und das Leben so anzunehmen, wie es nun mal war. Diese Einstellung hat auch sicher der Elsner später Kraft in den schweren Stunden ihres Lebens gegeben.
Das Mutter-Tochter-Verhältnis war dagegen zeitlebens gespannt. Ihre Mutter habe immer alles schöngeredet und unter den Tisch gekehrt, was ihr nicht passte. Drüber kamen schöne Tischdecken. Als verlogen und unecht hat die Elsner dieses Verhalten und das Verhältnis zueinander empfunden. So ist es nicht weiter verwunderlich, daß die Mutter bei ihrer ersten Preisverleihung nicht eingeladen war. Mit ehrlichem Bedauern und tiefer Trauer entdeckt sie nach dem Tod der Mutter ein eigens für diesen Anlass gekauftes und ungetragenes Abendkleid im Kleiderschrank.
Ihre Schulzeit war geprägt durch zahlreiche Schulwechsel und unzählige Gebote und Verbote hinter den hohen Mauern eines streng katholischen Mädcheninternats. So flüchtete sich der pubertierende Teenager rasch in die ungestörte Dunkelheit der Kinosäle und entwickelte eine Vorliebe für französische Filme und Jazzmusik. Die Filme von Truffaut und Godard hatten es ihr besonders angetan. Erste Leinwanderfahrungen machte sie im Alter von 16 Jahren in Istanbul. In München, Berlin und Wien spielte sie Theater. Große Popularität erlangte sie ab 1994 als Titelfigur der ARD Serie Die Kommissarin", die 15 Jahre lang produziert wurde. Sie hat in über 150 Fernseh- und Kinoproduktion"n mitgewirkt. Zu den berühmtesten Kinoproduktionen gehören Alles auf Zucker" von Dani Levy, "Kirschblüten Hanami" von Doris Dörrie und vor allem "Die Unberührbare" von Oskar Roehler. Sie gehört zu den wenigen Schauspielerinnen, die eine ebenso große Theater- wie Leinwandkarriere hingelegt haben. Dabei war sie stets stolz und eigen-sinnig, immer auf der Suche nach außergewöhnlichen Rollen, obwohl sie sich selbst als entsetzlich naiv und schüchtern erlebt hat.
Mit großem Respekt und einem Herzen voll Liebe blickt sie zurück auf die wichtigen Männer in ihrem Leben. Mit Fritz, der ersten großen Liebe, hat sie überall geheime Orte und Verstecke gesucht, um Liebe und Leidenschaft entwickeln zu können. Die erste Ehe mit 22 Jahren, um endlich erwachsen zu werden. Die lebenslange Liebe zum Theaterregisseur Alf Brustellin, der viel zu früh durch einen Unfall starb. Dem erst kürzlich überraschend verstorbenen Bernd Eichinger, mit dem sie drei glückliche Jahre verlebt hat, widmet sie ein eigenes Kapitel. Nur Dieter Wedel, den Anderen", den Vater ihres geliebten Sohnes Dominik, erwähnt sie lediglich mit einem einzigen Satz. Ihr Sohn nimmt großen Raum ein, nicht nur im Leben, auch in den Erinnerungen. Im Erzählen schäumt sie über vor Mutterliebe und Beschützerinstinkt. Die schwierigen Umstände seiner viel zu frühen Geburt lassen sie an physische und psychische Grenzen stoßen. Doch sie kämpft wie eine Löwin um ihr Junges.
In der Schauspielerei findet sie auch in diesen schweren Stunden Kraft zum Weitermachen. In der Filmcrew bzw. im Theaterensemble findet sie die Familie, die sie nie hatte. Das Spielen lehrt sie Achtsamkeit dem Leben gegenüber. Ihre zahlreich erlittenen Verluste und die Trauer, die schon früh zu ihrem Leben gehörten, geben ihr die Wärme und Tiefe, die uns Zuschauer so berührt. Wegen ihrer herzlichen Ausstrahlung, Sinnlichkeit und Lebensfreude gehört sie zu der seltenen Spezies, die von Männern und Frauen gleichermaßen geliebt wird.
Mit ihrer ausdrucksstarken Mimik und dem Timbre ihrer mal zärtlichen, mal hoch erotischen Stimme spielt sie virtuos auf der Klaviatur menschlicher Emotionen. Ihre enorme Wandelbarkeit und die ungeheure Bandbreite ihres Spiels haben ihr die unterschiedlichsten Rollen beschert. Für ihre zahlreichen Lesungen wünscht sie sich eine Feinjustierung des Mikrofons, so daß der Zuhörer ihr Herz hört. Ich habe ihr Herz "Im Überschwang" lesend und staunend, mal berührt und mal betroffen, aber immer fasziniert, zwischen den Zeilen ihrer wunderbaren Autobiografie gefunden.