Mit der "Deutschen Kriegsgeschichte" von Guntram Schulze-Wegener liegt endlich eine moderne Überblicksdarstellung der militärischen Auseinandersetzungen der "Deutschen" vor, die schon lange ein Desiderat der Forschung gewesen ist. Zur Qualität des Buches trägt bei, daß der Autor nicht nur promovierter Historiker, sondern darüber hinaus Herausgeber der renommierten Zeitschrift "Militär und Geschichte" ist, die es sich seit geraumer Zeit zur Aufgabe gemacht hat, Militärgeschichte populärwissenschaftlich darzustellen.
Schulze-Wegener läßt seine Studie mit dem Kampf des Arminius gegen die römische Fremdherrschaft beginnen und macht damit deutlich, daß für ihn mit dem Freiheitskampf der Germanen "deutsche" Kriegsgeschichte beginnt. Zurecht, jedoch muß der Rezensent an diesem Punkt (Was versteht der Autor unter "deutsch"?) auch verhalten Kritik üben. Das Buch ist zu sehr auf Preußen bzw. das Deutsche Reich fixiert, Österreich - als deutscher Staat - wird nur als Gegner Preußens und ansonsten stiefmütterlich abgehandelt.
Positiv ist anzumerken, daß der Autor den Leser konsequent mit Thesen- und Theoriegedöns verschont, welche dem Thema nicht nützen und viel eher die Spielwiese des Zitierkartells "verbeamteter" Historiker in den Elfenbeintürmen der Universitäten, Stiftungen, Institute usw. bildet, deren Veröffentlichungen daher auch folgerichtig in wissenschaftlichen Bibliotheken verstauben.
Interessant und schlüssig lesen sich die einzelnen Kapitel, hervorzuheben sind hier Schilderungen der Waffen- und Taktikentwicklungen. Frappant ist immer wieder, wie sehr der Krieg den technologischen Fortschritt antreibt. Heraklits Satz vom Krieg als Vater aller Dinge wird erneut bestätigt.
Der Schwerpunkt des Buches liegt eindeutig auf dem 20. Jahrhundert, was nicht verwundern kann, da beide Weltkriege militärisch und politisch einschneidende Ereignisse waren. Wohltuend hebt sich Schulze-Wegener von anderen Historikern ab, die noch vom deutschen Sonderweg schreiben. Im Kapitel zu den Kolonialkriegen relativieren sich im Vergleich mit Aktionen anderer Mächte angebliche deutsche Verbrechen von selbst. Er spart aber auch nicht mit Kritik, wo sie angebracht ist. Beim Einmarsch ins neutrale Belgien kam es 1914 zur Erschießung von Zivilisten, die im Verdacht standen, Partisanen gewesen zu sein. Hier wäre ein Verweis auf die Erfahrungen des Krieges 1870/71 angebracht gewesen, in denen Franctireurs zum ersten Mal massiv und völkerrrechtswidrig ins Kriegsgeschehen eingriffen. Diese Auswüchse wollte die deutsche Militärführung 1914 von vornherein unterbinden. Überhaupt scheut sich der Autor nicht, auch Verbrechen an Deutschen zu erwähnen und hebt sich damit wohltuend von anderen Kollegen seines Faches ab. Schulze-Wegener findet in der Geschichte eine Vielzahl von traditionswürdigen Handlungen deutscher Soldaten, die alle aufzuzählen zu weit gehen würde. Der Leser soll hier ruhig selbst auf Entdeckungsreise gehen. Daher ist es dann doch verwunderlich, daß er sich im abschließenden Kapitel über die Bundeswehr (das Bundesheer Österreichs ist natürlich kein Thema) beinahe unkritisch mit ihrem Traditionsverständnis auseinandersetzt. Mittlerweile gibt es keine Mölders- oder Kammhuber-Kaserne mehr, selbst Rommel als Namensgeber hat inzwischen Schwierigkeiten. Schulze-Wegener sollte erwägen, sein Buch höchsten Bundeswehrkreisen vorzulegen, damit diese Bilderstürmerei endlich ein Ende findet.