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Jedenfalls ist das der Punkt, den uns Stephen Jay Gould mit seinem Buch Illusion Fortschritt nahebringen möchte: Eine zielgerichtete Evolution hat es nicht gegeben. Die Arten auf diesem Planeten entwickeln sich durchaus nicht automatisch hin zu "höheren" Lebenwesen. Und überhaupt: Wie steht es mit den aberbilliarden Bakterien, die die Erde von den Eiskappen bis in die Tiefsee besiedeln?
Gould versucht, die Menschen von ihrem letzten Sockel zu holen. Und er tut dies mit einleuchtenden Argumenten: Weil die Triebkraft der Evolution die zufällige Variation der Arten ist, entstehen neben einfachen Wesen eben auch komplexere wie die Menschen. Aber eben nicht, weil die Natur dem Trend gehorcht, immer komplexere Wesen hervorzubringen, sondern einfach, weil das eben auch geht. Warum sollte die fruchtbare Natur eine ökologische Nische nicht auch mit Mehrzellern besetzen, wenn sie keinen stören?
So sind Pflanzen, Insekten, Säugetiere und Menschen nur eine zufällige Variation des Prinzips "Leben" -- und der Homo sapiens durchaus nicht die Krone der Schöpfung, sondern nur eine Spielart derselben. Wir können zwar zum Mond fliegen, aber zum Beispiel nicht in hundert Grad heißen Quellen überleben oder uns von Steinen und Hitze ernähren wie manche Bakterienarten, denen Gould flugs die Schöpfungskrone aufsetzt: Seit Jahrmilliarden überleben Bakterien -- das zeigt, daß das Konzept "Bakterium" das eigentliche Erfolgsrezept des Lebens ist.
Belegen kann der Geo- und Zoologe Gould seine Sicht der Dinge mit allerlei Beobachtungen seiner Forschungskollegen und nicht zuletzt mit vielen Baseball-Statistiken, die er geduldig -- zum Teil bis an die Grenze der Penetranz -- erklärt. Leider nur schwer verdaulich für Europäer, findet doch die begeisterte amerikanische Baseball-Kabbalistik hier nur wenig Echo.
Dennoch: Vielleicht ist Goulds Griff zum Baseball sogar einer der Pluspunkte dieses Buches. Denn wenn Gould die wesentlichen Ideen hinter der Evolution anhand des sinkenden Trefferdurchschnitts der "Batter" (die mit dem Baseballschläger) erklären kann, zeigt das, daß die Konzepte, die hinter der Entwicklung des Lebendigen stehen, auch anderswo greifen: Vermutlich sogar in der Entwicklung der Wissenschaft, der Musik und der bildenden Künste.
Illusion Fortschritt ist nicht nur Biologieinteressierten ans Herz zu legen, sondern auch Geisteswissenschaftlern und Feuilletonisten. Die dürften sich zwar daran stören, daß Gould das Auftreten von Intelligenz und Bewußtsein für einen grandiosen Zufall hält, doch keine Sorge: Hier schießt Gould über sein Ziel hinaus und man darf getrost anderer Meinung sein. --Stefan Albus
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
25 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Evolution als statistischer Trend,
Von
Rezension bezieht sich auf: Illusion Fortschritt. Die vielfältigen Wege der Evolution (Gebundene Ausgabe)
Gould versucht in seinem Buch zu zeigen, dass die biologische Evolution entgegen der landläufigen Meinung keinen Trend zum Fortschritt zeigt. Die Evolution kann zwangsläufig nur bei den Lebewesen mit der geringsten Komplexität beginnen. Dies sind die Bakterien. Von dort aus kann sie sich nur in Richtung zu immer größerer Komplexität ausbreiten. Gould fasst diese Entwicklung als statistischen Trend auf, dessen Schwankungen nicht nur in Richtung größerer Komplexität ablaufen, sondern auch Rückentwicklungen mit sich bringen. Als Beispiel dafür nennt er Parasiten, die meist Simplifizierungen der Tiere sind, bei denen sie schmarotzen. Unter diesen Gesichtspunkten wurden Entwicklungslinien bisher teilweise falsch interpretiert. Sehr ausführlich diskutiert er die Evolution der Pferde, bei der immer wieder ein Trend zur Zunahme der Körpergröße und Ausprägung bestimmter morphologischer Merkmale gesehen wurde. Gould weist anhand des sehr umfangreichen Datenmaterials überzeugend nach, dass die Entwicklung der Pferde von so vielen Zufällen abhing, dass an deren vorläufigem Ende auch ebensogut eine kleinwüchsige Art mit einer anderen Morphologie hätte stehen können. Die einzige Lebensform, die die Jahrmillionen relativ unverändert überdauert hat und auch noch in Zukunft weiter Bestand haben wird, ist diejenige mit der geringsten Komplexität und der größten Individuenzahl: die Bakterien. Alle komplexeren Lebewesen kommen gemäß einer schiefen statistischen Verteilung in geringerer Zahl und mit der entsprechenden Variationsbreite vor. Aufgrund dieser Überlegungen, würde die Evolution auf der Erde ein zweites Mal völlig anders ablaufen. Im Gegensatz dazu sieht Gould in der Entwicklung der menschlichen Kultur einen aktiven Trend, der durch unsere bewusste Weitergabe von einmal Erlerntem zustande kommt.Zunächst halte ich die von Gould diskutierte statistische Betrachtung der Komplexität in Abhängigkeit von der Individuenzahl für nicht besonders überzeugend. Es ist eine triviale Erkenntnis, dass kleine Objekte immer zahlreicher vorkommen als große und dass sie zwangsweise eine geringere Komplexität besitzen als große. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass etwa Sandkörner weit häufiger anzutreffen sind als Steine und diese wieder häufiger als Felsbrocken. Für die Komplexität gilt das umgekehrte, nämlich dass Felsbrocken eine komplexere Zusammensetzung haben als Sandkörner. Da komplexe Lebewesen schon für sich aus Billionen von Zellen bestehen, erhebt sich die Frage, ob es überhaupt zulässig ist, die Zahl der Bakterien mit der Zahl der komplexen Lebewesen zu vergleichen oder ob man sie nicht vielmehr der Gesamtzahl der Eukaryontenzellen gegenüberstellen muss. Wie brauchbar Goulds Betrachtungen letztlich sind, lässt sich nicht genau sagen, denn wir kennen bisher nur die eine Evolution. Sicherlich hat er recht, was die Entwicklung der Pferde betrifft. Aber wenn man seinen Blick nicht auf die Details richtet, sondern die Entwicklung im Großen verfolgt, so kommen doch Zweifel an seiner Einstellung auf, dass die Evolution ein zweites Mal völlig anders verlaufen würde. Denn es gibt offensichtlich Zwangszüge, die durch die physikalisch-chemischen Randbedingungen festgelegt sind, oder Lösungen, die für das Leben so immense Vorteile darstellen, dass sie mehrfach entstehen konnten oder - einmal entstanden - erhalten blieben. Beispiele hierfür wären Sinnesorgane und Nervensysteme. Auch die Existenz von konvergenter Evolution - z.B. bei den Buntbarschen des Malavi- und Tanganjika-Sees - belegt, dass es offensichtlich ähnliche Verläufe in der Evolution geben kann, die nicht auf Zufällen beruhen können. Und was heißt es schon, dass die Entstehung des Menschen ein einmaliger Zufall war? Muss man deshalb annehmen, dass die Entwicklung eines Kultur schaffenden Lebewesens sonst unmöglich gewesen wäre? Wohl kaum. Denn diese Lebewesen hätten sich sicher ebensogut aus den Dinosauriern entwickeln können, wenn diese nicht durch eine geologische und kosmische Katastrophe ausgelöscht worden wären. Niemand würde behaupten, dass die Evolution ein zweites Mal zu denselben Lebewesen führen müsste, aber müsste tatsächlich daraus folgen, dass sie nicht wieder zu Lebewesen führen könnte, die die ganze Variationsbreite von Funktionalität wie die heutigen Lebewesen entwickelt hätten? Und müssten nicht diese Lebewesen nur aufgrund der Funktionalität und der Randbedingungen unseren heutigen Lebewesen morphologisch ähnlich sein? Leider schweigt Gould sich darüber aus. Trotzdem ist das Buch sehr lesenswert, räumt Gould doch zumindest mit dem gängigen Klischee des Fortschritts bzw. der Entwicklung zum "Besseren" in der Evolution auf. Gould's fesselnder und klarer Stil macht das Lesen zu einem Vergnügen. Er wendet seine Überlegungen zudem in einem Exkurs auf einen statistischen Trend beim amerikanischen Baseball an und stellt den gängigen Interpretationen seine eigene gegenüber. So erfährt man nebenbei auf amüsante Weise gleich etwas über diese in Europa eher unbedeutende Sportart. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
33 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Zu viel geplaudert,
Von
Rezension bezieht sich auf: Illusion Fortschritt: Die vielfältigen Wege der Evolution (Taschenbuch)
Das Buch besteht im Grunde aus einer einzigen Feststellung: "Der Evolution wohnt kein Drang zu immer weiter fortschreitender Komplexität inne; bestimmend für das Leben waren und sind die Bakterien. Bestenfalls hat sich die Variationsbreite vergrößert." Das ist hochinteressant - aber viel mehr steht in dem ganzen Buch nicht drin! Statt über die Konsequenzen nachzudenken, wird die eine These ständig wiederholt und illustriert. Die Hälfte des Buches besteht aus Weisheiten über Baseball, die vor allem für europäische Leser wenig zum Thema beitragen. (Überträgt man sie auf den Fußball, werden sie zudem noch banal, denn das leuchtet jedem sofort ein: wenn es heute keinen Gerd Müller mehr gibt, der 40 Tore in einer Saison schießt, liegt das nicht daran, daß die Spieler schlechter, sondern daß sie besser geworden sind.)Aus einem Satz ein Buch zu machen: daran erkennt man den professionellen Sachbuchschreiber.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Neue Sichtweisen auf Altbekanntes,
Von
Rezension bezieht sich auf: Illusion Fortschritt: Die vielfältigen Wege der Evolution (Taschenbuch)
Stephen Jay Gould (1941-2002) war ein Amerikanischer Paläontologe, Geologe und Evolutionsforscher, der mit revolutionären Thesen und einer Reihe populärwissenschaftlicher Bücher immer wieder im Blick der Öffentlichkeit stand.Mit Illusion Forschritt" versucht Stephen Jay Gould das in den Köpfen der breiten Bevölkerung und auch vieler Wissenschafter verankerte Bild von der Evolution der Lebewesen als ständig in Richtung höherer Komplexität gehenden Trend zu demontieren. Dazu bedient er sich einer bestechend logischen und durch empirische Daten gestützten Argumentation. Der erste Teil des Buches ist grundlegenden statistischen Betrachtungen gewidmet. Er beschreibt die Charakteristika von Normalverteilungen und erläutert Begriffe wie Mittelwert, Median und Modus. Darüber hinaus geht er vor allem auf rechts- und linksschiefe Normalverteilungen ein und führt den Begriff der Wände ein (mathematisch erstrecken sich Normalverteilungen in beide Richtungen gegen unendlich, in der Realität hingegen sind der Abweichung vom Mittelwert jedoch Grenzen gesetzt, welche Gould als Wände" bezeichnet). Dieser Teil des Buches bietet für statistisch Vorgebildete wenig Neues, für den Vollkommenen Laien, ist die Darstellung gerade ausreichend, um den Rest des Buches ohne Verständnisschwierigkeiten Lesen zu können. Der gesamte zweite Teil des Buches beschäftigt sich, was bei einem Buch über Evolutionstheorie eher zu verwundern mag, mit Baseball. Beim amerikanischen Profibaseball, ist der Trefferschnitt von 0,400 (das bedeutet ein Schläger trifft im Saisondurchschnitt mindestens 40 % Prozent der Bälle) seit 1941 von keinem Spieler mehr erreicht worden, obwohl dies davor keine Seltenheit war. Gould versucht nun aufzuzeigen, dass dies nicht an einer VerSCHLECHTERUNG der Schlagleistung liegt, sondern im Gegenteil an einer VerBESSERUNG der Spielqualität. Er zeigt auf, dass sich das Baseballspiel ständig verbessert hat und - jetzt kommt das zentrale Thema des Buches ins Spiel - die Verschlechterung der Schlagleistung kein Trend in irgendeine Richtung ist, sondern das Produkt einer abnehmenden Variationsbreite, während sich das Gesamtsystem in die Richtung einer Wand verschiebt, die durch die Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit determiniert wird. Kurz - einen allgemeinen Trend zur Verschlechterung der Schlagleistung im Baseball gibt es nicht, das Spiel ist so perfekt geworden (hat sich soweit an die rechte Wand angenähert), dass eine herausragende Leistung, wie ein 0,400er-Trefferschnitt nur noch so schwierig erreicht werden kann, dass dies seit nunmehr 70 Jahren nicht mehr vorgekommen ist. Dies untermauert er bestens mit der raffinierten Analyse der statistischen Daten. Nach diesem langen Exkurs in die amerikanische Lieblingssportart, geht es (endlich) zum eigentlichen Thema des Buches, Evolution. Gould legt seine Erkenntnisse aus dem Baseballsport auf die Gesamtheit des Lebens auf der Erde um. Seine These: Einen Trend zu höherer Komplexität (von prokaryotischen Bakterien zu eukaryotischen Einzellern zu Vielzellern bis hin zum Menschen) gibt es nicht. Vielmehr ist die Entwicklung hochkomplexer Lebewesen das Ergebnis einer zunehmenden Variationsbreite des Systems das in diesem Fall von einer linken Wand (Gould setzt den Bau von Bakterien als geringstmögliche Komplexität eines Lebewesens an) begrenzt wird. Jede Änderung der Komplexität muss also zwangsläufig in Richtung höherer Komplexität gehen. Mit anderen Worten: Die Komplexität EINZELNER Lebewesen kann zwar zunehmen, von einem Trend zu höherer Komplexität" kann allerdings keine Rede sein. Die Beherrschende Lebensform auf diesem Planeten waren immer Bakterien, sie sind es heute und sie werden es immer sein! Auch hier ist seine Argumentation logisch stichfest und durch empirische Daten bestens gestützt. Was sind nun die Konsequenzen aus dieser Überlegung? Nun, diese sind mehr als weitreichend. Es gibt in der Evolution des Lebens im Lebensbaum keinen Hauptstamm, der sich vom ersten Bakterium bis zum Menschen hindurchzieht. Viel mehr ist der Mensch nur ein winziger Seitenzweig in einem gewaltigen Lebensbusch. Es geht sogar noch weiter: Das Reich der Eukaria ist nur eines von drei Reichen von denen zwei aus nichts anderem bestehen als Bakterien (genauer den Bakteria uns Archaea, die allerdings im allgemeinen Sprachgebrauch unter dem Begriff Bakterien" subsummiert werden), die Vielzeller (Pflanzen, Tiere und Pilze) stellen wiederum nur einen kleinen Teil dieses Astes dar. Oder: Würden alle Vielzelligen Lebewesen mit einem Schlag aussterben, bliebe der Großteil Biodiversität dieses Planeten erhalten. Der Rest des Buches ist eher spekulativ, aber nicht minder interessant. Bakterien waren und sind die beherrschende Lebensform auf diesem Planeten. Ihre Zahl ist gewaltig, sie besetzen alle Lebensräume, die von den Vielzellern besetzt werden, aber auch - und jetzt kommt es - die gesamte Erdkruste bis in eine Tiefe von mehreren Kilometern. Die Lebensräume an der Oberfläche seien eher eine Ausnahme als die Regel. Dies hat äußerst weitreichende Konsequenzen. Die heute noch in Schulen gelehrte These, alles Leben auf der Erde werde von der Sonne mit Energie versorgt und somit erhalten ist falsch. Groben aber vorsichtigen Schätzungen zufolge übersteigt die Gesamtmasse der im Gestein lebenden Bakterien, welche unabhängig von der Sonne mit Energie aus dem Erdinneren existieren können, die aller restlichen Lebewesen auf dem Planeten zusammen! Dies sollte, es sich irgendwann als richtig herausstellen, muss unser Verständnis von bewohnbaren Orten außerhalb der Erde grundlegend ändern. Konsequent weitergedacht, bedeutet das nämlich, dass die Bedingungen für Leben nicht so selten im Universum vorkommen, wie angenommen (Gould spricht von etwa 10 Himmelskörpern im Sonnensystem, welche Bedingungen aufweisen unter denen auch auf der Erde Leben existiert), dieses allerdings seinen Schwerpunkt (oder einzige Form) wie auf der Erde auf Bakterien liegen hat. Mit diesen Überlegungen endet das Buch mehr oder weniger. Fazit: Illusion Fortschritt ist ein Buch, welches dem geneigten Leser eigentlich Offensichtliches eindrucksvoll vor Augen führt, nämlich dass es in der Entwicklung des Lebens keine Trends gibt und der Mensch kein zwangsläufiges Produkt der Evolution ist. Goulds Schreibstil ist durchaus unterhaltsam, wenn auch anfangs etwas gewöhnungsbedürftig (zumindest in der deutschen Übersetzung). Zudem neigt der Autor zu langen Ausführungen mit zahlreichen Wiederholungen. Mehr als einmal verspürt man beim Lesen den Drang auszurufen Schon gut, ich hab's begriffen, gehen wir endlich weiter!" Dies ist vor allem im zweiten Teil des Buches der Fall, der um einiges kürzer gehalten hätte werden können. Dennoch ist Illusion Forschritt ein gelungenes Buch, mit vielen vielleicht nicht neuen oder besonders spektakulären, aber sehr zum weiteren Nachdenken anregenden Sichtweisen, das es auf jeden Fall wert ist gelesen zu werden. (4 von 5 möglichen Punkten) Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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