Über die (ab 1995) zunehmend wechselhafte Geschichte von Morbid Angel muss man kein großes Wort mehr verlieren. Die entscheidende Entwicklung ist: Dave Vincent ist wieder da! Ist das gut? Oh ja! Wie wir in den letzten Jahren auf unzähligen YT Videos verfolgen konnten, versprüht der Mann mit dem Charme eines gealterten Kiss-Roadies Charisma und Präsenz, die der Vorgänger Steve Tucker nicht leisten konnte. Stimmlich absolut auf der Höhe brüllt DV sehr akzentuiert und verständlich die unheilvollen Texte in den Orbit und man ist geneigt zu sagen, ja, das ist DER MA-Frontman schlechthin.
Es sei erwähnt, dass ich dennoch die Steve Tucker Werke Formulas und Gateways abwechselnd auf Platz 1 meiner persönlichen MA Charts sehe, weil diese über ein - nach wie vor - unerreichtes songwriterisches und und atmosphärisches Niveau verfügen, das im DM so nur selten - wenn überhaupt - erreicht worden ist.
Nachdem der neue Track "Nevermore" seit Jahren durch die gängigen Videoplattformen gegeistert ist, konnte man sich getrost auf die Platte freuen. Die Single "Existo Vulgoré" untermauerte die Hoffnungen, dass mit dem "I"-Album der ganz große Schlag nach dem in vieler Hinsicht enttäuschenden "Heretic" erfolgen sollte.
Und er erfolgte. Und wieder auch nicht. Die Platte ist im Prinzip zwiegespalten. Zum einen gibts mit den vorgenannten Tracks und "Blades for Baal" und "10 More Dead" Morbid Angel vom Feisten und stilistisch in der vollen Range der ersten vier Alben mit leichtem Schwerpunkt auf "Dominate". Super Sache also! "Beauty Meets Beast" ist etwas weniger zugänglich und etwas spröde arrangiert und passt stilistisch zu am ehesten in den Heretic Kontext, kann aber mit einem sehr gelungenen Endsolo aufwarten.
So weit so gut. Fünf sehr gute bis solide Tracks sind ja schonmal nicht schlecht. Jetzt kommen wir jedoch zu dem "problematischen" Titeln. Das Intro - ok. Ist ein Intro. Und klingt nach ziemlich billigen Synthies und Computerspielmusik a la Warcraft. Naja.
Dann der eigentliche Opener: Too Extreme. Ein eigentlich typisches Morbid Angel Riff, doch was ist mit dem Drumsound los? Sehr elektronisch klingt es, sehr maschinell der Beat. Hat sich Trey einen Scherz erlaubt? Nein, der ganze Song lebt von elektronisch verfremdeten, stakkatohaften Drumbeats. Die Gitarren klingen wie gesamplet, was dem Song insgesamt einen Remix-Character eines eigentlich anders klingenden Titels verleiht. Vom Ansatz klingt die Chose wie die Fear Factory Remixes. Treys Leidenschaft für extreme Elektromusik ist bekannt - musste er diese Leidenschaft gleich beim Opener verbraten? Hätte man den Track nicht als B-Seite verwursten können? Ok. Vielleicht ein Scherz vom Meister. Too Extreme? Nein. Too Doof.
Die beiden folgenden Tracks (Existo, Blades) versöhnen deutlich und die Stimmung geht mit "I Am Morbid" erneut in den Keller. Anbiedernd gemachte Mitklatschhymne, bei der nur noch Zeilen a la "Other Bands play - Morbid Angel... (Verb einsetzen)". Vielleicht hatte Trey auch mal das Bedürfnis einen Song wie K.I.N.G. von Satyricon zu schreiben - mit dem Unterschied, dass letzterer knallt und dieser Titel irgendwie peinlich ist - allerdings hat er bei 2:30 ne ganz nette Bridge. Hüstel.
Mit 10 More Dead gehts versöhnlich weiter, bevor mit Destructos vs The Earth wieder ein "Problemkind" aus den Boxen nörgelt. Der Song ist im Prinzip eine EBM Nummer mit entsprechendem Gesang a la Front 242 oder frühe Project Pitchfork. Im Refrain gibt's sogar lustige Roboterchöre. Eigentlich ganz originell, ich weiss aber nicht, ob ich das von Morbid Angel hören will.
"Nevermore" als der klare Favourit und "10 More Dead" stimmen erneut versöhnlich, bevor mit "Radikult" die wohl am meisten fordernde Nummer der Platte kommt. Sehr experimentell geht's zunächst erneut mit E-Drums und verfremdeten Bass los - um dann definitiv in der Manson-Ecke zu landen, wenngleich aber deutlich extremer. Am Ende gibt's noch schönes Ooh-Aah Gestöhne. Erneut ein Gag oder gnadenlose Anbiederei an einen Trend, der 10 Jahre vorbei ist?
Den totalen Abschuss gibt's mit Mea Culpa. Erneut E-Drums, Synthie-Gitarren. Klingt wie Samael auf 45 rpm. auf Redbull. Nur beknackter. Totalausfall.
Jo. Was machen wir denn mit der Platte auf die wir seit 2003 gewartet haben? Mülltonne? Dafür sind die "guten" Songs zu stark. Kaufen? Dafür sind die übrigen sieben (!) Songs zu schlecht.
Ach mann, Trey. Ich verstehe, dass wir nicht mehr in den Zeiten von Altars of Madness leben, dass man sich entwickelt, dass man neue Einflüsse verarbeitet, blabla. Bitte verstehe DU aber, dass wir den Großteil, der auf dieser Platte zu finden ist, nicht von Dir hören wollen. No hard feelings, ok, Trey?
PS: Das Drumming von Interimsdrummer Tim Yeoung (der auch auf dem Divine Heresy Album einen Mega-Job abgeliefert hat) ist der absolute Wahnsinn und fügt sich nahtlos in den MA Sound (der guten Tracks) ein.
Drei Sterne und Mittelmaß für eine Platte, die man gerne geliebt und zelebriert hätte.