Physiker und Gehirnforscher in einem, Valentin Braitenberg gelingt in seinem kurzen Roman eine seltsame Brücke zwischen diesen zwei Welten. Harmlos wie viele Romane spinnt er eine fast autobiografisch klingende, leicht erotische und immer spannende Beschreibung der aktuellen Fragen der Physik und ebenso des Bewußtseins.
Dabei findet der Leser in den Dialogen zwischen Erzähler, Engel und fiktiven Denkern von England bis Jerusalem erfrischende Ideen zur Frage, wer wir sind.
Die schwierige Frage der Erhaltungssätze in der Quantenmechanik wird von einem außergewöhnlich begabten, behinderten Engländer gefühlt, intuitiv erfaßt. Tänzerisch sich drehend ergründet er die Erhaltung des Wirkungsquantums. Dabei ist Braitenberg erstaunlich genau, ohne den Leser mit irgendwelchen Gleichungen abzuschrecken. "Die Substanz der Wirklichkeit ist in kleine Portionen unterteilt, der Raum der Wirklichkeit hat drei Dimensionen: räumliche Ausdehnung, zeitliche Ausdehnung und Kraft, das sind die Qualitäten der Wirklichkeit.", ein schönes Gleichnis auf die schwerverständlichen Phasenräume der Physik.
Aber auch "Seele, Psyche, Geist wie Sie wollen" kommen nicht zu kurz. Wenn uns eine Person im Traum erscheint und uns dabei Ideen gibt, hat dann die Seele dieser Person zu uns gesprochen? Gehört uns die Idee oder geht das Patent besser an den Engel im Traum? Wieviele Seelen gibt es denn, vielleicht hat ja ein Mensch mehrere? Das öffnet die Phantasie und regt neue Gedanken zum alten Leib-Seele-Problem an.
Wenn wir mit einem Stock über den rauhen Boden kratzen, spüren wir den Boden, fühlen im Stock oder im Gehirn die Unebenheit? Innen und außen sind für das Bewußtsein schwer zu unterscheiden.
Über weite Strecken spielt die Geige, das Lieblingsinstrument Braitenbergs, eine wichtige Rolle. Die vielen Dimensionen der Qualität einer Geige mögen lange erscheinen, geben dem Roman aber einige spannende Wendungen, die den Leser über die vielen Ebenen der Geschichte führen. Wem die Bücher von Hofstadter und Dennett zu lang sind, Sophies Welt zu kindisch ist, der ist mit dieser Weiterentwicklung bestens bedient.
Eduard Heindl (Dipl. Phys.)