Ich bin kein passionierter Science-Fiction-Fan, habe das Buch vor allem wegen seiner Ilias-Thematik gelesen. Nun: gerade aus ,philologischer' Perspektive ist das Buch gar nicht übel - hier hat einer mal wirklich die Ilias gelesen und präsentiert uns echte - na, fast echte - homerische Helden statt pseudo-historischer Besserwisserei. Simmons ist geradezu bestürzend gelehrt - Ilias-Figuren tauchen auf, die selbst Kenner längst vergessen haben, und die Philologen unter den Lesern dürften alsbald anfangen, verlegen auf ihrer Unterlippe herumzukauen. Alles ist sehr eng an Homer angelehnt, ein Detailvergleich mit dem Original lohnt sich. Ohne Skrupel holt Simmons sogar die Götter aus der Versenkung und lässt sie, unbekümmert um Theologie oder Physik, aus Leibeskräften im Olymp und auf dem Schlachtfeld herumfuhrwerken - nanotechnisch hochgerüstete Hightech-Wesen, die, mit der Passion von Online-Rollenspielfreaks, den Trojanischen Krieg zu ihrer Unterhaltung betreiben. Nur Zeus, der Gott, der sogar Götter töten kann, findet das nicht so witzig und versucht mit wechselndem Erfolg, die hitzigen Spieler vom Schlachtfeld zurückzupfeifen. In all dem müht sich der wiederbelebte Altphilologe Hockenberry aus dem 21. Jahrhundert, Kriegsberichterstatter im Auftrag der Muse (ja, selbst die hat Simmons nicht vergessen), seinen Job zu tun - und zu überleben. Streckenweise wird es sogar richtig spannend, wenn Hockenberry beschließt, den Posten des Beobachters zu verlassen und ernstlich in den Kriegsverlauf und die Geschicke der Helden einzugreifen.
Das alles klingt einfallsreich und witzig, was es zunächst auch ist. Auch stilistisch verfügt Simmons - und nicht zu vergessen, sein deutscher Übersetzer - über eine erfreulich große Bandbreite, die den archaisierenden Stil der Homerübersetzer (in der deutschen Fassung vor allem Schadewaldt) mühelos mit derber Soldatensprache und mit der "normalen" Ausdrucksweise Hockenberrys zu verbinden weiß. Leider aber ergibt das Handeln von Göttern, Kriegern und Hockenberry, je mehr man liest, desto weniger Sinn - ganz zu schweigen von der Frage, in welcher Weise die Trojahandlung mit den übrigen Handlungssträngen des Buches zu verknüpfen ist. Hockenberry und die andern hantieren fröhlich mit Nano-, Quanten- und sonstiger Technologie, aber keiner von ihnen scheint etwas über die Welt, in der er lebt, zu wissen - oder sich dafür zu interessieren. Kein Mensch in diesem Buch denkt irgendwas. (Die Götter auch nicht, allenfalls die Moravecs). Nur der Leser fragt sich in zunehmender Verwirrung, was das alles eigentlich soll, warum es stattfindet und wozu. Und dieser Mangel an Sinn macht die Troja-Adaption auf Dauer steril: Trotz allem, was Hockenberry unternimmt, gelingt es ihm bzw. dem Autor nicht, jemals so etwas wie eine emotionale, ethische oder auch geistige Haltung zum Geschehen zu gewinnen; er bleibt im verständnislosen Staunen des Berichterstatters stecken - und wir daher mit ihm.
In dem Handlungsstrang auf der Zukunfts-Erde verhält sich das ähnlich. (Es gibt insgesamt drei Handlungsstränge, aber ich will hier keine vollständige Zusammenfassung liefern, was andere Rezensenten bereits bestens getan haben.) Auf der Erde lebt eine zahlenmäßig reduzierte, auch arg verdummte, aber rundumversorgte Rest-Menschheit, die von Servitoren und Voynixen bedient wird und weder Krankheit, Tod, Alter, Hunger, Energieknappheit oder sonst etwas fürchten muss, sondern das liebe lange Leben nur von Party zu Party "faxt", um dort Sex und Spaß zu haben. Einige dieser Menschen werden sich trotz des vorherrschenden Stumpfsinns bewusst, dass sie recht wenig über ihre Welt wissen, und brechen zu einer Erkundungstour auf. Diese führt sie zu den die Erde umgebenden Ringen mit ihren Orbitalstädten, wo angeblich die "Nachmenschen" leben, eine verbesserte Version unserer Spezies, zu der die irdischen "Altmenschen" nach dem Tode ebenfalls aufsteigen sollen. Man ahnt recht bald, dass damit irgendetwas faul ist. Was die Protagonisten aber nach einer Reihe mehr oder weniger einfallsreicher Abenteuer (mit Odysseus auf Dinojagd! - das allein wäre allerdings fast einen Extra-Stern wert gewesen) dort oben entdecken, ist einfach nur albern. Und ihre Art, darauf zu reagieren, ist von dermaßen krimineller Dämlichkeit, dass es mich fast dazu gebracht hätte, das Buch in die Ecke zu schleudern und sofort total zu vergessen. Hier offenbart sich nicht nur Logikloch, sondern ein kompletter Mangel an Durchdachtheit der Gesamtaussage, der endgültig klar macht, dass man auf Erklärung, Sinn und Zusammenhang auch in Band 2 vergeblich warten wird.
Wenn z.B. die Menschheit auf jener Zukunftserde sämtliche Probleme, die die Welt von heute plagen, hinter sich gelassen hat (wirklich alle, außer Analphabetismus), wenn alle Menschen satt, gesund und jugendlich bis zum Ableben sind, dann will ich ein, nur ein einziges vernünftiges Argument haben, WAS zum Teufel daran so furchtbar ist. Es gibt ja diverse U-/Dystopien, in denen eine scheinbar perfekte "schöne neue Welt" sich bei näherem Hinsehen als perfekte Hölle herausstellt oder die paradiesischen Aspekte einer totalitären Wohlfahrtsdiktatur gegen die Vorzüge der Freiheit abgewogen werden müssen. Hier ist das jedoch nicht so. Es gibt - soweit bekannt - keine "Matrix"-Realität, kein Schattenreich, in dem, verschleiert hinter einer Heile-Welt-Simulation, heimlich Kinder gebraten werden (oder so). Nur ein diffuses Unbehagen am Versorgungsstaat, ein vager Affekt gegen das Unnatürliche (oder Unverstandene); es ist, als würde jemand ein Krankenhaus in die Luft sprengen, weil der Anblick entnommener Organe sein ästhetisches Empfinden beleidigt. Die Protagonisten haben schlichtweg keinen hinreichend einleuchtenden Grund, zu tun, was sie tun, sie gleiten eigentlich nur durch den fröhlichen Reigen Simmonsscher Erfindungen, ahnungslos wie Babys, aber absurd fixiert auf die Idee, ihre jeweilige Welt zu retten (oder vielleicht auch in die Luft zu sprengen, so ganz klar wird das nie).
Und wie ich den Rezensionen zu Olympos entnehme, kommen die Lösungen auch im Folgeband nicht, ganz im Gegenteil. Noch mehr Logiklöcher, noch mehr Handlungsstränge, die zu keinem gemeinsamen Sinn finden, noch mehr typisch amerikanischer Mangel an Vorstellungskraft mit der Attitüde, den Diskurs der eigenen Gegenwart und Nation für den Mittelpunkt des Raumzeitkontinuums zu halten.
Als FAZIT würde ich dem, der sich für die Rezeption der Ilias interessiert, tatsächlich empfehlen, ein paar längere Blicke auf den Troja-Handlungsstrang zu werfen, gerne auch im direkten Vergleich mit der Ilias - streckenweise macht das richtig Spaß. Aber nach einer Weile hat man das Verfahren des Autors verstanden - und dann fängt es an sich totzulaufen und das Fehlen von Gesamtsinn und -deutung macht sich unangenehm bemerkbar. In dem Moment heißt es, rechtzeitig den Rückzug antreten - bevor man sich festfrisst ("es muss, es MUSS doch irgendwann klar werden!" - Wird es nicht.) Mancher Detaileinfall amüsiert; aber dafür 800 Seiten zu lesen, emp-finde ich im Nachhinein als Zeitverschwendung - wäre das Buch kürzer, hätte ich mehr Sterne gegeben. Die Fortsetzung werde ich mir auf gar keinen Fall antun.