Bereits der antike Tragödiendichter Euripides beklagte, dass sich Homers Götter während des trojanischen Kriegs doch sehr menschlich aufführen: Willkürlich und mit grosser Grausamkeit mischen sie sich - aus keinem anderen anderen Grund als ihrem eigenen Vergnügen - in einen Krieg ein, den es ohne ihre Intrigen gar nicht erst gegeben hätte.
Thomas Hockenberry könnte das bestätigen; der Literaturhistoriker, der sein Leben lang an einem amerikanischen Provinz-College desinteressierten Kids Homer näherzubringen versuchte, erwacht - offenbar nach seinem Tod (Hockenberry erinnert sich nur noch in Bruchstücken an sein Leben ausserhalb des Hörsaals)- an einem Ort, an dem Wesen, welche die Gestalt der griechischen Götter angenommen haben, mit irrsinnigem technischen Aufwand den trojanischen Krieg nachspielen - mit echten Griechen und Trojanern, versteht sich. Hockenberry, der einer der Musen unterstellt ist, kommt als Mitglied der sogenannten Schola gwissermassen die Funktion eines Linienrichters zu: Er soll nach Abweichungen zu Homer Ausschau halten; bei seinen Beobachtungen hilft ihm die Technologie der "Götter", welche ihn unter anderem teleportieren und die Gestalt anderer annehmen lässt. Seine Situation ist derart alptraumhaft grotesk, dass er seine Versuchung, den Verlauf des Krieges zu beinflussen, auch angesichts seiner sehr klaren Vorstellungen vom Zorn der Götter, nur schwer unter Kontrolle halten kann...
Andernorts, in ferner Zukunft, entdecken die Moravecs, eine Zivilisation individualistischer Roboter, die sich eine neue Heimat auf den Monden der Gasriesen geschaffen haben und das von Menschen oder deren Nachfolgern bewohnte innere Sonnensystem weitgehend ignorieren, Anhaltspunkte dafür, dass jemand/etwas auf dem Mars Technologien einsetzt, die das gesamte Sonnensystem vernichten könnten. Die Moravecs stellen einen Trupp von Aufklärern zusammen, zu denen auch Orphu von Io gehört, ein entfernt humanoider kleiner Cyborg und Besitzer eines für die Mission auf dem - terraformten und von Meeren bedeckten - Mars wichtigen U-Boots: Orphu ist ein großer Liebhaber menschlicher Literatur, vor allem Shakespeares. Seine Kenntnisse Homers sind aber bescheiden, was er noch bitter bereuen wird...
Ist hier die Rede von ein und demselben Roman? Aber ja. Dan Simmmons, der bereits mit Hyperion und dessen drei Fortsetzungen grandiose und größenwahnsinnige Space Opera geschrieben hatte, hat sich dieses Mal wirklich keine Beschränkungen auferlegt. Seine großartige Geschichte über das Verhältnis von Kunst und Leben, die Macht von Vorbildern und Archetypen und die Frage, was einen Menschen ausmacht sorgt für 700 Seiten fast schon zu cleveren Vergnügens.