Vielleicht darf ich mit einem Kritikpunkt beginnen: Leider geht die vorliegende Edition nur kurz - am Ende des Bandes Odyssee - auf den Übersetzer Karl F. Lempp ein. Es handelt sich um einen mittlerweile verstorbenen Fachhochschullehrer aus Südwestafrika, der mit seinen Schülern die Übersetzungen von Voß nur mit Mühe durcharbeiten konnte und sich deshalb selbst ans Werk setzte. Als Leser wird man neugierig: Ilias und Odyssee werden also in der Übersetzung von Voß an Fachhochschulen in Südwestafrika durchgenommen? Dazu hätte man gerne etwas mehr gewusst; doch leider ist hier eine Fehlanzeige zu vermelden. Bedauerlicherweise ist auch nur wenig über die Vorgehensweise des Übersetzers zu erfahren. Nun ja:
Was zählt, ist das Ergebnis, und dieses stellt eine echte Bereicherung dar. Der moderne Leser kann, wenn er redlich gegen sich selbst ist, die klassische Übertragung von Johann Heinrich Voß heute nur noch mit Hilfe eines Kommentars genießen. Zeilen wie "Atreus' Söhn und ihr andern, ihr hellumschienten Achaier" mag man noch einordnen können, wenn es dann aber um die diversen Geschlechtsbezeichnungen der Helden, Epitheta der Götter usw. geht, ist man rasch verloren: Häufig weiß man als Leser nicht einmal, wer gerade handelt oder spricht. Hinzu kommt, und dies wird auch am Ende der vorliegenden Edition bemerkt, dass eine deutsche Hexameterfassung den Eindruck der homerischen Texte verfremdet. Meine Altgriechischkenntnisse sind vergleichsweise bescheiden, dennoch kann ich die Aussage nachvollziehen, dass die Sprache Homers vergleichsweise einfach und klar ist. Das gilt nicht für die von Voß usw. Denn diese haben ein typisches Übersetzungsproblem mit den besonders langen mehrsilbigen Worten der altgriechischen Sprache. Um die Lücken zu füllen, die durch die kurzsilbigeren deutschen Worte entstehen, müssen die Übersetzer den Text strecken und mit Ausschmückungen füllen, die das Verständnis verhindern.
Bereits die Übertragung der Ilias von R. Schrott hatte gezeigt, dass eine in moderne Sprache gefasste Prosaübertragung zwar den hymnisch-musikalischen Charakter des Originals nicht wiedergeben kann, dafür aber den dramatischen Kern und die packende Charakterzeichnung der Protagonisten klarer herausarbeitet. Leider ging Schrott ein wenig zu gefallsüchtig vor, in dem er den Text mit Fäkalausdrücken und Neologismen würzte, die im Original nicht zu finden sind. Auf einer ganz anderen Ebene bewegten sich immer schon die beiden Übersetzungen Schadewaldts: Auch hier wird ja bekanntlich auf den Hexameter verzichtet, allerdings nicht auf zahlreiche sprachliche Archaismen, die das Original möglichst getreu wiedergeben sollen, das Lesen aber dennoch - ich sage dies als Bewunderer des Lebenswerks von Schadewaldt mit Bedacht - erheblich erschweren.
Diese Übersetzung stellt nun einen in mancher Hinsicht idealen, weil weniger auf Sensation zielenden neuen Ansatz dar. Die erste Rezensentin auf dieser Seite hat es auf den Punkt gebracht: Der Text der ilias ließt sich so spannend wie ein zeitgenössischer Roman, weil die packende Charakterzeichnung und die schicksalhafte Ereigniskette in den Vordergrund gerückt sind. Erkauft ist dies - was kaum zu vermeiden ist - um das Gestenreiche, Musikalische des Originals. Dennoch wirkt die Übersetzung an keiner Stelle vordergründig. Vielmehr verzichtet sie mutig auf alle archaischen Lehnübersetzungen zugunsten einer schlicht und leicht verständlichen zeitgenössischen Sprache: Der Leser muss sich daher vom geliebten "rhododaktylos" bzw. der rosenfingrigen Eos zugunsten schlichterer Wendungen verabschieden, kann dann aber erleben, warum dieses Werk und die Odyssee unsere Weltsicht stärker geprägt haben als jedes andere: Individuen, nicht Schablonen treten mit alle ihren Schwächen und Stärken in den Vordergrund.
Angreifbar ist ein Unterfangen wie das Vorliegende dabei stets: Denn besieht man die einzelne Textstelle im Original bzw. vergleicht sie mit der klassischen Übertragung von Voß bzw. der neueren von Schadewaldt, zeigt sich, wie viel vom Kolorit des Originals zugunsten der Herausarbeitung des Handlungssinns verloren geht. Ich halte diesen Preis dennoch für nicht zu hoch, weil für den modernen Leser etwas anderes an die Stelle tritt: eine blendend erzählte Geschichte von Schicksalhaftigkeit des Lebens, von der Unvolkommenheit, aber auch Einzigartgkeit des Menschen.