Es kann nur als ambitioniertes und lobenswertes Unterfangen bezeichnet werden, eine Neuübersetzung oder vielmehr -übertragung der Ilias vorzulegen, die sich nicht in erster Linie an philologischen Gesichtspunkten orientiert, sondern versucht durch Verwendung einer zeitgemäßen Sprache den 2800 Jahre alten Text dem interessierten Leser des 21. Jahrhunderts zugänglich zu machen. Für den Versuch gebührt Herrn Schrott Anerkennung.
Leider entstellt seine gewählte Sprachebene die Ilias und erzeugt ein Zerrbild. Die Übertragung Schrotts strotzt vor deftigen, unzweideutigen Ausdrücken, speziell in den direkten Reden. Diese Unflätigkeit, an der prinzipiell nichts auszusetzen wäre, mag modern erscheinen, entspricht aber ganz und gar nicht der Sprache Homers. Deftigkeit und Unflätigkeit kommt auch in der ältesten erhaltenen griechischen Literatur nicht selten vor, etwa bei Archilochos -- allerdings enthält sich Homer einer solchen Ausdrucksweise zur Gänze. Wenn aber ein Autor eine bestimmte Sprachebene, die er hätte ohne weiteres verwenden können, vermeidet, so wird man das als bewußt eingesetztes gestalterisches Element ansehen dürfen; wenn also eine Übertragung von der im Original vorherrschenden Sprachebene abweicht, so kann man nur von einer Entstellung des Originals sprechen. Eine "moderne" Übersetzung wäre eine Übersetzung in kontemporäre Hochsprache, nicht aber in kontemporäre Umgangssprache -- auch Homer verwendet schließlich als bewusstes gestalterisches Element die Hoch- und nicht Umgangssprache seiner Zeit.
Die Übertragung Raoul Schrotts vermittelt somit zwar einen Eindruck von der Handlung der Ilias, wer aber über dieses sehr dürftige Gerüst hinaus mit dem Werk vertraut werden möchte, wird von ihr nur in die Irre geführt. Insgesamt ist etwa die Übersetzung Schadewaldts verbal nur ganz unwesentlich antiquierter und kaum schwieriger zu verstehen als jene Schrotts, vermittelt aber einen ungleich originalgetreueren Eindruck des Werkes.