von Etta Scollo
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Die Lektüre dieser zwischen dem 9. und dem 12. Jahrhundert entstandenen und von bedeutenden zeitgenössischen italienischen Dichtern überarbeiteten Texte faszinierte mich wie ein geheimer Code, der sich mir, verborgen im Schrein einer mir unbekannten Sprache, schließlich in der vertrauten Sprache meiner Heimat und der Sensibilität der zeitgenössischen Lyrik offenbarte.
Mehr als ein Jahr sollte vergehen, bevor ich in den Besitz dieses vergriffenen Buches gelangte. In der Zwischenzeit hatte ich die Spuren erforscht, die die arabische Kultur auf meiner Insel seit jener Sommernacht des Jahres 827 hinterlassen hat. Denn damals landete in Mazara eine Flotte, bestehend aus Arabern, Berbern, Spaniern und Persern, Ägyptern und Maghrebinern. Dieses war - nach einhelliger Meinung von Historikern und Schriftstellern - die Geburt eines außerordentlichen Zeitalters, das geprägt war vom Geist der Toleranz zwischen verschiedenen Religionen, Kulturen, Völkern und Sprachen, die von da an über mehr als zwei Jahrhunderte zusammenleben sollten. Das machte aus Palermo "die erste große kosmopolitische Stadt des Hochmittelalters". Palermo war das pulsierende Herz eines multiethnischen und multikulturellen Universums, von dem noch heute die prachtvolle "Cappella Palatina" zeugt.
Als ich in Palermo das Schloss Zisa besuchte und dem Stimmengewirr des suq-ela-Balharm, des Marktes von Ballarò, lauschte, habe ich versucht, den Klang der arabischen Sprache aus dem Sizilianischen herauszuhören. Mir kamen dabei folgende Worte des Schriftstellers Leonardo Sciascia in den Sinn: "Die Bewohner der Insel Sizilien haben nach der arabischen Eroberung angefangen, sich wie Sizilianer zu benehmen", aber nur unter Schwierigkeiten habe ich das Palermo des Idrisi (der erste Geograf der Welt) oder das Syrakus des Ibn Hamdis (der berühmteste sizilianisch-arabische Dichter, 1052-1132) wiedererkannt. Diese Städte sind aus dem Gedächtnis entschwundene Ikonen eines Siziliens, das heute, so scheint es mir, nur noch in der Imaginationskraft lebt und sich vom Vergessen nährt. Wer sich heutzutage aus nordafrikanischen Ländern wie Marokko oder Tunesien nach Sizilien wagt, sieht sich einer unbeständigen, sich auf die alltägliche Neuerfindung der Insel konzentrierten Wirklichkeit gegenüber. Eine Wirklichkeit, die so versucht, die nun chronisch gewordene Notfalllage, in der sie sich befindet, zu überleben.
Damit gibt Sizilien einer "Leere der kollektiven Erinnerung" Raum. Vielleicht war es gerade diese "Leere", die ganz langsam in mir das Bedürfnis erweckte, die Worte der arabischen und zeitgenössischen Dichter in die Sprache der Musik zu übertragen, sie zu singen. Ausgehend von den Bildern, mit denen uns diese träumerische, bilderreiche, raffinierte und schwärmerische Dichtung ein beunruhigend schönes Sizilien beschreibt, von dessen Gärten uns heute nur eine blasse Erinnerung bleibt, und von dem Schmerz über deren Verlust die Verse des Ibn Hamdis sprechen, ist es mein Wunsch, auf einer imaginären Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart diese Bilder zu übermitteln: "Bilder, die so fern sind, dass sie wie Illusionen erscheinen, die dennoch aufblühen wie Blumen in dem Gespinst der Verse aus jener Zeit". Dieses sind dieselben Themen, die immer wiederkehrenden Fragmente des Dramas des Menschen von heute, von uns allen, die wir mehr als je zuvor auf der Suche nach dem verlorenen "Ich" sind. Wir europäischen Sizilianer - und wahrscheinlich auch die jungen europäisierten Muslime - tragen erinnerungslos die Gefühle dieser Dichter in uns, die nicht nur über Reisen, Kämpfe und Gott, sondern auch über alle Formen der Liebe - der spirituellen und der fleischlichen, der heterosexuellen und der homosexuellen, und auch über die sinnliche Gemeinschaft der Feste und der Gastmahle, den Genuss des guten Weines und die Faszination des Feuer geschrieben haben. Etta Scollo, Berlin 2008
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