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Produktinformation
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Keine andere Episode der italienischen Geschichte
ist so grauenhaft wie jene, die sich auf dem Piazzale
Loreto ereignet hat. Nicht einmal die Stämme der
Kannibalen vergehen sich so grausam an den Toten.
Allerdings muß man sagen, daß diese Mörder nicht
für die Zukunft, sondern für die Rückkehr des
primitiven Urmenschen stehen. [...] Und man kann
auch nicht allein den Krieg für diese Grausamkeit
verantwortlich machen. Die Lynchmörder vom
Piazzale Loreto haben nie einen Schützengraben
gesehen; es handelt sich um Drückeberger oder
Minderjährige, die nie im Krieg gekämpft haben.
Allem Anschein zum Trotz bezieht dieser Zeitungsbericht sich nicht auf die Ereignisse in Mailand Ende April 1945, auf die Stadt, die durch die Resistenza und die Alliierten gerade von den Deutschen befreit worden ist. Nicht Benito Mussolini und die faschistischen Parteiführer sind die Opfer der Lynchjustiz. Und bei der Menge handelt es sich nicht um Bürger, die durch das Leid und die Entbehrungen des Zweiten Weltkriegs in wütende Raserei versetzt worden sind. Die Mörder sind keine Partisanen. Dieser Text wurde vielmehr im Juli 1920 in Mailand verffentlicht, während der Streik- und Gewaltwelle des »biennio rosso«, der beiden »roten Jahre« 1919 und 1920. Der Tote ist ein unbekannter Oberwachtmeister der Carabinieri, ein gewisser Giuseppe Ugolini, der zufällig über den Piazzale Loreto ging. Die für den Lynchmord Verantwortlichen sind militante Anarchisten und Sozialisten aus dem Viertel des Viale Monza, die der tagelange Generalstreik aggressiv gemacht hat und die erbittert und wütend sind über die Unterdrückungspolitik der Regierung Giolitti. Benito Mussolini spielt durchaus eine Rolle in dieser Angelegenheit, aber eben nicht die des Opfers; als Herausgeber des Popolo d'Italia ist er der Verfasser des zitierten Textes.
Einen glücklicheren Zufall, als zwischen den Quellen sozusagen den Leitartikel zu entdecken, den Mussolini, ein Vollblutjournalist, seiner eigenen Hinrichtung auf dem Piazzale
Loreto gewidmet hätte, kann man sich als Historiker schwerlich wünschen. Aber auch der glücklichste Zufall bleibt ein Zufall. Veröffentlicht, als Mussolini sich darauf vorbereitete,
Premierminister Giovanni Giolitti die Fasci , die faschistischen Kampfbünde, zur Verfügung zu stellen, um eine drohende probolschewistische Revolution abzuwenden, ist der Leitartikel in Il Popolo d'Italia viel eher Teil der Geschichte der Ursprünge des faschistischen Regimes als der Geschichte des toten Körpers des Duce. Dennoch ist der Text über die »Kannibalenstämme« vom Piazzale Loreto ein geeigneter Ausgangspunkt, insofern er - mit all der Kraft, die aus der absoluten Zufälligkeit resultiert - die tieftragische Dimension von Mussolinis Leben deutlich macht. Kann es ein schrecklicheres Drama geben als das eines Mannes, der sich nicht bewußt ist, daß er fünfundzwanzig Jahre im voraus die genauen und grauenvollen Umstände seines eigenen Endes kommentiert?
In Mussolinis Schriften finden sich weitere Zeichen, die auf ein »groteskes und erhabenes« Schicksal als öffentliche Person vorausdeuten, die von allen geliebt und von allen gehaßt
wird. Dazu gehören auch jene Worte, die den Angehörigen und Anhängern des Duce nach 1945 letztlich als ein unwiderlegbares Dokument seiner prophetischen Gabe gelten sollten: »Es wäre ausgesprochen naiv von mir, wenn ich darum bitten würde, daß man mich nach meinem Tod in Ruhe läßt. An den Gräbern der Köpfe jener großen Umwälzungen, die man Revolutionen nennt, kann es keinen Frieden geben.« Aber damit muß das Spiel der Zufälle sein Ende haben. Nichts deutet darauf hin, daß die Ermordung Benito Mussolinis vor dem Gittertor einer Villa in Giulino di Mezzegra am Comer See durch kommunistische Partisanen vorherbestimmt war; und nichts kündigte die Schändung des Leichnams und seine öffentliche Zurschaustellung vor den Augen der Mailänder Bevölkerung als unausweichlich an. Das ändert allerdings nichts daran, daß wir weit in Mussolinis Biographie zurückgehen müssen, um sein Schicksal post mortem zu rekonstruieren, um die Ereignisse in Giulino di Mezzegra und auf dem Piazzale Loreto in einen historischen Kontext zu stellen, um den Abenteuern und Mißgeschicken des Leichnams in den ersten Jahren der Republik einen Sinn zu geben und um uns vor Augen zu führen, wie das Leben des Duce nach dem Tod in der Realität und in der Vorstellung der Italiener aussah.
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