Vorab: Ich kenne keine Aufnahme des Barbier, die bis ins letzte Detail so sorgfältig, so perfekt produziert ist wie diese Einspielung von 1982:
Agnes Baltsa ist stimmlich hervorragend in Form, und hat auch die Rolle verinnerlicht - diesen schwierigen Spagat, die Rosina zwar als junge Frau darzustellen, aber eben als eine, die es faustdick hinter den Ohren hat und dem Figaro gewachsen ist. Auch wenn etwa die junge Teresa Berganza, Jennifer Larmore oder Cecilia Bartoli noch jugendlicher und scheinbar unschuldiger klangen, Maria Callas giftiger, Baltsa ist eine weit mehr als solide Rosina.
Der Figaro ist von keinem Sänger nach dem 2. Weltkrieg stilsicherer, technisch souveräner eingespielt worden als von Sir Thomas Allen. Mögen auch Tito Gobbi oder Hermann Prey noch mehr Spielfreude und komische Eitelkeit in die Rolle gebracht haben, musikalisch ist ihnen Allen überlegen und trotzdem hinreichend aufgeblasen - er ist vielleicht der größte Trumpf dieser Einspielung.
Francisco Araiza schließlich ist ein echter Glücksfall als Graf Almaviva:
Ein Sänger mit der Stimme und dem Volumen eines lyrischen Tenors, der trotzdem die stimmliche Beweglichkeit für Rossini hatte. Und so haben wir hier endlich einmal einen wirklich glaubwürdigen Prinzen für die Rosina, um den zu kämpfen lohnt. Stört mich, dass er in schnellen Koloraturpassagen seiner großen Bravourarie "Cessa di pìu resistere" aspiriert (d. h. die Töne mit "h" trennt)? Nicht wirklich, das taten andere auch, die dafür meist sehr viel weniger schöne Stimmen hatten - wenn sie die Arie nicht wie früher üblich ganz wegließen (Alva, Monti, Benelli). Und wenn man eben nicht immer einen Juan Diego Florez hat(te) ...
Die beiden Bässe gehören ebenfalls zum besten, was die Diskographie zu bieten hat: Hier der gravitätische Robert Lloyd als hintergründig fieser Don Basilio, dort Domenico Trimarchi als eitel-hektischer Doktor Bartolo.
Welche Wünsche bleiben also offen? Vielleicht der nach einem anderen Dirigenten: Sir Neville Marriner leitet zwar sehr sorgfältig und präzise, aber nicht wirklich mit dem Esprit, den diese großartigen Sänger verdient hätten.
Und damit lässt die Aufnahme - glücklicherweise - noch Platz für Alternativen wie die ähnlich großartig besetzte, aber lebendigere Aufnahme unter
Jesus Lopez-Cobos (mit Larmore, Gimenez, Hagegard, Ramey, Corbelli) oder den genialen Zweikampf
Callas-Gobbi unter dem sehr inspirierten Alceo Galliera.