Maria Callas war nicht unbedingt für ihr komisches Talent bekannt. Umso beeindruckender ist ihre Rosina: Eine junge, durchaus emanzipierte Frau mit Haaren auf den Zähnen, kein Soubretten-Zuckerpüppchen, wie es damals in dieser Rolle noch üblich war - wenn sie singt, sie könne zur "Viper" werden, glaubt man ihr das sofort. Und die Souveränität, mit der sie Rossinis Koloraturkaskaden nicht nur bewältigt, sondern beherrscht, die Eleganz ihrer Kadenzen lässt einen bedauern, dass sie - außer diesem Barbier und einem Turco in Italia - nicht noch mehr Rossini aufgenommen hat - z. B. eine Semiramide.
Ihr Figaro in dieser Aufnahme ist Tito Gobbi, mit dem Callas sich schon so viele Kämpfe geliefert hatte - meist auf Leben und Tod, z. B. als Tosca und Scarpia, hier um das letzte Wort und die nächste Pointe. Auch dabei erweist sich der Bariton als gleichwertiger Gegner. Zwar ist er kein technisch perfekter Rossini-Sänger - seine Koloraturen wirken teilweise etwas unbeholfen, hohe Töne werden teilweise heraus "gehupt". Auf der anderen Seite ist Gobbis komisches Talent unübertroffen, sein Figaro ein Hallodri aus Fleisch und Blut, der einfach Spaß macht, mehr als bei mancher technisch perfekteren Darstellung.
Schade, dass die EMI diesen beiden darstellerischen Schlachtrössern keinen gleichwertigen Grafen Almaviva zur Seite gestellt hat wie z. B. Nicolai Gedda oder Cesare Valetti. Luigi Alva ist im Verhältnis etwas leichtgewichtig, und an sein etwas jammerndes, sehr helles Timbre muss man sich auch gewöhnen. Nichtsdestotrotz ist er ein stilsicherer Rossini-Sänger, der deshalb mit diesem Repertoire sehr gesucht war.
Dazu gesellen sich mit Nicola Zaccaria als düsterem Don Basilio und Fritz Ollendorf als eitel-aufgeplustertem Dottore Bartolo zwei sehr unterschiedliche Bässe, die ihre jeweiligen Rollen aber sehr überzeugend singen - insbesondere Ollendorf überrascht in diesem muttersprachlichen Ensemble positiv.
Alceo Galliera dirigiert einen sehr flexiblen, feinen, und doch temperamentvollen Rossini, und steht damit vielen namhafteren Kollegen in nichts nach.
Der einzige Kritikpunkt, den ich an dieser ungewöhnlichen, aber sehr überzeugenden Rossini-Aufnahme (vielleicht abgesehen von Alvas Timbre) habe, ist der Umstand, dass die Tenorarie "Cessa di pìu resistere" fehlt. Das war aber früher üblich, und ändert nichts daran, dass dieser Barbiere viel mehr ist als ein Callas-Vehikel.