Was mich an Sabine Dardennes' erschütterndem Bericht am meisten beeindruckt, ist ihre bewundernswerte Stärke. Sie erlaubt nicht, daß Dutrouxs' schmutziges Kellerloch fortan ihre Welt bestimmt, daß der Perverse ihr Menschenbild verzerrt.
Die Welt, das ist Sabines selbstbestimmte Welt, Familie, Freunde und Tiere. Die Menschen, das sind die Tausende, die sich an den Suchaktionen beteiligt haben, die Ermittler, die sie befreiten oder der freundliche Gerichtsdiener Jules. Dieser Dutroux hingegen ist ein Monster, ein Feind der Menschen und des Lebens das Sabine so sehr liebt.
Ich glaube, nur so ist es zu erklären, daß die Autorin heute ein weitgehend "normales" Leben incl. Beziehung führen kann.
Obgleich sie dem Leser die wohl schlimmsten Details aus 80 Tagen (!!!) Gewalt, Manipulation und menschenunwürdiger Existenz erspart, ist ihr Bericht nur schwer zu ertragen, insbesondere wenn man über eine gewisse Vorstellungskraft verfügt...
Doch sie bringt nicht nur die Kraft auf, zu überleben, sie weigert sich auch, die kleine Sabine, das wehrlose Opfer des großen bösen Teufels zu bleiben - als selbstbewußte junge Frau sieht sie ihm im Gerichtssaal in die Augen, sieht ihn in all seiner verlogenen, feigen Erbärmlichkeit - "und es war dieser Dreckskerl, der den Blick zu Boden richtete".
Nach der Lektüre stellt man sich zwangsläufig die Frage „wie hätte ich mich verhalten?" und es ist fast unmöglich darauf eine Antwort zu finden. In jedem Fall aber macht Sabine Dardennes' Beispiel Mut, sich den eigenen Dämonen zu stellen, wie immer sie auch aussehen mögen. Das man sie überwinden kann, hat sie eindrucksvoll bewiesen.
Möge ihr weiteres Leben von Licht, Liebe und Frieden erfüllt sein.