Auch wenn Merle Haggard immer noch nicht fliegen kann -- seine 12 Songs auf diesem Album können es. Mit "If I Could Only Fly" reiht Haggard sich ein in die illustre Reihe derer, die's auch im Großvateralter noch voll bringen. Das ist kein 08/15-Country-Album, und Haggard, bei den Aufnahmen auch schon jenseits der 60, zeigt sich hier musikalisch vielseitig und neugierig wie wenige andere. Dass er sich dabei selber treu bleibt, ist hier kein Widerspruch: Merle Haggards Songs, egal ob lebhaft oder introvertiert, hatten schon immer Swing und Groove, waren augenzwinkernd schon immer meilenweit entfernt von tumber Cowboy-und-Trucker-Romantik, bestachen schon immer durch eine gewisse Eleganz und die Abwesenheit jeglichen uninspirierten Gestampfes.
"If I Could Only Fly" hinterlässt bei aller Vielseitigkeit den Eindruck eines grazilen, in sich harmonischen, geschlossenen Albums. Bezeichnenderweise wurde es nicht von einem typischen Country-Label produziert, sondern von "Anti-", wo u.a. auch Tom Waits unter Vertrag steht...
"If I Could Only Fly" ist ein sehr persönliches Album geworden; Haggard blickt in einigen Texten zurück auf seine nicht eben gradlinige Biographie: "Wishin' All The Old Things Were New" gibt die Generallinie vor: die Reflexion über ein langes ereignisreiches Leben, die mit "I'm Still Your Daddy" einen Höhepunkt erreicht; Haggard singt hier bar jeder Verklärung über seine Knastbruder-Vergangenheit. "(Think About) A Lullaby" wiederum ist ein behutsames Wiegenlied für ein jung verstorbenes Kind... und "Thanks to Uncle John" eine beschwingte Country-Ballade, in die einige feine Extras verpackt sind: Ein stimmungsvolles Fiddle-Solo ebenso wie eine Eisenbahn-kompatible Mundharmonika.
Aber das alles heißt nun nicht, dass "If I Could Only Fly" ein weinerliches Album wäre: Weder sind die Texte rührselig, noch ist es die Musik. Im Gegenteil: "If I Could Only Fly" ist ein mal melancholisches, mal unbeschwertes Album, in dem schonmal Jazz und Hillbillie zu einem hinreißenden Ganzen zusammenfinden -- oder aber, wie in "Honky Tonk Mama" und "Proud To Be Your Old Man", Dixieland, Blues-Harmonien und Hillbillie. In "Turn to Me" wiederum hat man förmlich den Godfather of Country, Hank Williams, vor Augen, wie er lächelnd mitswingt. Der Song ist einfach, aber nicht einfältig -- und das Gitarrensolo erste Sahne!
Und natürlich hat sich der alte Fuchs Haggard auch in der Auswahl der Instrumente (und der Musiker auch) nie vertan. Hier passt alles zusammen... auch die dezenten Bossanova-Percussions und die coolen Hawaii-Gitarren in "Crazy Moon", oder das quietschfidele Saxophon und die an Stéphane Grapelli erinnernde Fiddle im temporeichen "Bareback".
Das ist Country... und zwar Country vom Feinsten! Sollen ihm die gehypten Jungen erst mal nachmachen...