Dieses Buch würde ich gerne als Pflichtlektüre für die Kollegstufe vorschlagen, aber halt,
darf man junge Leute überhaupt zu Literatur verpflichten? Was würde Kant gesagt haben?
Ich selbst denke: Nein.
Genazino bringt den Leser trotz aller permanent auf ihn einprasselnden, lebenswidrigen Lebensbedingungen
zu einem beständigen Lächeln, ja, er schafft es, selbst in Momenten der höchsten existentiellen Verzweiflung
die Geworfenheit, die wir alle teilen, anzunehmen. Wir müssen leben. Es hilft ja nichts. Machen wir was draus!
Die Kränkung, dass uns niemand gefragt hat, ob wir in dieses Leben treten wollen, ist per se unüberwindbar.
Doch Genazino setzt den aktuellen Titel von Piet Klockes Kabarett-Programm "Das Leben ist schön - gefälligst"
wunderbar literarisch um und zeigt uns auf, dass es sich lohnt, wenn wir trotz unerreichbarem Ich-ideal und damit
trotz grosser Scham, trotz ICH-zerstörerischer Sozialisation, trotz furchtbarer bürgerlicher Angepasstheit, trotz dem
Gott des Aktivismus und trotz dem Gott des Konsums nicht aufhören zu fragen: "Wer könnte ICH sein?".
(Piet Klocke: "Was macht eine Qualle eigentlich am Wochenende?)
Die Vorlesungen und Aufsätze dieses Buches ehren Genazino als einen einzigartigen Brückenbauer zwischen
Literatur, Philosophie, Psychoanalyse, klassischer Musik und der Kunst.
Während der Philosoph nur denkt und seine Gefühle verdrängt, Autobiohagiographie betreibt,
während der Psychologe den Philosophen als Hirnwichser bezeichnet,
während der Staat das wirtschaftliche Wachstum, den Konsum, als DEN Heilsbringer verkündet,
während Religion, Metaphysik und alle Geisteswissenschaften ökonomisiert werden,
während der Künstler zeigt: Da ist doch noch etwas, da ist ein unbegreiflicher Überschuss,
während sich alle Disziplinen gegenseitig bekämpfen,
lehrt uns Genazino eine wunderbare Toleranz, einen interdisziplinären Brückenbau,
in dessen Zentrum ein verzweifeltes, vergewaltigtes, verformtes, unklares, fragendes,
erst einmal nicht zu definierendes Ich steht.
Wilhelm Genazino gibt diesem unseren einzelnen, individuellen ICH eine Chance.
Es bedarf zwar eines wahnwitzigen energetischen Kraftaktes, den vorgefundenen Lebensbedingungen
überhaupt die Chance auf Individualität abzugewinnen.
Aber es ist DIE Chance überhaupt. Jedoch immerhin!
Und mit Humor, diesem Kristall, aus tiefer Not geboren, zeigt uns Genazino auf,
dass das eigentlich Unaushaltbare lächelnd, annehmend, anerkennend (was ist),
uns auf eine innere Reise führen kann, die fühlend, denkend, spürend, ertastend,
ahnen lässt, wozu der einzelne Mensch fähig sei, wenn er die Kette aller seiner
Kränkungen, Fixierungen, Sozialisationen sprengt - oder einfach hinter sich lässt...
Seite 63: "Wir alle leben in Ordnungen, die wir nicht erfunden haben, wir können nichts
für diese Ordnungen, sie befremden uns. Sie befremden uns deswegen, weil wir merken,
dass wir mit der Zeit die Schuld dieser Ordnungen übernehmen."
Seite 65: "Ich halte es für ein Kennzeichen der Moderne, dass die Menschen die Herkunft
ihrer inneren Leiden nicht mehr feststellen können."
Seite 134: "Obwohl sich die Katastrophe in unserem Inneren zuträgt, betrachten wir sie von außen.
Die versuchte Objektivierung ist vielleicht die größte Katastrophe, die dem Betroffenen nicht aufgeht."
Es gibt nichts zu objektivieren!
Spüren wir "einfach nur" ...