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40 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Rückkehr ins Leben, 28. August 2008
Nach seinem im letzten Jahr erschienen und für den Deutschen Buchpreis 2007 nominierten Opus Magnum "Abendland", legt Michael Köhlmeier nun dieses kleine, große Bändchen mit dem außergewöhnlichen Namen "Idylle mit ertrinkendem Hund" vor, dass zwar ganz anders, aber mindestens genauso großartig daherkommt wie sein fast 800 Seiten starkes Geschichtsepos.
"Wie kann ich über den Tod unserer Tochter schreiben?"
"Willst du denn darüber schreiben?"
"Das möchte ich, ja."
"Ich denke, ich weiß, wo das Problem liegt. Du bist dir nicht sicher, ob du Literatur machen willst oder bloße Erinnerung, hab ich recht?"
"Ich will, dass sie bei mir ist. Und ich habe die Hoffnung, dass sie näher bei mir ist, wenn ich über sie schreibe."
Dieses fiktive Gespräche - beinahe am Ende des schmalen Büchleins -, das der Ich-Erzähler, der unschwer als Michael Köhlmeier persönlich zu erkennen ist - in Gedanken mit seinem Lektor führt, offeriert erstmals deutlich, worum es dem Österreicher in diesem stillen, leisen Buch geht: um die Aufarbeitung eines schweren Schicksalsschlags, den seine Familie unverhofft im Jahr 2003 traf. Damals verunglückte die 21-jährige Tochter und vielversprechende Jungautorin Paula Köhlmeier bei einem Spaziergang tödlich. "Sie war nie richtig auf der Welt gewesen", sagt Köhlmeiers Frau - die Schriftstellerin Monika Helfers - im Buch, "sie hat den Boden nur mit den Fußspitzen berührt."
(Sturm, Nacht, Heide, eine Hütte, Lear und sein Narr)
Diesen szenischen "Drehbuch"-Einschub setzt der Autor über jenes erdachte innere Zwiegespräch. Nun hat Köhlmeier seine Tochter keineswegs wie Sheakspears König verstoßen, - im Gegenteil - die Familie pflegte einen sehr harmonischen Umgang miteinander, aber die Qual steht der des englischen Dramenhelds kaum nach. Schlaflose Nächte, hypochondrische Ängste und Gedanken quälen ihn, und nur Betäubungsmittel können den Schmerz ein wenig "lindern".
Da ihm die Träume verwehrt bleiben (auch hier werden wieder Vergleiche gezogen, so zum Beispiel zu Grillparzers "Der Traum ein Leben"), die ihm den notwendigen Abstand und gleichzeitig die erforderliche Nähe geben könnten, wählt er das, was sein Lebenselixier ist - das geschriebene Wort. "Ich glaube an die Literatur, (...), sonst hätte ich mein Leben verfehlt...", sinniert der Autor.
Symbolhaftigkeit durchzieht die ganze Geschichte latent metaphorisch. Szenen beherrschend ist dabei immer der eigenwillige Besucher - Köhlmeiers Lektor, Dr. Johannes Beer -, der sich für mehrere Tage im Haus der Familie in Hohenems einquartiert, um über das neue Buch des Autors zu sprechen. Wohl oder übel gibt jener den Shakespeareschen Narren (obwohl ihm im Laufe der Erzählung auch andere Vergleiche anhängig werden, so etwa der augenscheinlich biedere, jedoch janusköpfige Adolf Verloc aus Joseph Conrads "Der Geheimagent: Eine einfache Geschichte" oder der verwegene Jacob Grimm).
Der aufmerksame Leser kann aber noch viele andere Allegorien entdecken. Da wird zum Beispiel - eher unauffällig und beinahe nebenher - ein Zöllner und Dantes Inferno erwähnt. Ein schwarzer Hund wiederum (ein altes Zeichen für den Tod) spielt eine maßgebliche, ja richtungweisende Rolle, die alles andere als eine augenscheinlich harmonische, häusliche Idylle und Routine oder plätschernd beschauliche Alltagsbetrachtungen im winterlich verschneiten Ort offenbart, sondern den verzweifelten Kampf Köhlmeiers mit dem Dämon - mit Luzifer - höchstpersönlich.
Michael Köhlmeier "spricht" in prägnanten Sätzen, ohne Schnörkel und unnötiges Beiwerk, beinahe distanziert, über Tod, Erinnerung und Schreiben, um die Sprachlosigkeit zu überwinden, die durch den Verlust der Tochter entstanden ist.
Dieses Buch empfiehlt sich nicht nur ein zweites Mal zu lesen, sondern es erscheint beinahe notwendig. Dann kann es nicht zu einem solch gravierenden Zwei-Sterne-Fehlurteil kommen, welches in einer renommierten Bücherzeitschrift entdeckt wurde: "Eigentlich entzieht sich dieses Buch jeder Bewertung. Doch viele Leser dürften es desinteressiert zur Seite legen, bevor sich der tragische Hintergrund enthüllt."
Keineswegs - denn Köhlmeier schafft auf beinahe magische Art und Weise eine unglaubliche Nähe und Vertrautheit zu seiner ganz persönlichen Gefühls- und Gedankenwelt, die viel Raum für eigene Assoziationen lässt. "Ich glaube doch, dass es mir gelungen ist, den Raum des Erzählbaren zu vergrößern", resümiert Köhlmeier in einem Interview. "Bei diesem Buch habe ich einen Punkt gefunden, an dem ich es nicht für möglich gehalten habe, weiterzuerzählen." Danke, dass er es trotzdem getan hat.
Fazit:
Eine unaufdringliche leise, berührende und ausdrucksstarke Geschichte hat Michael Köhlmeier vorgelegt, welche von Ängsten und Wünschen - ausgelöst durch einen ganz persönlichen Schicksalsschlag, dem tragischen Tod seiner Tochter Paula - erzählt und dabei auf eindringliche Art und Weise aufzeigt, wie zerbrechlich das Leben ist. Ein Buch, das seine volle Entfaltung beim Lesen "zwischen den Zeilen" erfährt.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Unaufdringlich, schön und von latenter Traurigkeit, 28. September 2008
Kennt man Michael Köhlmeiers Biografie, so ist klar, dass er selbst der Protagonist seiner Erzählung ist, auch Frau und verstorbene Tochter wird man erkennen. "Idylle mit ertrinkendem Hund" stellt ganz offensichtlich einen Versuch dar, sich mit dem Tod der damals 21-jährigen Tochter auseinanderzusetzen.
Die für den Titel namensgebende Episode mit dem Hund steht anders, als man erwarten würde, nicht im Zentrum der Handlung, sondern erst an ihrem Ende, als Steigerung dieser bewussten Konfrontation mit dem Tod: Angesichts des eigenen Todes verliert für den Protagonisten vielleicht auch jener der Tochter etwas von seinem Schrecken; der Aufbau der Erzählung lässt viel Interpretationsspielraum, zumal der Hund dem Autor gegenüber eine ganz andere Rolle spielt als dem Lektor gegenüber, für den er lediglich eine interessante Episode darstellt. Das Ringen für den Hund, aber auch gegen ihn, als erkenntlich wird, dass das in seinen Mantelärmel verbissene Tier ihn, sollte nicht rechtzeitig Hilfe kommen, mit in den Tod reißen wird, beider "Auferstehung": darin liegt eine bedeutungsschwere Tragik.
Der Hörer begreift rasch, dass die Vorarlberger Idylle, in die er sich mit dem Lektor begibt, trügt. Stück für Stück kommt der tiefe, schier bodenlose Kummer der "verwaisten" Eltern zum Vorschein und ihre unterschiedlichen Methoden, mit ihm zu leben, immer in der Gefahr, sich zunehmend auseinanderzuleben.
Die Rolle des Lektors bleibt ein wenig rätselhaft. Dieser wirkt auf groteske Art komisch, ein Genie auf seine Weise und ein seltsamer Kauz. Er kittet die Handlung und treibt sie voran, ermutigt zum Erinnern und lässt den Autor schließlich allein mit dem ertrinkenden Hund und der sich daraus ergebenden Konfrontation mit dem eigenen Tod, bringt jedoch letztlich die Rettung.
In diese meisterlich erzählte, anfangs eher humorvolle, dann zunehmend tragische Geschichte sind offene und versteckte Anspielungen auf manches klassische Werk eingeflossen, und auch der häufige Symbolcharakter von Gegenständen und Handlungen offenbart sich zum Teil erst am Ende der Erzählung.
"Idylle mit ertrinkendem Hund" ist ein eher stilles, freilich nicht langatmiges Stück Prosa, unaufdringlich, schön und von latenter Traurigkeit. Schon der Mut zum Verarbeiten eines schrecklichen persönlichen Verlustes durch den Autor, der seinen eigenen Text in der sehr gut gelungenen Hörbuchfassung ausdrucksvoll liest, verdient Respekt. Dass dabei ein bezauberndes Stück Literatur entstanden ist, werden die meisten Hörer und Leser bestätigen.
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ungeheuer dicht, 4. Oktober 2008
Selten hat mich ein Buch so nachhaltig beschäftigt wie dieses scheinbar leichtgewichtige Bändchen. Allein die Frage, wovon es handelt, lässt viel mehr als eine Antwort zu. Wie bewältigt ein Mensch den Tod eines geliebten Kindes? Und wie bewältigt ihn ein Schriftsteller? Und was hat der Tod mit Zurückweisung gemein? Und, und, und.
Es lohnt sich gewiss, dieses Buch mehrfach zu lesen. Kaum ein Satz, hinter dem nicht ein zweiter zu stehen scheint, kaum eine Antwort, die nicht zum Nachdenken reizt. Der Klappentext formuliert es treffend: Hier steckt eine ganz große Geschichte hinter einer sehr kleinen.
Auch aufgrund seiner Sprache habe ich dieses Buch mit großem Genuß gelesen. Jedes Wort ist mit Bedacht gesetzt, unaufgeregt und ungekünstelt. Eine gekonnte Sprache ohne Eitelkeit. Ich finde es großartig.
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