In der Tiefgarage einer riesigen Münchener Wohnanlage finden Kinder zufällig eine Leiche im Schrank. Sie wurde erhängt und lag über dreißig Stunden dort. Von ihrer siebenjährigen Tochter fehlt jede Spur. Sieht es so aus, hätte Polonius Fischer und seine Mordkommission eine Menge Arbeit vor sich.
Früher war Fischer Mönch, doch seinen Orden hat er verlassen, jetzt liest er der zwölfköpfigen Mordkommission einmal die Woche aus einem der Bücher vor, die er in der Stadtbücherei ausleiht. Die zwölf Apostel nennen Spötter diese Runde.
Dann erhärtet sich der Verdacht, dass die Tochter entführt wurde. Wird sie wieder auftauchen? Fischer ist nicht gut in der Vernehmung von Kindern, er fühlt sich da befangen und als eines ihn fragt: Was für einen Beruf hat der liebe Gott, braucht er lange, um zu antworten.
Friedrich Anis Kommissare haben alle ein Privatleben und doch folgt der Autor nicht dem Trend, der einsamen Single-Kommissare mit fast psychotischem Liebesleben, nicht dem Trend, den Leser durch immer aufwändiger zerlegten Leichen bei der Stange zu halten, ihn auf jeder zweiten Seite mit dem neuen Opfer eines Serienmörders zu erfreuen. Auch die Gerichtsmedizin, die wissenschaftlichen Tatortuntersuchung kommt zwar vor, spielt aber nur eine Nebenrolle.
Ist das überhaupt ein Krimi? Ja, denn wir haben einen Mord, der erst am Ende aufgeklärt wird. Nein, weil das Buch nicht massenkompatibel ist, wie die Henning Mankells. Weil es um viel mehr geht, als um Mord. Weil es viel, viel faszinierender ist, wenn auch bei weitem nicht so leicht lesbar. Anis Personen sind Besessene, die einen hadern mit Gott, weil sie nicht an ihn glauben können, die anderen sehen nur sich selbst, und suchen, wem sie Schuld in die Schuhe schieben können; beide stehen vor den Abgründen ihres Lebens. Gibt es überhaupt so viele Besessene in München?
Den Dostojewski der deutschen Krimiliteratur hat man Ani genannt, ob er die literarische Größe des Russen hat, darüber kann man streiten. Sicher aber ist, dass beide in den Tiefen der Menschen die Dämonen gesehen, gesucht haben, von denen diese nichts ahnen, nichts wissen wollen. Und bei Beiden geschieht es dem Leser leicht, dass er das Buch in die Ecke pfeffert, sich fragt, warum er sich damit abgeben soll, nur um fünf Minuten später zu entdecken, dass er es wieder in der Hand hält und weiterliest. Keine leichte Lektüre, fürwahr nicht, aber auch keine verquaste Innenschau. Ganz sicher sein bestes Buch, dabei waren schon die Romane um den Kommissar Süden von der Vermissung ebenso herausragend wie Anis Jugendromane.
Wie soll man dieses Buch nun beschreiben?
Man kann es nur lesen. Man sollte es lesen. Für mich wäre es der erste Kandidat für den deutschen Literaturpreis, weit würdiger als Ingo Schulzes geschwätzig-wichtigtuerisches Neue Leben, besser selbst als Martin Walsers hervorragende Angstblüte.
(C) Hans Peter Roentgen