"Idomeneo" ist Mozarts erste Oper, die nicht mehr als "Jugendwerk" behandelt werden kann, sondern in der er mit reifer Meisterschaft über alle seine schöpferischen Kräfte verfügt. Zugleich schreibt Mozart in "Idomeneo" noch nicht so klassisch-abgeklärt wie in den späteren Opern. Die Musik von "Idomeneo" vibriert geradezu vor Kraft und Dynamik. Nie wieder hat Mozart eine Oper oder überhaupt ein Musikstück geschrieben, dass so überquillt vor Melodien, Harmonien, Klangfarben, Einfällen und Überraschungen. Eine Musik, die - im Gegensatz zu späteren Opern, wo die kompositorischen Mittel planvoller und zurückhaltender eingesetzt sind - den Zuhörer mit der Wucht, der Intensität und - ja doch - der Schönheit der Musik gerade erschlägt. Nicht umsonst meint der renommierte Mozartforscher Alfred Einstein, "Idomeneo" sei wie im Rausch geschrieben.
Vor allem ist vor dem weitverbreiteten Irrtum zu warnen, "Idomeneo" sei eine opera seria, wenn man darunter ein uns heute langweilig vorkommende ewige Abfolge von Rezitativen und Arien versteht. "Idomeneo" ist zwar eine ernste Oper (bis heute wissen viele Leute übrigens nicht, dass Mozart lieber ernste Opern als Buffo-Opern oder Singspiele schrieb), aber in der Konzeption stark französisch beeinflusst. Typisch für "Idomeneo" ist die große, bedeutende Rolle, die der Chor einnimmt und die in keiner anderen Mozart-Oper, auch nicht in der "Zauberflöte", ein Gegenstück hat, und die vielen Accompagnanato-Rezitative. Oft bilden Accompagnato-Rezitative, Arien und Chöre ganze durchkomponierte Szenen, vor allem im dritten Akt. Mozart befindet sich hier mitten auf dem Weg zur durchkomponierten Oper des 19. Jahrhunderts - ein Weg, den er später nicht weitergegangen ist. Richtig ist zwar, dass die Arien bei weitem dominieren, aber neben einem herrlichen Liebesduett gibt es im dritten Akt ein Ensemble, ein Quartett, das innerhalb Mozarts Schaffen einzig dasteht und das man nur als Wunder bezeichnen kann.
Unfair sind auch die oft geäußerten Vorbehalte gegen den Text. Sicher war der Salzburger Hofdichter Varesco, der - in enger Zusammenarbeit mit Mozart, das war etwas Besonderes! - das Textbuch über das von dem Auftraggeber, Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz und Bayern, ausgesuchte Sujet, eine Nebenhandlung des Trojanischen Kriegs, schrieb, kein Genie. Aber er schuf klangschöne Verse und dramatische Szenen, die Mozart die Gelegenheit gaben, alle Facetten seines Könnens zu zeigen.
Welche Aufnahme von "Idomeneo" die Beste ist? Ernsthaft dürfte ohnehin nur eine Aufnahme in historischer Aufführungspraxis in Betracht kommen, und ich würde mich ohne zu zögern für diese hier entscheiden. So voller Feuer und Leidenschaft, so voll Dramatik und Ausdruck, so technisch makellos, so ohne den symphonischen Schönklang des 19. Jahrhunders, aber auch ohne die Übertreibungen mancher anderer Verfechter der historischen Aufführungspraxis muss es Mozart selbst vorgeschwebt haben. Zu erwähnen ist noch, dass die CD selbstverständlich die Münchner Originalfassung von 1781 bietet - die Wiener Bearbeitung von 1786, die etwa Karl Böhm seiner Einspielung zu Grunde gelegt hat, enthält zwar wunderschöne Musik, die von Mozart neukomponierten Stücke sind aber in einem völlig anderen, ruhigeren und abgeklärteren, Stil geschrieben, der zur übrigen Idomeneo-Musik gar nicht passt - und dass die Oper ungekürzt einschließlich des grandiosen Ballets und mitsamter etlicher Alternativversionen aufgenommen ist.
Ganz persönlich: Für mich ist Mozarts "Idomeneo" das wunderbarste Musikstück der Welt, und diese Aufnahme liebe ich über alles.